Ehrenamtliche erhoffen sich deutlich mehr kommunale Unterstützung / „Streetworker wären wünschenswert“

Flüchtlingshelfer fühlen sich im Stich gelassen

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Suleiman, Ibrahim, Issa, Babiker, Mohammed, Mutasim, Mohammed, Adam (vorn, von links) und Altjane (hinten rechts) sind heilfroh, dass ihnen ehrenamtliche Flüchtlingshelfer wie Sven Bitter und seine Frau Nina Schmidt-Bitter, Yvonne Brinkmann (hinten, von links) und Ruzica Dähne (vorn, ganz links) so viel Unterstützung, Anteilnahme und menschliche Wärme angedeihen lassen. Die freiwilligen Helfer aber fühlen sich allein gelassen von Samtgemeinde und Landkreis. Mindestens ein professioneller „Streetworker“ müsste nach ihrer Ansicht alltagsbegleitende Hilfestellung leisten.

Kirchseelte - Von Jürgen Bohlken. Auf dem Hof rosten alte Gebrauchtwagen, umgeben von einigem Gerümpel, vor sich hin. Einladend wirkt das Grundstück nicht. Das darauf stehende Wohnhaus in Kirchseelte ist funktional eingerichtet: Stühle, Tische, Betten, Küche, Couch. Der Vermieter hat die kaputten Rollläden bis heute nicht vernünftig repariert. Wären die Zugseile nicht sporadisch „festgeknotet“, säßen die Bewohner, zwölf Flüchtlinge, tagsüber im Dunkeln. Eine einzige Waschmaschine muss für die gesamte Wäsche der jungen Männer aus dem Sudan reichen. Manche sind fast noch Kinder – zu jung, um in der Fremde ohne Hilfe auf eigenen Füßen stehen zu können, zumal auch die aus der Vergangenheit herrührenden Traumata verarbeitet werden wollen.

Ihr Tagesablauf ist monoton. Oft wechseln sich Essen und Schlafen ab. Ein WLAN-Zugang wäre wichtig für sie, um mit ihren einfachen Smartphones Kontakte zu Angehörigen und Freunden in der Heimat pflegen zu können, aber den gibt es nicht. Mit in deutscher Sprache abgefasstem Papierkram von Behörden und Jobcenter kommen die Sudanesen ohne die Hilfe Dritter nicht zurecht. Oft genug steht ihnen Yvonne Brinkmann als Übersetzerin zur Seite. Die Harpstedterin kam als Kind aus dem Libanon nach Deutschland. Sie spricht fließend Arabisch. Die 49-Jährige gehört zu einem Kreis ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer, ohne die Flüchtlinge, die in Dünsen, Kirchseelte und anderen Teilen der Samtgemeinde Harpstedt untergebracht sind, aufgeschmissen wären.

Menschliche Wärme und Teilhabe an Freizeitaktivitäten erfahren die Schwarzafrikaner nur von Freiwilligen. Von Mitmenschen wie Nina Schmidt-Bitter und ihrem Mann Sven Bitter, die gemeinsam mit den in Kirchseelte untergebrachten Flüchtlingen zum Einkaufen, zum Arzt und zum Amt fahren, joggen, grillen, gärtnern oder auch kaffeesieren. Der 40- und die 41-Jährige pflegen eine gute Nachbarschaft mit ihnen, haben ein offenes Ohr für ihre Probleme – und ernten aus der Bevölkerung dafür oft genug als „Lohn“ abschätzige Blicke. Ruzica Dähne, Ruza genannt, verbringt Stunde um Stunde mit ihren „Jungs“, wie sie die Sudanesen nennt, im Jobcenter, wenn die Schlange wieder einmal besonders lang ist. Kommunale Unterstützung erhält sie nicht. Nicht einmal Wertschätzung in Form einer kleinen Aufwandsentschädigung. Sogar die mit ihrem

Sogar das Benzin

bezahlen sie selbst

Engagement für die Asylbewerber verbundenen Benzinkosten trägt sie – wie die anderen Flüchtlingshelfer auch – aus eigener Tasche. Und die summieren sich: „Ich komme im Monat auf zwischen 40 und 60 Euro“, sagt Ruza Dähne.

