Eine zehnfache Mutter und ein Offizier schreiben Heimatgeschichte

Lütnantsbach – Lütnantsmühle

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Mühlenstraße? Der Sinn dieses Schildes erschließt sich nicht unmittelbar. Von einer Mühle ist heute weit und breit nichts mehr zu sehen.

Hölingen/Beckstedt - Von Christian Hannig. Wer die Landstraße von Hölingen nach Beckstedt befährt, passiert am Beginn eines Feldweges ein Schild mit der Aufschrift „Mühlenstraße“. Das kann für Irritationen sorgen. Denn lässt der Betrachter seinen Blick über den Geestrücken schweifen, vermag er keine Mühle zu entdecken. Und doch gab es sie, gewissermaßen als „Geschwisterpaar“.

Folgt der Passant dem Weg ein Stück und biegt dann nach Süden in eine Senke ab, so stößt er am Waldrand auf ein Gebäude, das wie ein Wochenendhaus anmutet. Doch es gibt ein verräterisches Indiz für eine besondere Geschichte des kleinen Fachwerkbaus. Aus dem Mauerwerk ragt der Stumpf einer Eisenwelle – fast schon der Beweis, dass sich hier einst ein Mühlrad drehte. Das Kellergewölbe offenbart die Reste einer Transmission. An diesem Ort, in der Hölinger Lütnantsmühle, wurde einst mit Hilfe des Wassers einer kleinen Bäke Strom erzeugt. Die Mühle und der dazugehörige – kaum noch sichtbare – Lütnantsbach verdanken ihren im Volksmund gebräuchlichen Namen dem 1651 geborenen Johann Isern, einem früheren Leutnant. Der bot den Geschichtschreibern Stoff für so manche Anekdote. Seine Spur führt sogar in eine Gefängniszelle im Kellergeschoss des Harpstedter Amtshofes.

Eigentlich ein Ort, der dazu animiert, mit dem Leben abzuschließen: das Verlies im Harpstedter Amtshof-Keller.

Dort saß er ein, der Herr Lütnant, weil er seine Steuern nicht bezahlt hatte. Um seine Freilassung soll er regelrecht gebettelt haben – unter anderem mit dem Argument, seine Frau sei schwanger. Ein Blick in das Verlies lässt vermuten, wie sich der Steuersünder gefühlt haben muss, als sich die schwere Tür hinter ihm schloss. Die Decke so niedrig, dass selbst ein kleinwüchsiger Mensch nicht aufrecht stehen konnte, und der Lichteinfall durch einen vergitterten Schacht so gering, dass auch am Tage eher Nacht in dem feuchten Gewölbe herrschte – eigentlich ein Ort, um mit dem Leben abzuschließen. Vor dem Hintergrund des Umstandes, dass der Vater jenes Johann Isern als Oberstleutnant in dänischen Kriegsdiensten sicherlich ein hohes Maß an Prestige genoss, lässt sich der soziale Absturz des Steuersäumigen erahnen.

Auch die erwähnte Lütnantsmühle nahm eine andere Entwicklung als geplant. Grund: Ihr fehlte das Wasser. Die kleine Bäke lieferte nicht genug für eine verlässliche Stromerzeugung. Etwas Abhilfe schufen gestaffelt bis zur Landstraße angelegte Stauteiche. Ließ man den Rückhalt ablaufen, reichte der Wasserschwall zwar für die Energiegewinnung, aber eben nur vorübergehend. Längst aufgegeben, durfte sich das Mühlrad im Krieg noch einmal drehen. Knapp war damals auch der Strom. Dann aber kam das endgültige Aus für die Lütnantsmühle.

Bei der Sichtung alter Aufzeichnungen fällt erneut der Name Johann Isern ins Auge – diesmal in fünfter Generation. Als dieser Zeitgenosse 1836 starb, hinterließ er seiner Frau Sophie Margarethe Hof und zehn Kinder – ein schweres Erbe. Die Witwe reichte beim König von Hannover ein Gesuch zur Erbauung einer Mühle ein. Die zehnfache Mutter versprach sich davon Zukunftssicherung. Unter der Jahreszahl 1841 findet sich im Landesarchiv die Aktennotiz „Konzessionierung (Genehmigung) der Witwe Isern zu Hölingen zur Anlegung einer Windmühle neben ihrer Wassermühle“.

Eine etwa 100 Jahre alte Ansichtskarte zeigt noch den stattlichen Mühlenbau. Das Bauwerk fiel einem Blitzschlag zum Opfer. Das Müllerhaus entging bei diesem Ereignis zwar den Flammen; im Februar 2002 folgte es aber sozusagen der Windmühle; es brannte ebenfalls ab. Damit verwandelte sich das Gelände wieder zurück zu dem, was es vor mehr als 150 Jahren gewesen war. Vor diesem Hintergrund macht der Wegweiser „Mühlenstraße“ auf einmal Sinn, denn es gab sie ja wirklich, die Hölinger Mühlen – die eine wasser- und die andere windgetrieben. Lütnant Johann Isern und Sophie Margarethe Isern schrieben damit ein Stück Heimatgeschichte.

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