Elisabeth Cutler verzückt ihr Publikum – an der Seite eines Ausnahmegitarristen

Sie weiß, wie sie ihre Steine polieren muss

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Wandlungsfähige Stimme meets Gitarrenakrobatik: Elisabeth Cutler, Mats Hedberg.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Wenn das Schreiben, Komponieren und Arrangieren von Songs der Arbeit eines Juweliers ähnelt, dann hat Elisabeth Cutler mit dem Produzenten Filippo De Laura ziemlich viel an dem Material für ihr neues Album „Polishing Stones“ poliert, dabei aber markante Ecken und Kanten der Tracks bewahrt. Ihr Konzert im „Liberty‘s“ in Harpstedt beweist: Beharrlichkeit zahlt sich aus.

„Kultur am Donnerstag“ ausnahmsweise mal an einem Dienstag: Nicht alle Tische sind besetzt. „Wenn ihr das nächste Mal kommt, bringt doch eure Freunde mit! Habt ihr so was?“, flachst Violinistin Regina Mudrich, die sich erst im zweiten Teil des Konzerts der Singer-Songwriterin Elisabeth Cutler, dem Ausnahmegitarristen Mats Hedberg und dem Bassisten Tabbel Dierssen hinzugesellt. Das heterogene Quartett liefert sodann eine großartig unkonventionelle Cover-Version von „I shall be released“ ab, an der gewiss auch der textliche Urheber Bob Dylan seine helle Freude gehabt hätte. Der Song habe sie ebenso inspiriert wie die Musik der Beatles, mit der sie groß geworden sei, verrät Cutler. Sie sei genau zur richtigen Zeit geboren worden und habe die Pilzköpfe einfach in ihren Hormonen. „Mein erster Freund sah sogar aus wie John Lennon“, erzählt die Sängerin und Gitarristin schmunzelnd in der Konzertpause. In Harpstedt zollt sie allerdings mit einem von Paul McCartney komponierten Titel, „The fool on the hill“, den Fab Four Tribut.

Die ganze Wandlungsfähigkeit ihrer Stimme blitzt den ganzen Abend über durch. Sie kommt in eigenem Songmaterial genauso zum Tragen wie im letzten Stück: „Summertime“ aus George Gershwins Oper „Porgy and Bess“. Scheinbar mühelos verquickt die aus Boston stammende Wahl-Europäerin, die zeitweise in Nashville lebte, Pop, Folk, Jazz und Blues. Hier und da lassen Norah Jones und Diana Krall grüßen. Cutlers Sprechgesang in „Hurricane of change“ aus ihrem gleichnamigen Album, das schon 13 Jahre auf dem Buckel hat, erinnert hingegen eher an Joni Mitchells „Coyote“. „Ich mag den Winter. Wir brauchen den Wechsel der Jahreszeiten und gelegentliche – die Luft reinigende – Stürme“, merkt die Singer-Songwriterin dazu in gut verständlichem Englisch an.

Den Track „Lost or found“ aus dem 2009 erschienenen Album „Slow release“ läutet Mats Hedberg mit einigen Akkorden aus „O sole mio“ ein. Nicht von ungefähr: Cutler und ihn verbindet nicht nur die musikalische Zusammenarbeit, sondern auch der gemeinsame Wohnort Rom. Hedberg verzückt das Publikum mit Virtuosität und Kabinettstückchen. Schon sein erstes Solo quittieren die Zuhörer mit Szenenapplaus. Mit dem E-Bow, einem Effektgerät für elektrisch verstärkte Gitarren, das er in der Schlaghand hält, um Saiten elektromagnetisch in Schwingungen zu versetzen, erzeugt er abgefahrene Experimentalsounds und sphärische Klangteppiche. Dann wieder spielt er per „Loop“-Technik live eine Folge von Akkorden ein, die sich automatisch in Form einer Endlosschleife wiederholt, was ihm Gelegenheit gibt, eine weitere Melodie darüber zu legen. Das erweckt den Anschein, als zupfe der aus Schweden stammende Gitarrero zeitgleich mehrere Instrumente. Das schon oft totgesagte Wah-Wah-Pedal erlebt eine Renaissance. Hedberg setzt es sehr dezent, aber gerade dadurch sehr wirkungsvoll ein. Mal spielt er mit, mal ohne Slide-Röhrchen. Gelegentlich greift er sogar zu einer Gitarre mit teils gekrümmten Bünden.

Elisabeth Cutler hingegen weckt oft schon mit den ersten gesungenen Versen die Neugierde auf das, was folgt – etwa bei dem verträumten „Missing love“, dem Opener aus „Slow release“. Das Stück mit einem Text voller Wehmut war das erste, das sie schrieb, als sie nach Rom kam.

In dem Blues „Deep in blue“ schafft ihre Stimme mühelos den Spagat zwischen zart-zerbrechlich und kraftvoll treibend. Ihr Songmaterial, mal funky-groovy, oft gewürzt mit Jazz wie bei „Ghost of my blues“ oder „I am love“, häufig balladesk-melancholisch, zuweilen gradlinig, dann wieder mit unerwarteten „Brücken“, hält etliche Überraschungen bereit.

Keine Frage: Elisabeth Cutler hat den Dreh raus. Sie weiß, wie sie ihre „Steine“ polieren muss, damit die ihren Glanz entfalten.

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