Eine Absolventin stiehlt mit ihrer Rede allen die Show

Feierstunde für 69 Schulabgänger: Nun dürfen die Träume fliegen lernen

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Laola zum geschafften Schulabschluss – und zu Ehren der Abschlussklassenbesten (vorn, v.l.) Maximilian Trapp, H9 (Zeugnisnotenschnitt 2,0), Lea-Sophie von Bargen, H10 (2,4), Pia-Marie Jaud, H10 (ebenfalls 2,4), Theresa Eiskamp, R10a (1,8) und Sasha-Madeleine Nießen, R10b (1,6), die jeweils mit einem Buchpräsent geehrt wurden.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Sie stahl allen die Show: Sasha-Madeleine Nießen gehörte selbst zu den 69 Absolventen der Oberschule Harpstedt, erlangte mit einem Zeugnisnotenschnitt von 1,6 den besten Abschluss, hat einen Ausbildungsplatz bei der Bundeswehr schon in der Tasche – und hielt am Freitagmorgen zur Verabschiedung der Schulabgänger in der Pausenhalle eine sehr erwachsene Rede, die zugleich vor Witz sprühte.

Die bisherige Schülervertreterin aus der R10b begann mit einem heiteren Rückblick. Sie entsann sich an Momente, „in denen wir zu zweit zum Lehrerzimmer gegangen sind“ – frei nach dem Motto: „Ich klopfe, du sprichst!“ Sie erwähnte eine Klassenfahrt, auf der Schüler die Lehrer „zur Weißglut trieben“, und das „Vergleichen“ der eigenen Aufgaben mit denen des Sitznachbarn.

All das sei nun vorbei. „Jetzt ist es an der Zeit, dass unsere Träume das Fliegen lernen“, leitete Sasha-Madeleine Nießen zum Motto der Feierstunde über. „Wir alle sind erfahrener, erwachsener, verantwortlicher, verlässlicher, aufrechter und größer geworden“, resümierte sie und schränkte augenzwinkernd ein: „Von Letzterem kann ich mich leider ausschließen.“ Sie hoffe, dass Freundschaften aus der Schulzeit bestehen bleiben. Natürlich hätten auch die Lehrer etwas zur persönlichen Entwicklung beigetragen: „Durch sie haben wir bestimmte Dinge so verinnerlicht, dass sie jederzeit abrufbereit sind: Punktrechnung geht vor Strichrechnung. Verben schreibt man groß, wenn sie nominalisiert werden. ,Become’ und ,bekommen’ sind keine korrekte Übersetzung des jeweiligen anderen Wortes. In der blauen Flasche im Chemieraum ist kein Wasserstoff. Dieser ist in der roten, weil Rot eine Warnfarbe ist – und Wasserstoff hochexplosiv. Die letzte Sache, die ich aus der Schule mitnehme, ist, dass am 17. Juni 1953 in der DDR gestreikt worden ist. Wer weiß, wofür auch immer ich das je brauchen werde!“

Mit Pappgesichtern witzig in Szene gesetzt: das Versagen der Mächtigen beim Thema Klimawandel.

Die Schüler hätten stets die Möglichkeit gehabt, mit den Lehrern Probleme auf Augenhöhe zu besprechen“, lobte die Schulabsolventin. „Eure künftigen Arbeitgeber interessiert nicht, ob ihr für jede Klassenarbeit eine Eins bekommen habt. Sie wollen wissen, was ihr zusätzlich zu eurem Zeugnis auf den Tisch bringen könnt. Und das sollte weder euer Bücherwissen noch euer Ägyptenwissen aus der fünften Klasse sein“, wandte sich Sasha-Madeleine Nießen an die Abgänger. In ihrem eigenen Bewerbungsgespräch sei sie gefragt worden: „Was machen Sie, wenn Sie die Lehrstelle nicht bekommen?“ Ihre mutige Antwort: „Dann sehen wir uns hier nächstes Jahr wieder.“ Noch am selben Tag sei sie angerufen worden: „Sie haben den Ausbildungsplatz.“ Warum? „Besonders wegen ihrer charakterlichen Eigenschaften“, habe es geheißen.

Gehe es um die eigene Zukunft, sei es ratsam, nicht auf Eltern oder Lehrer zu hören, fuhr Sasha-Madeleine Nießen fort. „Denn deren Idee von eurem Weg ist nicht eure.“

Konrektorin Ute Hegen, die wegen des Erziehungsurlaubs von Schulleiterin Etta Mörking zu den Absolventen sprach, streifte in Anspielung auf das Motto des Abschlussballs im Landhotel Dötlingen, „Casino Royale“, das Glück. Forscher hätten herausgefunden, dass es zu 40 Prozent von individuellen Lebensumständen abhängig sei. Es lasse sich beeinflussen, „indem wir Erlebnisse und Tätigkeiten suchen, die wir als positiv empfinden“.

Im Zusammenhang mit dem Motto der Feierstunde, „Wenn Träume fliegen lernen“, definierte Hegen Träume als „Ziele, für die wir uns so richtig begeistern“. Die hätten „das größte Potenzial, uns glücklich zu machen“. Manchmal lasse sich ein Ziel nur auf Umwegen erreichen oder müsse vielleicht neu definiert werden. „Gebt das Träumen nie auf!“, riet die Konrektorin.

Samtgemeindebürgermeister Herwig Wöbse war sich recht sicher, dass die Schulabgänger ohne viele Ratschläge wissen, was sie wollen und was ihnen wichtig ist. „Sucht euch das aus, was euch Freude macht und wofür euer Herz schlägt!“ Wöbse ging zum Anfang seiner Rede auf den Spaßtag der Entlassschüler ein, von dem er in der Kreiszeitung gelesen hatte. Richtig toll habe er den Spruch „Ich bin ein Dorfkind; darauf bin ich stolz, denn nur Dorfkinder sind aus gutem Holz“ gefunden. Doch etwas sei leider auch „sehr bedauerlich“ gewesen: „Dass ich bei diesem Spaß nicht dabei war.“

Die Schulelternratsvorsitzende Petra Brinkmann leitete in ihrer Rede zum Fachkräftemangel über – auch im Handwerk: „Was nützen uns alle Planer und Ingenieure, wenn es niemanden mehr gibt, der alles fachgerecht einbaut und zum Funktionieren bringt?“

Tilman Schadwinkel und Lilly Holze moderierten die Entlassfeier. Der Theater-Wahlpflichtkurs prangerte in einem Sketch die Unfähigkeit und den fehlenden Willen der Staats- und Regierungschefs an, dem Klimawandel wirksam zu begegnen. Die (Schul-)„Rockband“ sang und spielte „Diamonds“ von Rihanna. Rührende Momente prägten die Übergabe der Abschlusszeugnisse. Von den 69 Abgängern haben übrigens 27 einen erweiterten Sek. I-Abschluss erreicht – eine beachtliche Quote.

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