Auf der Flucht: Ruth Heinrichs Sympathien für ihren Begleiter schwinden

Mit einem Verwundeten gen Westen

Breslau/Colnrade - Von Jürgen Bohlken. Winter 1945: Bei ihrer guten Freundin „Tante Hilde“ und deren Mann, einem Forstmeister, erholen sich Ruth Heinrich, ihre drei Schwestern sowie die Mutter im tschechischen Kutteslawitz (heute: Chudoslavice) von den Strapazen ihrer Flucht aus Breslau. Als die Rote Armee das Dorf verwüstet, sind ihre Tage dort gezählt. Das Haus beherbergt etliche Geflüchtete. Ein stündlich wechselnder Beobachtungsposten hält mit einem Fernglas Ausschau, um die Bewohner bei Annäherung russischer Truppen frühzeitig warnen zu können. Im angrenzenden Wald sollen fieberhaft gebuddelte Erdlöcher im Notfall als Verstecke dienen.

Eines Nachts ist es so weit: Der Beobachtungsposten schlägt mit einem schrillen Pfeifton Alarm. Eingewickelt in Decken, nur bekleidet mit Pyjama oder Nachthemd, fliehen alle Hausbewohner in den Wald. Russische Truppen durchsuchen kurz darauf das nahezu verwaiste Gebäude. Sie finden Hinweise auf eine größere Anzahl von Bewohnern, geben sich aber mit der Erklärung zufrieden, dass angeblich ausgebombte Verwandte, die dort kurzzeitig Obdach gefunden hätten, inzwischen wieder fort seien.

Nach diesem „Überraschungsbesuch“ müssen die Heinrichs weg – notgedrungen. Die Familie teilt sich auf: Ruth verabschiedet sich von ihrer Mutter und den Schwestern, um ein Versprechen einzulösen: Sie hegt Sympathien für einen Soldaten, dem im Militärhospital ein Bein abgenommen werden musste, und hat zugesagt, ihn beim Überqueren der Demarkationslinie zu helfen. „Einbein-Johnny“, wie sie ihn nennt, zählt zu denen, die im Forstmeister-Haus Unterschlupf gefunden hatten. Nun will er zurück in seine Heimat – nach Lübbecke in Norddeutschland.

Ruth und er, urplötzlich Gefährten, halten sich zunächst abseits der von den Russen besetzten Dörfer. Das gelingt, bis sie einen kleinen Bahnhof erreichen. Dort trennt bereits die Rote Armee die deutschen Flüchtlinge „vom Rest“ und treibt sie zusammen. Ruth und Johnny schließen sich einer österreichischen Gruppe an, behaupten gegenüber den Russen steif und fest, sie seien Österreicher, und ergattern einen Platz in einem Viehwaggon. Die Zugfahrt währt nur kurz. Im Schatten der Dunkelheit muss es durch bewaldetes Gebiet zu Fuß weitergehen. Zerkratzt, von Insekten gebissen, ausgelaugt, kurz vor dem Verhungern, durstig und schmutzig passieren Ruth und ihr Begleiter irgendwann die Grenze und erreichen amerikanisches Besatzungsgebiet. US-Soldaten führen sie mit vorgehaltenen Waffen ins nächste Dorf, wo sie erst einmal unzählige Fragen beantworten müssen.

Mit Anzeichen von Wundbrand wird der Einbeinige zu einer medizinischen Versorgungseinheit gebracht, die seine eiternde Wunde säubert und verbindet. Der dringenden Empfehlung, „sich im nächsten Krankenhaus zu melden“, folgt Johnny nicht. Er will trotz Verwundung auf schnellstem Wege nach Hause. Ruth bleibt an seiner Seite. Beide erfahren auf ihrem weiteren Weg sowohl Hilfsbereitschaft als auch menschliche Abgründe. Mal bekommen sie wider Erwarten eine Mitfahrgelegenheit (etwa auf einem Heuwagen), ein Getränk oder gar eine Mahlzeit. Dann wieder kreuzen Fieslinge ihren Weg – wie jener Zeitgenosse, der sich anbietet, Ruths Rucksack ein Stück weit zu tragen, und dann auf Nimmerwiedersehen damit verschwindet.

Doch auch Johnny offenbart in den Augen seiner Begleiterin fiese Eigenschaften: Als eine alte Dame ihm und Ruth Obdach für die Nacht  gewährt und beiden sogar Kleidung schenkt, hat er eine ausgesprochen befremdliche Art, sich zu „bedanken“: Er lässt unbemerkt eine Handvoll Würfelzucker mitgehen. „Diese nette alte Frau hatte uns erzählt, dass sie nur noch ein paar übrig hätte und diese für besondere Anlässe aufheben wollte“, schreibt Ruth (da heißt sie längst Ruth Brown) ihre Erinnerungen an diese Episode Jahrzehnte später nieder und verhehlt nicht: „Ich war außer mir vor Wut.“

Dass sich die Wege des ungleichen Duos wieder trennen werden, erscheint unvermeidlich. Davon mehr im fünften Teil unserer Serie.

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