FDP besuchet Wohnheim der Himmelsthür

„Da ist eine Zielgruppe nicht versorgt“

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Kurzer Abstecher auf die Dachterrasse des Wohnheims der Diakonie Himmelsthür an der Mullstraße: Vorn Christian Dürr, Jörg Arendt-Uhde und Nicole Westig (v.l.). Der Ortsvereinsvorsitzende der Samtgemeinde-FDP, Steffen Akkermann (hinten, 4.v.r.), hatte den Termin eingefädelt.

Harpstedt - Sie tippte eifrig auf der Tastatur ihres Tablets, machte sich Notizen, ließ sich vom Konversionsprojekt und den dezentralen Wohnheimen der Diakonie Himmelsthür berichten und zudem schildern, wo der Schuh drückt: Gemeinsam mit dem stellvertretenden FDP-Bundestagsfraktionsvorsitzenden Christian Dürr und weiteren Parteifreunden hat Nicole Westig aus Bad Honnef, pflegepolitische Sprecherin der Liberalen im Bundestag, am Donnerstag das neue Wohnheim für 24 Menschen mit Assistenzbedarf an der Mullstraße in Harpstedt besucht.

Jörg Arendt-Uhde, Regionalgeschäftsführer der Himmelsthür, sah sich zunächst zu einer kleinen Klarstellung veranlasst: „Pflege ist bei uns natürlich ein Thema, aber nicht unser Hauptaufgabenfeld. Wir sind in der Eingliederungshilfe unterwegs. Wir schaffen Wohnungen sowie mit unseren Dienstleistungen ein möglichst attraktives Umfeld für Menschen mit geistigen Behinderungen.“ Es sei inzwischen eine riesige Herausforderung, geeignete Grundstücke zu finden, „zumal die Kosten langsam durch die Decke gehen“.

Die Wohnheime sollen zentral im Ort liegen. „In Harpstedt ist das perfekt gelungen. Und wir haben hier auch eine gewachsene Nachbarschaft. Die Stimmung war von Anfang an gut. Das ist nicht überall so“, gab Arendt-Uhde offen zu. Die „Aktion Mensch“ als Kooperationspartner verhindere mit Abstandsgeboten konsequent neue, nicht mehr gewünschte „Verdichtungen, wie wir sie auf unserem Zentralgelände in Wildeshausen hatten“; zwischen den dezentralen Wohnheimen müsse mindestens „500 Meter Luftlinie“ Abstand liegen; andernfalls flössen keine Fördermittel.

Aktuell wohnen noch 205 Menschen mit Assistenzbedarf in der zentralen Einrichtung in Wildeshausen, die sukzessive aufgelöst wird. „120 verbleiben, wenn die aktuell in der Umsetzung befindlichen Wohnprojekte in Hude, Goldenstedt und Kirchweyhe realisiert sind – und noch 60 bis 80 im Jahr 2023, nach Ende des gesamten Projektes“, so Arendt-Uhde.

Klare Haltung zum Bundesteilhabegesetz

Ob die Bewohner umzugswillig seien, hinterfragte Christian Dürr. „Das ist schon ein schwieriger Prozess. Die Gebäude der früheren Lungenheilstätte in Wildeshausen sind in Architektur und Struktur nicht mehr zeitgemäß – und energetisch eine Vollkatastrophe. Die Wahl, am Zentralstandort zu bleiben, haben die dort lebenden Menschen nicht. Wir sagen ihnen, wann das Haus leer sein wird – und unterbreiten ihnen dezentrale Wohnangebote. Daraus können sie wählen. Es kommt vor, dass jemand – vielleicht mit über 70 – auszieht, dessen ganzes Leben sich auf dem Zentralgelände abgespielt hat. Da hält sich die Begeisterung natürlich in Grenzen. Aber wir halten den Konversionsprozess im Sinne des Leitbilds der Inklusion mit seiner großen Strahlkraft für unvermeidbar“, so der Geschäftsführer. Dass sich die Wohnbedingungen „für alle verbessern“, werde den Betroffenen erst durch eigenes Erleben ihres neuen – komfortableren und bedarfsgerechteren – Umfelds bewusst.

