Wie es Ruth Heinrichs Schwestern und die Mutter in das beschauliche Colnrade verschlägt

Ein Hauch von Himmelreich

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Colnrade/Breslau - Von Jürgen Bohlken. Während sich Ruth Heinrich von Lübbecke auf den Weg in die alte Heimat Breslau machen will, bewohnen ihre Schwestern Inge, Hildegard und Jutta mit der Mutter bereits wieder das eigene Haus, das sie im Januar 1945 Hals über Kopf auf der Flucht vor der Roten Armee verlassen hatten. Das Inventar und damals notgedrungen zurückgelassene Wertsachen sind nach der Heimkehr größtenteils gestohlen oder zerstört.

Im besetzten Breslau haben neue Machthaber das Sagen. Das bekommen die Heinrichs deutlich zu spüren. Sie fühlen sich immer weniger sicher in den eigenen vier Wänden, wo auch Ruths Großeltern mütterlicherseits einquartiert sind. Als eines Tages Polen hereinschneien und die Nähmaschine „konfiszieren“ wollen, stellt sich ihnen Mutter Heinrich protestierend in den Weg: „Nur über meine Leiche!“ Die ungebetenen Gäste drohen: „Her damit, sonst kommen wir heute Nacht mit ein paar Freunden wieder!“

Die Nähmaschine bleibt, wo sie ist. Aber die Angst wird für die Heinrichs zum ständigen Begleiter. Plünderungen sind inzwischen an der Tagesordnung. Alsbald muss die Familie ihr Haus mit zwei polnischen Mitbürgern teilen.

Gegenwehr mit dem Fleischklopfer

Die hätten sich, so heißt es in der von Ruth Heinrich (nach der Heirat: Ruth Brown) Jahrzehnte später niedergeschriebenen Fluchtgeschichte, als einigermaßen anständige „Untermieter“ erwiesen – bis zu jenem Zeitpunkt, als einer der beiden in betrunkenem Zustand versucht habe, der Oma die goldene Kette vom Hals zu reißen. Den Diebstahl soll Ruths Mutter beherzt unter effizientem Einsatz eines Fleischklopfers (!) verhindert haben. Als deren älteste Tochter Inge bei Reinigungsarbeiten in der „Jahrhunderthalle“ Zeuge von Brutalitäten russischer Wachsoldaten gegenüber deutschen Frauen wird und zu Hause ganz aufgelöst davon erzählt, hat ihre Mutter endgültig genug: Sie entscheidet für ihre Familie, „nicht länger zu bleiben“, meldet sich und ihre Töchter ordnungsgemäß bei den Behörden ab und verlässt mit ihnen abermals die Heimatstadt Breslau.

Mit einem Viehtransportzug geht es in das von Flüchtlingen übersäte Hamburg und von dort aus weiter nach Bremen. Über Twistringen erreichen die Heinrichs Colnrade. Das beschauliche Dorf an der Hunte findet auf Seite 44 des 69-seitigen Manuskripts von Ruth Brown, geb. Heinrich, erstmals Erwähnung. Die Schwestern und die Mutter dürfen dort bleiben, und sie müssen nicht getrennt voneinander wohnen. „Ihnen wurden einige Räume oberhalb eines Gasthauses zugewiesen. Der Besitzer hieß Karl Harms, von allen ,Kalli’ genannt. Auf die Schnelle besorgte er für ,seine Flüchtlinge’ einige Möbelstücke: ein altes rotes Plüschsofa, einen Küchentisch und einige wacklige Stühle. Etagenbetten, strohgefüllte Matratzen, ein paar schäbige Töpfe und Pfannen vervollständigten die Einrichtung. Die Räume (drei davon wurden bisher als Lagerräume genutzt) nannten sie nun ihr Eigen“, heißt es in Ruths Manuskript.

Und weiter: „Wie alle anderen Dörfer in dem Bezirk bekam auch Colnrade einen angemessenen Anteil an Flüchtlingen zugewiesen. Die Dorfbewohner waren nicht gerade übermäßig beglückt von der Aussicht, von jetzt an ihr bequemes Heim mit einem Haufen ,Zigeuner’, wie wir Heimatlose zuweilen genannt wurden, zu teilen. Aber bald gelang es allen, harmonisch zusammenzuleben – mehr oder weniger.“ Nach dem langen Leidensweg seit Januar 1945 empfinden die Heinrichs ihr neues Dasein in Colnrade fast wie „ein Himmelreich“.

Ein Angebot mit Hintergedanken

Ruth hingegen muss viele weitere bange Momente durchleben, bis sie die Mutter und ihre Schwestern wiedersieht. Nach Lübbecke zählen Paderborn und Gütersloh zu den Stationen ihrer Odyssee. Mal gerät sie in eine Gruppe russischer Soldaten, von denen einer ihr den Ring vom Finger stehlen will. Dann findet sie sich im Hause eines Fremden „in den Vierzigern“ wieder, der ihr anbietet, bei ihr zu duschen und zu schlafen. Welche Hintergedanken der Mann offenbar hegt, kriegt Ruth gerade noch rechtzeitig mit. „Meine Frau wird in einer Minute zurück sein. Machen Sie sich keine Sorgen! Sie schlafen jetzt etwas, danach kommen Sie wieder runter zum Abendessen.“ Dieses Angebot des Fremden klingt zu verlockend, als dass es die junge Frau einfach ausschlagen könnte. Ruth geht darauf ein. Das Schellen der Türglocke lässt sie vorzeitig aufwachen. Sie lauscht, was der Hausherr im Erdgeschoss zu der Besucherin, womöglich einer Nachbarin, sagt: Nein, seine Frau sei nicht da. „Aber sie wird morgen zurück sein; sie ist bei ihrer Mutter.“ Hals über Kopf schnappt sich Ruth daraufhin ihre Sachen und sucht durch die Eingangstür das Weite. Der Kerl, der sie angelogen hat, werde wohl einiges zu erklären gehabt haben, vermutet sie hinterher. Im weiteren Verlauf lernt sie ihren späteren Ehemann Laurie Brown kennen.

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