Glücksfall für den NDR

Margot Gründler (96) zählt zu den Geretteten der „Wilhelm Gustloff“

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Gleich mit zwei Kameras rückte der NDR an, um den Beitrag über Margot Gründler (rechts) für „Hallo Niedersachsen“ zu drehen.

Harpstedt - Als Margot Gründler, geborene Oscheneck, am 30. Januar 1945 in Gotenhafen-Oxhöft an Bord der „Wilhelm Gustloff“ in See stach und darauf hoffte, der Roten Armee entkommen zu können, ahnte die damals im vierten Monat schwangere Frau nicht, dass sie zusammen mit Tochter Karen und dem noch ungeborenen Sohn Egmont im Mutterleib die folgenschwerste Schiffstragödie der Geschichte überleben würde.

Getroffen von drei Torpedos des sowjetischen U-Bootes S 13 von Kapitän Alexander Iwanowitsch Marinesko, versank das mit Flüchtlingen völlig überfüllte Schiff nach 21 Uhr binnen 62 Minuten vor der Küste Pommerns in den eisigen Fluten der Ostsee. Margot Gründlers Schwiegereltern kamen bei diesem Drama ums Leben. Noch weit schwerer aber wog der Verlust ihres damals nur zweieinviertel Jahre jungen Sohns Wolfgang.

Heute, 75 Jahre später, zählt die Harpstedterin zu den letzten der ursprünglich 1239 Geretteten. Zu den ganz wenigen, die noch aus eigenem Erleben von dem unfassbaren Trauerspiel erzählen können, bei dem mehr als 9 000 Menschen den Tod fanden. Ein Glücksfall für ein Team des Norddeutschen Rundfunks (NDR), das die 96-Jährige am Mittwochmorgen besuchte, um einen Beitrag für das Magazin „Hallo Niedersachsen“ zu drehen. Autor Ole Lerch, die Kameraleute Britta Henze und Marcel Seemann sowie Rike Castenow (Ton) brachten viel Zeit mit. Um Margot Gründler im wahrsten Sinne des Wortes ins rechte Licht zu setzen, verrückten sie zunächst ein paar Sitzmöbel. Der Sendetermin stehe noch nicht fest, werde aber wohl nicht auf den 75. Jahrestag des „Gustloff“-Dramas fallen; ins Auge gefasst sei der 26. Januar, verriet Lerch.

Verlustreichstes Schiffsunglück der Geschichte

60 Jahre nach dem verlustreichsten Schiffsunglück der Menschheitsgeschichte widmete unsere Zeitung Margot Gründler eine ganz Seite – und zehn Jahre später einen weiteren großen Bericht. Die Bilder der dramatischen Stunden sind ihr bis heute im Gedächtnis haften geblieben. Besonders der Moment, als die seinerzeit 21-Jährige ihre elf Monate junge Tochter Karen wieder in die Arme schließen konnte. Sie selbst hatte auf der torpedierten „Gustloff“ das Bewusstsein verloren – und war von ihren Kindern getrennt worden.

60 Jahre nach der „Gustloff“-Tragödie widmete unsere Zeitung der Überlebenden Margot Gründler aus Harpstedt eine ganze Seite im „Magazin zum Sonntag“. Den Bericht hat die heute 96-Jährige aufgehoben.

Ihren Sohn Wolfgang sollte sie nie wiedersehen, obwohl eine vage Hoffnung, er habe ja vielleicht doch überlebt, jahrzehntelang blieb. Eine Frau namens Wiemer hielt indes die kleine Karen im Arm, als Margot Gründler ihr auf einem Torpedoboot begegnete: Die „Löwe“ hatte zahlreiche Menschen von der „Gustloff“ aufgenommen und vor dem sicheren Tod bewahrt. Welchem Matrosen oder Soldaten das Mädchen seine Rettung verdankte, kann die heute 96-jährige Mutter nicht sagen. Über „Frau Wiemer“ aber weiß die Seniorin: „Sie hatte eine Gaststätte, die mein Schwiegervater belieferte.“

Nur knapp einen Monat nach dem Schiffsunglück, am 27. Februar, befanden sich Margot Gründler und ihre Tochter mitten im schlimmsten Fliegerangriff, der Halle im Krieg ereilte. Als sie den schützenden Keller wieder verließen, stand ringsherum kein einziges Gebäude mehr. Nur noch das Haus, in dem sie selbst Zuflucht gefunden hatten, war weitgehend verschont geblieben. Dieser schicksalhafte Tag fiel zusammen mit dem ersten Wiegenfest der Tochter. „Wir sind beide Sonntagskinder“, erzählt Margot Gründler und drückt sich eine Träne weg.

Schiffsunglück und Fliegerangriff bleiben im Gedächtnis

Das überlebte Schiffsunglück und der überstandene Fliegerangriff haben sich ins Gedächtnis gebrannt. Wenn die 96-Jährige davon erzählt, kochen immer noch Emotionen hoch.

Margot Gründler hätte sich gut vorstellen können, ihre Erinnerungen an die Flucht vor der Roten Armee und die Todesfahrt der „Gustloff“ mal in Klassenzimmern vor Jugendlichen zu schildern. Ob sie jemals eine Einladung von einer Schule erhalten habe? „Leider nicht“, bedauert die Harpstedterin, die nun schon sehr lange direkt neben ihrer Tochter Karen Buhlrich (heute 75) wohnt. Ihr Sohn Egmont (74) lebt indes in Delmenhorst. Dass die Mutter ihn nach dem Helden einer Tragödie (von Goethe) benannt hat, kommt nicht von ungefähr, sondern ist letztlich der „Gustloff“-Katastrophe geschuldet.

Das Schiff war nur für 1463 Passagiere ausgelegt gewesen. Tatsächlich aber lief der vormalige Stolz der Kreuzfahrtflotte der NS-Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“ mit mehr als 10.500 Menschen in Gotenhafen aus. Wie viele Menschen, hauptsächlich Flüchtlinge, wirklich wie die Ölsardinen an Bord eingepfercht gewesen sind, weiß niemand ganz genau. Die Schätzungen bewegen sich bei etwa 10.300. Dazu zählten auch 340 Marinehelferinnen, 918 Marinesoldaten der 2. U-Boot-Lehrdivision, 162 Verwundete und 417 Besatzungsmitglieder.

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