Multikulti-Trio zelebriert in Harpstedt den „Gypsy-Punk“ mit internationaler Note

Drei „Köche“, die den „Brei“ keineswegs verderben

Multikulti als musikalisches Konzept: Maria Schuster (oben), Romain Vicente und Judith Retzlik.

Harpstedt - Judith Retzliks Violine schmeichelt sich in die Gehörgänge. Die an Temperament zulegende Weise mutet anfangs an, als sei sie direkt der Puszta entsprungen. Doch Moment mal, klingt irgendwie vertraut...

Ach ja, Quentin Tarantino lässt grüßen: Das Trio „Pink Parte“ läutet sein „Kultur am Donnerstag“-Konzert im „Liberty‘s“ in Harpstedt mit der Titelmelodie aus „Pulp Fiction“ ein. So instrumental und „verschwiegen“ wie zum Auftakt geht‘s aber nicht weiter. Kommunikation ist vielmehr Trumpf. Maria Schuster, Frontfrau des Multikulti-Trios, das die pure Spielfreude verkörpert, sucht durchgehend den Kontakt zum Publikum. Sie wisse, dass es sich bei „Kultur am Donnerstag“ um eine Konzertreihe handele. „Wahrscheinlich seid ihr jeden Donnerstag hier“, orakelt sie. „Jeden Tag!“, ruft ein Gast ihr zu. „Darauf trinken wir! Gibt‘s du ‘ne Runde aus?“, bricht sie schlagfertig das Eis. Als „Botschafter der internationalen Gypsy-Punk-Bewegung“ stellt Maria Schuster die Gruppe vor. Was folgt, ist ein bunter Cocktail mit internationalem Touch. Der Mix offenbart: „Viele Köche“ müssen keineswegs den redensartlichen „Brei“ verderben.

Der multitaskingfähige Romain Vicente begleitet sich scheinbar mühelos zu eigenem Gesang auf Gitarre und Percussion gleichzeitig und schafft es dabei noch, reichlich Charme in französische Chansons oder auch Sprechgesang einfließen zu lassen. Judith Retzlik hat offenkundig den Schalk im Nacken. Musikalisch setzt sie mit vorwiegend verträumten Violinensoli Akzente. Bei „Mein Schatz“, einem Lied um Liebe, Fehltritt und Eifersucht, tauscht sie ihre Geige gegen eine gedämpfte Trompete. „Ah, die Geheimwaffe“, unkt Bandkollegin Schuster. An anderer Stelle singt Retzlik in ihrer Muttersprache ein politisches portugiesisches Lied.

Die Musiker verleugnen ihre unterschiedlichen Herkunftsländer und Sozialisationsverläufe nicht, vermengen Folkloretradition aus Rumänien, Portugal und Frankreich geschickt mit zeitgenössischen Singer-Songwriter-Liedern aus dem weltoffenen Berlin, ihrer gemeinsamen Wahlheimat. Temperament und Melancholie halten sich in dem viersprachig daher kommenden Konzert ungefähr die Waage.

Alltägliches spricht immer wieder aus den Texten. „Es geht darum, dass jemand furchtbar eifersüchtig ist, als er Dinge an dem Mädchen sieht, das er liebt. Dinge, die nicht von ihm stammen, etwa Ohrringe, Schal oder Perlen. Es kommt so weit, dass der Eifersüchtige seinen Nebenbuhler tötet“, umreißt die in Siebenbürgen aufgewachsene Bandleaderin den Inhalt des rumänischsprachigen „Asara“. Darin paart sich Folklore mit viel Drive.

„Die Siebenbürger bezeichnen sich ja gern als die besseren Deutschen, weil sie 800 Jahre als Deutsche in der Enklave überlebt haben“, schwingt Ironie in der Anmoderation eines rumänischen Liedes mit, dessen Titel so viel heißt wie „Au, mein Herz.“ Bei „L‘emportera“, einem Chanson voller Melancholie, singt indes Vicente die erste und Retzlik die zweite Stimme. Das Lied stammt nicht nur aus Vicentes Heimat, sondern sogar „aus meinem Dorf“. Es gehe um den Wind, der am Ende alles weg wehe, als Symbol für das Leben und die Vergänglichkeit.

„Ich habe einen wunderbaren Kollegen, der euch regelmäßig besucht: Karl Neukauf. Mit ihm zusammen schreibe auch auch Lieder“, leitet Maria Schuster zu „Julius“ über. „Der Song könnte für dich geschrieben sein“, ergänzt sie und schaut ihrem männlichen Bandkollegen betont tief in die Augen. Mit den ersten Versen bricht Gelächter aus: „Deine Schönheit ist schwer zu ertragen. Wenn ich dich sehe, kribbelt es im Magen.“ Der lakonisch-schräge Humor Neukaufs blitzt im Text ebenso durch wie dessen Tournee-Pläne mit Schuster: „Unser Leben wird eins, doch wir gehen auf Tour. Oder wir fahren nach Mainz. Welches Auto nehmen wir? Deins! Oder wir klauen uns eins von der Schwester von Esther Schweins.“

Im munteren Instrumententausch übt sich auch die Frontfrau. Etwa, als sie zur Djembe greift. Die Do-it-yourself-Bauanleitung liefert sie gleich mit: „Man zieht eine Agavenwurzel zu zweit oder zu dritt aus dem Boden – und dann über die Landstraße, bis die Fasern ab sind. Absägen, aushöhlen, Ziege rauf – und schon geht‘s auf die Bühne damit!“

Eine der zu hörenden rumänischen Balladen erweist sich als „schunkeltauglich“, stellt das Publikum verzückt fest – und schunkelt munter im Takt. „Wir entlassen euch in eine wunderschöne Nacht. Aber nicht, ohne euch genau zu sagen, was ihr nachher machen müsst“, zwinkert Maria Schuster den Zuhörern zu, ehe sie bei dem Titel „Sex ist schön“ mit Blues-Anleihen eine laszive Vamp-Seite betont nach außen kehrt.

Im Zugabeteil ist Überraschendes abermals Programm: In die anfangs fast schwermütig anmutende Ballade „Am Meer“ mischt sich unvermittelt eine orientalische Note; die Zuhörer glauben vor ihrem geistigen Auge – je nach Phantasie – eine Bauchtänzerin oder eine durch die Wüste ziehende Karawane zu sehen.

Am Ende sind sich alle im Publikum einig: „Die dürfen gern wiederkommen.“

Lesen Sie auch:  Maria Schuster über ihre Musik- und TV-Karriere

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