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Drohne avanciert zum Wildtierretter

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Die Drohne erhebt sich in die Lüfte. Von links: Stephan Neitzel, Inhaber des Unternehmens Syswe, Jäger Sascha Meyer, Jens Witte vom Hegering Harpstedt und der Syswe-Angestellte Johannes Scheel. Foto: Bohlken
Die Drohne erhebt sich in die Lüfte. Von links: Stephan Neitzel, Inhaber des Unternehmens Syswe, Jäger Sascha Meyer, Jens Witte vom Hegering Harpstedt und der Syswe-Angestellte Johannes Scheel. Foto: Bohlken

Wohlde/Ganderkesee - Von Juergen Bohlken. Aus 100 Metern Höhe über einem Feld in Wohlde erfasst eine mit zwei hochauflösenden Kameras bespickte Drohne des Ganderkeseer Unternehmens Syswe (ehemals Systemtechnik Weser-Ems) optisch etliche Hektar Land. Das Hölscherholz erscheint auf dem Monitor. Ebenso ein Siloturm in Wildeshausen.

Die rund 40 000 Euro teure Technik, dank GPS und Real-Time-Kinetik (RTK) teilautonom einsetzbar und üblicherweise mit einer herkömmlichen sowie einer Wärmebildkamera versehen, kommt oft in der technischen Überprüfung von Energieerzeugungsanlagen zum Einsatz. Sie spürt etwa auffällig warme Fotovoltaikmodule auf; Überhitzungen können als Folge schlechter elektrischer Verbindungen und dadurch bedingter hoher Übergangswiderstände auftreten. „Letztlich geht es um Brandprävention. Aber auch darum, für den Kunden die Wertschöpfungskette zu erhalten“, erläutert Firmeninhaber Stephan Neitzel (52).

Bei Windkraftanlagen lässt sich mithilfe der Thermografie per Drohne sogar feststellen, ob ein Flügelabbruch droht. Lufteinschlüsse etwa können die Struktur des Rotorblattes schwächen. Bemerkbar macht sich das an einer Unterbrechung des Wärmeflusses. Unter dem Oberbegriff „Landwirtschaft 4.0“ zeichnen sich noch spannendere Einsatzmöglichkeiten von Drohnen ab. Erprobt wird zum Beispiel ein präzise auf den Pflanzennährstoffbedarf abgestimmtes, punktgenaues (Nach-)Düngen.

Bilder in imponierend hoher Auflösung „schicken“ die Kameras auf den Monitor. Foto: boh
Bilder in imponierend hoher Auflösung „schicken“ die Kameras auf den Monitor. Foto: boh

Jens Witte aus Wohlde, Obmann für Öffentlichkeitsarbeit, Umwelt- und Naturschutz im Hegering Harpstedt, hat sich die Technik aus einem anderen Grund von Stephan Neitzel und dem Syswe-Angestellten Johannes Scheel (26) demonstrieren lassen. Ihm schwebt vor, eine Drohne mit Wärmebildkamera für das Aufspüren von Wild vor der Frühjahrsmahd einzusetzen. Einen solchen Auftrag hat das Unternehmen aus Ganderkesee zwar noch nicht bekommen; aus Neitzels Sicht spricht aber nichts dagegen, die Technik auch für diesen Zweck zu nutzen. Zwei Alternativen gibt es. Option eins: Syswe fliegt die Felder vor dem Mähen mit eigener Manpower und ihrem Profi-Equipment ab, um Bodenbrüter-Gelege, Rehkitze oder auch Junghasen ausfindig zu machen. Die Vorteile: Die Technik arbeitet höchst effizient und schnell, kann mit einer Akku-Ladung 25 Minuten ununterbrochen in der Luft bleiben und liefert gestochen scharfe Bilder. Nachteil: Die Dienstleistung kostet immerhin zehn Euro pro Hektar. Option zwei erscheint Witte reizvoller: Mehrere Jagdreviere tun sich zusammen und leihen sich von der Firma Syswe eine kleine Drohne mit Wärmebildkamera für 72 Euro pro Tag aus. „Das kann man für die Wildtierrettung schon investieren“, findet Witte. Das Fliegen der Drohne, das Beobachten des Monitors sowie das „Ablaufen“ der auffälligen Stellen anhand der Thermografiebilder würden aber nach seiner Einschätzung mindestens drei Helfer binden. Eines Drohnenführerscheins bedürfte es nicht – zumindest noch nicht. „Der wird erst ab einer Startmasse von 2 000 Gramm erforderlich“, weiß Neitzel. Die kleine Drohne mitsamt Kameratechnik wiege indes nur etwa 1 500 Gramm. Sie könne maximal 15 Minuten am Stück fliegen; dann müsse der Akku getauscht werden.

Wer Interesse hat, die Drohne vor der Grasmahd oder dem Grubbern von Grünroggen im Interesse der Wildtierrettung zu nutzen, kann bei Jens Witte (Telefon 04244/965 128) oder der Firma Syswe (Telefon 04222/805 805 0) Näheres erfragen.

Schon 2018 hatte der Hegering Harpstedt auf die Gefahren des Mähens für Wildtiere während der Brut- und Setzzeit hingewiesen. Der damals an die Landwirte gerichtete Appell, vorab Kontakt zu den Revierinhabern zu suchen, gilt weiterhin, damit die Chance gewahrt bleibt, Wildtiere vor dem sicheren Mahdtod zu bewahren. Eine von mehreren Möglichkeiten ist das akustische Vergrämen – etwa mithilfe von Knistertüten und Kofferradios auf dem Feld oder mit „piependen“ Geräten an landwirtschaftlichen Maschinen. „Rehkitze zeigen in den ersten Lebenswochen kein Fluchtverhalten. Sie schützen sich durch Ducken“, weiß Witte. Das kann den Tieren, auch Junghasen, beim Mähen oder Häckseln leicht zum Verhängnis werden. Das akustische Vergrämen funktioniert sogar aus der Luft per Drohne. Das mietbare Gerät der Firma Syswe könnte im Flug Geräusche, beispielsweise Hundegebell, über einen Lautsprecher „aussenden“.

Das optische Aufspüren des Wilds mittels Thermografie empfiehlt sich in den frühen Morgenstunden. Wenn sich der Boden noch nicht aufgeheizt hat und deutlich weniger warm ist als die Körper der Tiere, liefert die Wärmebildkamera naturgemäß viel aussagekräftigere Bilder.

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