Im „Stein“ soll nach dem „Umzug“ ins Museumsdorf wieder getanzt werden

Einmaliges Beispiel für eingefrorenen Zeitgeist

Mit Herzblut und Pathos stellte Dr. Uwe Meiners das Projekt im Rat vor. Eva Geiß wird Zeitzeugen befragen, um deren Erinnerungen an den „Stein“ für die Nachwelt zu erhalten. - Foto: Bohlken

Harpstedt/Cloppenburg - Von Jürgen Bohlken. Viele Menschen haben im „Sonnenstein“ Freunde oder sogar den Partner fürs Leben gefunden. Durchtanzte Nächte, heiße Feten – das und mehr verbinden nicht nur Harpstedter mit der früheren Kultdisco. Aber die Zeit lässt sich ja nicht zurückdrehen. In diesem Fall allerdings doch! Zumindest ein Stück weit. Die Disco „wandert“ ins Museumsdorf Cloppenburg. Dort soll ihr, und das ist die eigentlich gute Nachricht, nach dem Wiederaufbau pulsierendes Leben eingehaucht werden.

„Uns schwebt kein reines Ausstellungsgebäude vor. Wir wollen in der wiederaufgebauten Disco immer mal wieder Musik erklingen, die Leute tanzen und sogar Bands auftreten lassen. Genau so, wie es im ,Sonnenstein’ gewesen ist“, sagte Museumsdirektor Dr. Uwe Meiners, als er am Donnerstagabend im Hotel „Zur Wasserburg“ mit viel Pathos und Herzblut im Fleckenrat für das Projekt warb.

Der „Stein“ wird gewissermaßen der erste Baustein eines ganz neuen Museumsabschnitts werden, der die Architektur, aber auch den Zeitgeist und das Lebensgefühl der Nachkriegsjahrzehnte „atmet“. Hinzu gesellen könnten sich etwa ein Friseurladen, ein typischer 1960er-/70er-Jahre-Bungalow, eine alte Tankstelle, ein Einkaufsladen oder auch ein Fahrradpavillon.

„Neues Erlebnis, nicht betteln zu müssen“

Das Projekt hat so viel Charme, dass der Fleckenrat eigentlich nicht anders konnte, als sein Scherflein beizutragen. Nachdem er in nichtöffentlicher Sitzung die Schenkung des „Steins“ an das Museumsdorf Cloppenburg besiegelt hatte, billigte er dann im öffentlichen Teil einstimmig einen 20 000-Euro-Zuschuss für die Museumsstiftung. „Den können Sie gleich auf der Haben-Seite verbuchen“, sagte Bürgermeister Werner Richter zu Uwe Meiners. Der Rat stellte zudem weitere Unterstützung in Aussicht und entwickelte konkrete Ideen für das Akquirieren von Mitteln.

„Die Presse hat mich gefragt, warum wir nicht nur das Inventar übernehmen Das widerpräche völlig dem Ethos eines Freilichtmuseums. Wir wollen das Originalgebäude mit allem, was dazugehört“, betonte der Museumsdirektor. Der „Stein“ sei einmalig als Beispiel für die früher verbreiteten Landdiscos. „Hier haben wir eine Situation, wie sie in den 70er- und 80er-Jahren gewesen ist. Als wäre sie eingefroren worden“, schwärmte Meiners. Er wusste den Rat mit seinen teils auch humorvollen Anmerkungen regelrecht zu fesseln. „Begeistert sind wir vor allem über die komplett vorhandene Inneneinrichtung – einschließlich Schimmel. Ob da noch Bier im Hahn ist, kann ich nicht sagen, aber man könnte den Eindruck haben, der letzte Betreiber wäre rausgegangen und hätte alles so liegen lassen, als ginge es gleich weiter.“ Eigentlich müsse das Museumsdorf gar nichts ändern. „Nur abbauen, wieder hinstellen und eröffnen“, sagte Meiners. Doch das geht ins Geld. Die Kosten sind mit mindestens 500 000 Euro veranschlagt, Eigenleistungen inklusive. 

Die Finanzierung sei noch nicht hundertprozentig abgesichert, die Zuversicht, dass „es gelingen wird“, aber angesichts des riesigen Interesses an dem Projekt inzwischen sehr groß. „Einige Stiftungen sagen: ,Wir wollen dabei sein’. Es ist ein ganz neues Erlebnis für uns, nicht betteln zu müssen“, sagte Meiners. Gern greift er auf die von der Koems-„Rentnerbänd“ angebotene Mitarbeit zurück. Die Seniorengruppe müsste aber wohl ihre demnächst endende Saison um einige Sonderschichten verlängern. Ihre Dienste sind sowohl beim Verpacken des Inventars als auch bei der „Demontage“ des Daches gefragt. Das Museumsdorf will zudem auf eine bauunterstützende Maßnahme durch regionale Arbeitsagenturen zurückgreifen. Die Außen- und Innenwände soll hingegen ein Spezialunternehmen in transportable Elemente „zerschneiden“, die dann beim Aufbau wieder zusammengefügt werden. „Ein Projekt mit Alleinstellungsmerkmal und hohem Aktualitätsbezug, denn Bob Dylan wurde heute mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet“, sorgte Meiners mit seinem abschließenden Resümee einmal mehr für ein Schmunzeln.

• Eva Geiß volontiert beim Museumsdorf Cloppenburg. Sie führt in Kürze Interviews mit Zeitzeugen, um Erinnerungen an deren Zeit im „Stein“ für die Nachwelt zu erhalten. Sie sammelt zudem geeignetes Fotomaterial. Dem Samtgemeindearchiv hat die Volontärin schon einen Besuch abgestattet.

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