Wochenmarkt ist recht gut aufgestellt / Händler beurteilen ihre Geschäfte uneinheitlich

Einkaufen abseits des Verpackungswahns

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Der Harpstedter Wochenmarkt hat zwar vor Jahren bessere Zeiten erlebt, aber auch schon deutlich schlechtere als derzeit. Das aktuelle Angebot braucht sich jedenfalls nicht zu verstecken. Hier nur ein Ausschnitt: Oberbekleidung offerieren Amandeep Gill und Sarwen Singh (Bild oben links). Die beiden Händler stammen aus Indien. Georges Haddad alias „Onkel George“ fällt es nach eigenem Bekunden gerade in Harpstedt nicht ganz leicht, viele Kunden für seine Oliven zu erwärmen – oder auch für die Antipasti, in die er reichlich Arbeit steckt. Er ist libanesischer Herkunft, lebt aber schon seit 21 Jahren in Deutschland. Auf ein gutes erstes Jahr auf dem Harpstedter Wochenmarkt blickt Astrid Winkelmann (oben rechts) zurück, die zusammen mit ihrem Mann Ralf Käse anpreist. Floristin Yvonne Pienschke (unten rechts) unterstützt „Blumen-Helmut“ im Verkauf.

Schlechte Stimmung zu verbreiten, schadet dem Geschäft. Daher verwundert es nicht, dass Helmut Assing („Blumen-Helmut“) auf die Frage, wie der Harpstedter Wochenmarkt so laufe, fast immer antwortet: „Gut.“ Er beklagt sich grundsätzlich nicht. Schon aus Prinzip. Verständlich, zumal es ja irgendwie auch zu seinen Aufgaben als Marktmeister gehört, sein „Baby“, das vor mehr als 20 Jahren Beate Schenk aus der Taufe gehoben hatte, zu bewerben.

Harpstedt - Aus Sicht der Kunden gibt es aktuell tatsächlich wenig zu beanstanden. Obst und Gemüse, Fleisch, Wurst, Käse, Fisch und Blumen in großer Auswahl, zusätzlich Bekleidung sowie weitere Non-Food- und Nischenprodukte bieten vieles, was das Konsumentenherz höher schlagen lässt. Der Wochenmarkt entfaltet zwar längst keine so große Magnetwirkung mehr wie in den frühen Jahren seines Bestehens, präsentiert sich aber in seiner Vielfalt recht gut aufgestellt.

Wenig verpackt und aus nachvollziehbaren Herkunftsregionen wünschen sich immer mehr Verbraucher ihre Lebensmittel in Zeiten, da kaum ein Tag ohne „Klimanachricht“ vergeht. Vor diesem Hintergrund  müssten sich die Wochenmarkthändler eigentlich zum Leidwesen der Discounter-Konkurrenz über glänzende Geschäfte freuen – gäbe es da nicht den Wunsch und oft genug geradezu die Notwendigkeit, die individuelle Kaufentscheidung primär vom Preis abhängig zu machen.

Verkaufszahlen hängen von vielen Faktoren ab

Tatsächlich beurteilen die Anbieter, die regelmäßig nach Harpstedt kommen, ihre Umsätze uneinheitlich. Einige beklagen sich nicht; andere gestehen, der Aufwand zahle sich kaum mehr in barer Münze aus. Die Verkaufszahlen, so wird in Gesprächen ebenfalls deutlich, hängen von vielen Faktoren ab. Neben Sortiment, Qualität, Frische und Preis spielen saisonale Schwankungen eine Rolle, ebenso Marktstandorte und -zeiten.

Astrid und Ralf Winkelmann aus dem ostfriesischen Dornumergrode haben es bislang nicht bereut, dass sie mit ihrem Käsewagen donnerstags nach Harpstedt kommen. Schon die Reaktionen auf ihre erste Wochenmarktpräsenz Ende September 2018 ließen hoffen. „Die Leute haben sich gefreut, hier wieder ein Käsesortiment vorzufinden. Viele sagten zu, uns treu zu bleiben“, erinnert sich Astrid Winkelmann. Als Geschäftsfrau weiß sie allerdings, dass es manchmal beim guten Willen bleibt. Die Harpstedter hätten indes „keine leeren Versprechungen“ gemacht. Etliche Kunden seien Stammkunden geworden. „Hin und wieder kommen immer noch neue dazu.“

Wochenmarkt: Ein Stück Käse „für abends“

Da die 57-Jährige und ihr Mann – wie im Übrigen auch die anderen Händler – nicht nur auf einem Wochenmarkt präsent sind, können sie vergleichen. Dabei offenbaren sich witzige lokale Besonderheiten. „In Bruchhausen-Vilsen kauft man Käse gern im Stück. Anderenorts wollen die Kunden lieber Scheiben. In Harpstedt hält sich das in etwa die Waage. Hier nehmen sogar manche Scheiben und zusätzlich ein Stück ,für abends’“, erzählt die Anbieterin. Auch die geschmacklichen Vorlieben seien Veränderungen unterworfen. Aktuell komme Weinbergkäse besonders gut an.

Ein paar Meter vom Käsewagen entfernt hat Georges Haddad seinen Verkaufstresen mit Nudelsalat, Weinblättern sowie Oliven und Peperoni in allen erdenklichen Variationen bestückt. Er hängt sich eine Schürze um. „Onkel Georges Oliven und Antipasti“ steht darauf geschrieben. Der freundliche Händler lässt die Klientel gern von seinen Spezialitäten probieren. Er reicht etwa eine Teigtasche mit pikant gewürztem Schafskäse. Oder eine Falafel auf Kichererbsenbasis, die, wie ein Schild plakativ versichert, vegan sei. Der aus dem Libanon stammende Händler weiß, dass fleischlose Ernährung immer mehr Anhänger findet und er mit der Zeit gehen muss. Doch die Kunden zum Einkaufen zu bewegen, fällt ihm in Harpstedt schwer – schwerer als in Bassum, Bruchhausen-Vilsen, Syke und Kirchweyhe. „Früher hatte ich hier mehr zu tun“, verschweigt er nicht, auf wieder bessere Zeiten hoffend.

Umsatzeinbruch von Januar bis März

„Ich habe keine Wahl – und kämpfe weiter“, sagt Amandeep Gill, dessen Wiege in Indien stand. Im Frühjahr und Sommer, sogar noch im Oktober, November und Dezember – bis Weihnachten – seien die Geschäfte erfahrungsgemäß ganz okay, sagt der Anbieter von Oberbekleidung für Kinder, Damen und Herren. Vom Januar an, bis in den März hinein, brächen die Umsätze aber erfahrungsgemäß ein. „Dann ist tote Hose“, seufzt der 42-Jährige – und lacht.

„Blumen-Helmut“ hat sein Angebot erkennbar „auf Herbst umgestellt“. Heide, Astern und Chrysanthemen fallen ins Auge. Die ganze kalte Jahreszeit über kann er nicht auf dem Harpstedter Wochenmarkt verkaufen. Bei Frost werde er wegbleiben, kündigt er an. Erfreut nimmt der Marktmeister zur Kenntnis, dass derzeit, vor dem Winter, noch vergleichsweise viele Händler den Marktplatz beleben; nur einen vermisst er in der Morgenstunde: Albert Lichtenberg. „Er ist sonst immer mit seinem gemischten Sortiment – von Honig bis Wolle – dabei.“

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