Schwerlasttransporte rollen ins Museumsdorf Cloppenburg

Ehemalige Kultdisco „Zum Sonnenstein“ geht auf Reisen

Das erste Fassadenelement „versinkt“ im Tieflader und wird sodann für den Abtransport gesichert; ein weiteres gesellt sich im weiteren Verlauf hinzu. - Foto: boh

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Gegen 10 Uhr legte der Regen eine Pause ein. Sodann kam der Moment, auf den Radio, Fernsehen, Presse, Museumsmitarbeiter und Vertreter der Jako Baudenkmalpflege GmbH gewartet hatten: Ein Kran der Firma Hüffermann hievte auf dem Koems-Gelände in Harpstedt ein tonnenschweres Wandteil der ehemaligen Harpstedter Disco „Zum Sonnenstein“ in die Lüfte und „versenkte“ es millimetergenau auf einem bereitstehenden Tieflader.

Dr. Julia Schulte to Bühne staunte Bauklötze. Für sie selbst und für das Museumsdorf Cloppenburg sei eine solch spektakuläre Gebäudeumsetzung eine Premiere, verriet die Museumsdirektorin. „Wir haben zwar früher schon Fachwerkgebäude umgesetzt, aber eben nicht – wie hier – derart große Bauteile transloziert.“

Für den Transport von acht „Stücken“ des zersägten – zweischaligen – „Stein“-Mauerwerks inklusive Sektbar seien vier Schwerlasttransporte vorgesehen, erläuterte Philipp Schäle, Bauleiter der Firma Jako. Nachdem sich am Montag der erste Tieflader in Bewegung gesetzt hatte, sollte in der Nacht darauf ein weiterer Harpstedt mit Ziel Cloppenburg verlassen. „Während der Nachtfahrt müssen wir an einem zu querenden Bahnübergang die Signalanlage wegdrehen“, verriet Schäle. Die letzten beiden Transporte nach Cloppenburg sollen am Dienstag und in der Nacht zum Mittwoch folgen. Die Tieflader rollen nicht über die Autobahn, sondern ausschließlich über Landstraßen, wobei sich die Routen für die Tag- und die Nachtfahrten voneinander unterscheiden. Die pro Tour beförderten Lasten erreichen in der Spitze 73 Tonnen. Zum Vergleich: Ein Panzer vom Typ Leopard 2 wiegt „nur“ 62 Tonnen.

Langsam „schwebt“ das Wandelement auf den Tieflader zu. Kleines Bild: Die Sektbar hängt „am Haken“. - Fotos: Bohlken/Hartmann

Der Wiederaufbau der ehemaligen Disco in Cloppenburg schließt sich direkt an. „Bis zum 3. Oktober stellen wir die Wandteile auf und sichern sie. Eine Woche später kommen wir wieder und setzen dann die Giebel drauf“, erläuterte Schäle.

In Harpstedt, so schätzte Dr. Julia Schulte to Bühne, werde wohl Mitte Oktober vom ehemaligen „Stein“ mit Ausnahme des Kellers kaum noch etwas zu sehen sein.

Das Museumsdorf will schon im November Richtfest feiern – und die Disco noch vor dem Wintereinbruch „unter Dach haben“. Die Eröffnung sei für das Jahr 2020 avisiert und werde sicherlich mit einer Tanzveranstaltung verbunden, so Julia Schulte to Bühne. „Wir brauchen schon etwas Zeit – nicht nur für den Wiederaufbau, sondern auch für die Umsetzung unseres Konzeptes. Wir errichten ja keine Disco im herkömmlichen Sinne, sondern wir wollen darin die Freizeit-, Jugend- und Musikkultur einer Ära erlebbar machen.“

Die Ketten straffen sich. Das eingeschalte Wandteil bewegt sich zunächst nur wenige Zentimeter aufwärts. Kameras und Handys halten den Moment fest. - Foto: boh

Warum das Museumsdorf nicht nur das Inventar des „Steins“ haben wollte, sondern gleich das ganze – eigentlich recht schmucklose – Gebäude? „Das Haus ist einfach ein Teil des Ganzen und erzählt eine Geschichte, an der sich die Entwicklung von einer Scheune über ein Ausflugs- und ein Tanzlokal bis hin zu einer Disco nachvollziehen lässt. Nähmen wir das Gebäude nicht mit, fehlte ein wichtiger Teil unseres Vermittlungskonzeptes. Zwar wäre es denkbar, eine Halle mit dem Inventar des ehemaligen ,Steins’ einzurichten, aber das stünde nicht mehr im Einklang mit dem, was ein Freilichtmuseum ausmacht. Wir wollen das Original als Ganzes erlebbar machen – mit allem, was dazugehört“, so die Museumsdirektorin. 

Zeitzeugen kommen zu Wort

Der rekonstruierte „Stein“ werde nicht zu 100 Prozent dem Originalzustand entsprechen, aber wohl zu etwa 70 bis 80 Prozent. Das sei natürlich auch eine Kostenfrage. Zugute komme dem Museumsdorf, „dass wir das gesamte Inventar haben“. Einige Veränderungen am Gebäude seien nötig, um eine museale Nutzung überhaupt möglich zu machen. So müssten etwa Leitungen zwingend erneuert werden. Das Obergeschoss werde nicht wieder als Wohnung, sondern als Räumlichkeit für eine Dauerausstellung hergerichtet. „Das absolut Tolle an diesem Projekt ist“, so Schulte to Bühne, „dass wir uns für die Dokumentation nicht – wie bei anderen historischen Gebäuden – mit Archivalien begnügen müssen. Hier haben wir eben auch Zeitzeugen, die wir befragen und mit ihrem ganz persönlichen Blick zu Wort kommen lassen können.“

Der „Stein“ bildet in Cloppenburg den Grundstein eines ganz neuen Museumsabschnitts zur Nachkriegszeit. Weitere Gebäude sollen nach und nach dazukommen. Etwa eine alte Tankstelle oder ein Tante-Emma-Laden. „Eingelagert haben wir bereits einen Bungalow, wie er für die 70er-Jahre typisch war“, so Schulte to Bühne.

Der „Stein“ werde vor allem den Stand der 1980er-Jahre abbilden. Die meisten noch vorhandenen Schallplatten gingen auf diese Zeit zurück. Der gewählte Zeitschnitt lasse sich aber vor allem mit dem Gebäudebestand erklären. „Wir nehmen ja bekanntlich auch den Anbau mit. Und dort sind noch in den 1980er-Jahren die Fenster erneuert worden“, so die Museumsdirektorin.

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