„Sie wollen nicht wieder zurück“, pflichtete Petra Hakemann bei, die als Wohnbereichsleiterin für das Haus in Harpstedt zuständig ist. Das habe sicher auch damit zu tun, dass viele bekannte Gesichter aus der Mitarbeiterschaft mit in das neue Umfeld gekommen seien. In der 20-köpfigen Belegschaft an der Mullstraße, etwa zur Hälfte aus der Samtgemeinde Harpstedt, finden sich Angehörige unterschiedlicher Berufsgruppen wieder: Vom Heilerziehungspfleger und dem „Helfer in der Assistenz“ über Altenpflegerin und Krankenschwester bis hin zum Sozialpädagogen und zur Ergotherapeutin reicht das Spektrum. Das Problem des Fachkräftemangels redete Jörg Arendt-Uhde keineswegs klein, ganz im Gegenteil. Gleichwohl sah er in personeller Hinsicht nicht schwarz. Noch sei es immer gelungen, offene Stellen zu besetzen. Die Antwort auf die Frage von Wolf Müller aus dem FDP-Ortsverein, wie viele der Hausbewohner (im Alter von 18 bis 67 Jahren) an der Mullstraße einer Beschäftigung nachgehen, verblüffte: Momentan gebe es zwar ein paar Ausnahmen, aber prinzipiell treffe das auf alle zu; sie seien aber nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt beschäftigt, sondern in Werk- oder Tagesförderstätten.

„In der Behindertenhilfe muss das Herz für den einzelnen Menschen schlagen. Man muss individuell auf seine Assistenzbedarfe schauen, dann aber auch entsprechend vergüten“, leitete Arendt-Uhde zum Bundesteilhabegesetz (BTHG) über. Eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit brachte er unumwunden auf den Punkt: „Wir haben regelmäßig Anfragen für Menschen mit sehr hohem Assistenzbedarf. Die Kostenträger lehnen aber im Grunde die höheren Vergütungssätze schlicht ab. Da ist also eine Zielgruppe sozusagen nicht versorgt. Unsere Erwartung an das BTHG ist eindeutig und ganz klar: Wir wollen, dass die Personenzentrierung, für die dieses Gesetz ja steht, gesehen und auch finanziert wird.“

Mit einem weiteren Punkt rannte Arendt-Uhde bei den beiden FDP-Bundestagsabgeordneten offene Türen ein, zumal Bürokratieabbau seit eh und je zu den Kernforderungen der Liberalen zählt: „Die Dokumentation bereitet uns Sorgen. Das Verfahren, nach dem Bedarfe ermittelt werden, ist sehr komplex und zum Teil intransparent. Es überfordert alle Seiten – nicht nur uns, sondern auch die Kostenträger. Wir erleben, wie groß der Druck auf unsere Mitarbeiter dadurch ist.“ Personen, die für den gewaltigen Dokumentationsaufwand die nötige Qualifikation mitbringen, seien rar und am Markt kaum mehr zu finden. „Das heißt“, so Jörg Arendt-Uhde, „wir brauchen Instrumente, um die Menschen zu steuern, die da sind. Einfachere Instrumente.“

Überbordende Bürokratie sei ja auch in der Pflege ein Problem, bekräftigte Nicole Westig. „Der Dokumentationsaufwand ist irre – und keinem zuzumuten. Warum finden die Einrichtungen so schlecht Kräfte? Gerade wegen der Arbeitsbedingungen. Und da wäre der Bürokratieabbau doch der erste Punkt, an dem man ansetzen könnte. Die Dokumentation gehört kräftig entrümpelt, auf das Nötigste reduziert, gebündelt und dann, wenn’s möglich ist und das Breitbandnetz es hergibt, digitalisiert“, so die Abgeordnete.

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