Beim Bund kriege jeder Rekrut eine Grundausstattung, weiß Sven Bitter. Eigentlich müsste die Samtgemeinde Harpstedt bei den Flüchtlingen genauso anhand einer abzuarbeitenden Checkliste dafür Sorge tragen, dass die Asylbewerber mit allem Notwendigen ausgestattet würden. Doch eingekleidet worden seien sie mit Bekleidung aus privaten Spenden – und diejenigen Sudanesen, die gespendete Markenklamotten trügen, würden von manchen Mitbürgern dafür auch noch neidvoll oder missgünstig angeschaut.

Samtgemeinde und Landkreis halten sich nach Einschätzung von Ruza Dähne, Yvonne Brinkmann sowie Nina Schmidt-Bitter und ihrem Mann viel zu sehr raus, zeigen kaum Präsenz in den Flüchtlingsunterkünften – und lassen nicht nur die Flüchtlinge, sondern auch die ehrenamtlichen Helfer mit ihren Problemen allein. Einer der drei Flüchtlingssozialarbeiter, die kreisweit unterwegs sind, soll sich auch in der Samtgemeinde Harpstedt kümmern. Kürzlich habe er sich aber zum allerersten Mal überhaupt im Kirchseelter Flüchtlingshaus blicken lassen, berichten die Ehrenamtlichen. Seine Zeit habe leider nur für eine Stippvisite und das Hinterlassen seiner Visitenkarte gereicht.

Drei der zwölf Sudanesen, die schon seit sieben Monaten in Kirchseelte leben, hätten mittlerweile ein Bleiberecht für drei Jahre in Deutschland, wissen die freiwilligen Helfer. Sechs aber hätten noch nicht einmal das „Interview“ als Voraussetzung für einen „Status“ durchlaufen.

Einerseits kämpfen die Asylbewerber mit Heimweh und Einsamkeit; andererseits bleiben viele nachvollziehbare Wünsche unerfüllt. Gern würden sie tagtäglich und fortlaufend an der Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse arbeiten. „Zur Schule gehen“, wie es einige formulieren, die schon paar Brocken können. Auch hier schließen Ehrenamtliche Lücken und erteilen privaten Sprachunterricht. Eine Monatskarte für den Bus könnte den Flüchtlingen ein Mindestmaß an Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglichen. Gestellt bekommen sie das Ticket nicht. Sogar für Passbilder müssen sie nach Darstellung der Ehrenamtlichen selbst aufkommen. Sven Bitter hielte die Beschäftigung eines kommunalen „Streetworkers“ für Flüchtlinge, besser noch mehrerer solcher Kräfte, für geboten. Die Flüchtlinge seien nun einmal hier; also müsse sie auch jemand professionell alltagsbegleitend unterstützen, zumal ja noch viele weitere kämen. Tatsächlich erledigen das die Ehrenamtlichen.

„Wenn die Asylbewerber zum Amt oder Jobcenter müssen, übernehmen wir das. Eigentlich müsste es jemanden geben, der nur für sie da ist“, sagt Nina Schmidt-Bitter. Von den Sudanesen werde erwartet, dass sie mit dem Fahrrad die Behörden aufsuchten.

„Selbständigkeit wird

einfach vorausgesetzt“

„Das können sie grundsätzlich ja auch. Aber wegen jeder Kleinigkeit?“, hinterfragt Yvonne Brinkmann. Sie hat etliche Handynummern von Flüchtlingen, um auf Anruf helfen zu können – ob nun jemand mit Zahnschmerzen zum Zahnarzt muss oder sich Lebensmittel von der „Tafel“ holen will.

Die Behörden verlangten von den Asylbewerbern sofort Eigenständigkeit, kritisiert Sven Bitter. Das sei ja so ähnlich, als setzte man im Sudan einen Deutschen aus und erwartete von ihm, dort ohne Hilfe und richtige

Kenntnis der Landessprache auf Anhieb eine bestimmte Stadt zu finden.

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