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Schockanruf verfolgt Ingrid Dräger aus Dünsen noch im Schlaf

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Von: Jürgen Bohlken

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Die Masche der Schockanrufer: Stress erzeugen, um an Bares zu gelangen.
Die Masche der Schockanrufer: Stress erzeugen, um an Bares zu gelangen. © Polizei

Dünsen – Falsche Polizisten, Enkeltrick, Schockanrufe: Betrüger lassen keine Masche aus, um sich mit krimineller Energie an ihren Opfern zu bereichern. Am Mittwochmittag traf es Ingrid Dräger (65) aus Dünsen. Als das Telefon klingelte und sie abnahm, ahnte sie noch nicht, dass ihr Puls im nächsten Moment in ungeahnte Höhen schnellen würde.

Die Anruferin weinte und gab vor, Drägers Tochter zu sein. „Mama, bitte hilf mir! Ich habe einen Unfall gebaut. Ich habe eine Frau überfahren. Sie ist tot“, schilderte die Frau. Über das Unterdrücken der Rufnummer wunderte sich die Angerufene nicht. Das kannte sie von ihrer real existierenden Tochter, die aus guten Gründen genauso verfährt.

Ihre Stimme klang total echt. Ich hatte wirklich das Gefühl, mit meiner eigenen Tochter zu sprechen.“

Ingrid Dräger

Zunächst gab die weinende Anruferin keinerlei Anlass zu Misstrauen. „Ihre Stimme klang total echt. Ich hatte wirklich das Gefühl, mit meiner eigenen Tochter zu sprechen“, gesteht Ingrid Dräger. „Ich habe sie gefragt, wo sie gerade sei. Sie wiederholte sich aber nur: ,Mama, bitte hilf mir! Die Frau, die ich überfahren habe, ist tot." Dann gab sie das Gespräch an eine angebliche Polizistin weiter. Eine andere Frauenstimme erkundigte sich daraufhin nach meinen Geburtsdaten und denen meiner Tochter“, erzählt die 65-Jährige. Auch in diesem Moment schöpfte sie keinen Verdacht. Sie gab die verlangten Daten preis. Dräger: „Ich war völlig neben der Spur.“

Die vermeintliche Polizistin redete ihr ein, die eigene Tochter habe eine fahrlässige Tötung begangen. Darauf stehe eine bis zu fünfjährige Haftstrafe.

Die nachfolgende Frage offenbarte, dass Betrügerinnen am Werk waren, die vermutlich nicht nur nach Daten, sondern auch nach Barem trachteten: „Sind Sie gewillt, eine Kaution zu zahlen?“ Auf Drägers Nachhaken, um welche Summe es gehe, erwiderte die Frauenstimme: „30. 000 Euro.“ Die „Polizistin“ begründete die Höhe der Kaution mit der Schwere der Unfallfolgen; die zu Tode gekommene Frau sei Mutter dreier Kinder gewesen.

Erzeugter Stress soll die Vernunft blockieren

Ingrid Dräger erfuhr weder, wo der angebliche Unfall passiert sein soll, noch bekam sie den Hergang geschildert. Unter normalen Umständen hätte sie den Anruf schnell als Fake entlarvt. Doch die Umstände waren alles andere als normal. Die 65-Jährige sollte gezielt mit der schockierenden Wirkung der übermittelten „Nachricht“ unter Stress gesetzt und an vernünftigem Denken gehindert werden. Den redensartlichen Dreh bekam sie dann doch noch. Die Forderung einer derart hohen Kaution ließ sie schlussfolgern, dass die ihr verklickerte Story nicht stimmen konnte. Sie legte auf und rief sofort ihre eigene Tochter an. Die war putzmunter und hatte natürlich niemanden überfahren.

Am Donnerstagmorgen gab Ingrid Dräger das Erlebte auf der Polizeistation in Harpstedt zu Protokoll und erstattete Anzeige gegen unbekannt. Sie bekam bestätigt, Opfer eines Schockanrufs geworden zu sein. Das Telefonat hatte sie sogar noch im Schlaf verfolgt. „Es ließ mich einfach nicht los. Ich hatte nachts immer noch die Worte ,Mama, Mama, bitte hilf mir!’ im Kopf“, erzählt die 65-Jährige.

Vorgehen nach Stufenplan

Sie hofft, dass die Betrüger allein mit ihrer Adresse und den übermittelten Geburtsdaten kein Schindluder treiben können. „Im Nachhinein ärgere ich mich natürlich darüber, diese Dinge mitgeteilt zu haben“, gesteht sie. Die Erstattung der Anzeige sei jedenfalls enorm wichtig gewesen. „Wenn es dazu kommen sollte, dass die Täter etwas in meinem Namen bestellen und kaufen, kann ich nachweisen, Opfer eines Datenabgriffs geworden zu sein.“

Nach Ingrid Drägers Kenntnis gehen Schockanrufer nach einem Stufenplan vor. Der Datenklau sei sozusagen die erste Stufe. Dabei bleibt es für gewöhnlich aber nicht.

Manche Boten quittieren Gelderhalt sogar dreist

In der Regel wird das Opfer durch künstlich erzeugten Stress regelrecht genötigt, einen großen Betrag von seinem Konto abzuheben. Vielfach quittiert der Bote, der das Geld dann in Empfang nimmt, den Erhalt sogar in unglaublicher Dreistigkeit. Die Täter versuchen übrigens keineswegs, mit der immer gleichen Geschichte zum Ziel zu kommen. Mal gaukeln sie vor, sofort Geld zu brauchen, damit eine lebensrettende Operation an einem Angehörigen des Angerufenen bezahlt werden könne. Dann wieder versuchen sie es etwa mit dem Märchen, unverzüglich einen hohen Betrag für das „Auslösen“ des Sohnes oder der Tochter ihres Opfers aus dem Polizeigewahrsam zu benötigen.

„Prägen Sie sich die Anruferstimme ein!“

Die echte Polizei würde natürlich niemals telefonisch Geld einfordern. Ingrid Dräger hat trotz der Preisgabe von Adresse und Geburtsdaten durchaus einiges richtig gemacht. Sie war letztendlich misstrauisch genug, auf die Geldforderung nicht einzugehen, und hat durch Abbruch des Gespräches vermutlich Schlimmeres verhindert.

Die Polizei rät ausdrücklich dazu, sich die Stimme des Anrufers gut einzuprägen und insbesondere auf sprachliche Besonderheiten zu achten. Der allerwichtigste Rat aber bleibt, den Forderungen auf keinen Fall Folge zu leisten, aufzulegen, sobald der Anruf den Anschein eines Fakes erweckt, und danach die echte Polizei zu verständigen.

Ingrid Dräger ist dieser Tage nicht das einzige Ziel von Betrugsversuchen nach der Schockanruf-Masche in der Samtgemeinde Harpstedt gewesen. Sie weiß von weiteren Vorfällen dieser Art.  

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