Dietrich Wimmer bleibt den Beweis während seines Orgelkonzerts in Harpstedt nicht schuldig

„Auch in jazzigem Gewand behalten alte Choräle ihre urtümliche Kraft“

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Ein Meister an den Manualen: Dietrich Wimmer.

Harpstedt - Zahlreiche Augenpaare richteten sich auf den Altar, aber da gab es nichts Aufregendes zu sehen. Umso spannender waren die Blue Notes, die Dietrich Wimmer der Führer-Orgel entlockte. Er ließ das Instrument während seines Sonntagskonzerts in der Harpstedter Christuskirche swingen. Hedwig Stahl, die sonst in dem Gotteshaus die Orgel spielt, gehörte zu den wenigen, die sich das jazzige Spiel auf der Empore aus nächster Nähe anschauten. Die meisten der gut 40 Besucher begnügten sich indes – unten sitzend – mit dem reinen Hörgenuss. „Dietrich Wimmer hat die Gabe, unsere Orgel in vielen verschiedenen Facetten zum Klingen zu bringen. Eine davon bringt er nur selten zu Gehör, und die werden wir heute erleben“, spielte Pastorin Elisabeth Saathoff eingangs auf den „Jazz im Choral“ an. „Es gibt ja sogar Leute, die sagen, Bach sei ein Jazzer gewesen“, fuhr sie fort, ehe sie Wimmer begrüßte.

Sodann stimmte der Organist selbst auf das nachfolgende Programm „Jazz for fun“ ein: „Ich bin gern an dieser leichtfüßig zu spielenden Orgel. Ich denke, das wird die Musik deutlich machen. Jazz auf der Orgel? Dazu braucht man eigentlich heute gar nicht mehr viel zu erklären. Früher war das anders. In meiner Konfirmandenzeit kamen gerade die neuen Lieder auf. Da fragten sich die Leute, ob es in eine Kirche passe, wenn dort etwa ein Schlagzeug als Begleitinstrument zu hören ist, das ja bekanntlich auch in der ,bösen‘ Rockmusik vorkommt. Inzwischen hat die Gospelwelle uns überschwemmt und gezeigt, dass diese Musik in die Kirche gehört. Genauso wie alle anderen Stilrichtungen. Mir macht es jedenfalls großen Spaß, den Jazz auf die Orgel zu bringen“, gab Wimmer zu. Und dieser Spaß übertrug sich aufs Publikum, das anfangs verhalten, dann aber immer kräftiger applaudierte.

Nach einem geradezu furiosen Intro zollte der Organist der Trompeter- und

Spaß springt aufs

Publikum über

Sängerlegende Louis Armstrong Tribut und verpasste dessen Welterfolg „What a wonderful world“ einen modernen Stempel. Er machte aus der Ballade erst durch Verfremden des Leitthemas und freies Improvisieren eine waschechte Jazz-Nummer. „Den Komponisten und den Texter kennen wir kaum. Wohl aber die ungewöhnliche Stimme des Interpreten, für den dieser Songs einst geschrieben wurde: ,Satchmo‘. Stellen Sie sich einfach eine Bigband vor, die hier oben auf der Empore Platz genommen und zunächst mit Flöten Vogelgezwitscher darstellt, ehe die schweren Blechpartien ein bisschen mehr Sound machen!“, riet Wimmer – leicht schwäbelnd. Ursprünglich stammt er aus Heidenheim in der Schwäbischen Alb. Seit 1993 ist Bruchhausen-Vilsen seine Wahlheimat.

In Harpstedt imponierte er mit spielerischer Leichtigkeit, großem improvisatorischen Talent und der Fähigkeit, Musik unaufgeregt mit informativen Randnotizen zu versehen. „Ein Ausflug ins evangelische Gesangbuch“ führte ihn zu zwei alten Chorälen, die sich einem Jazzgewand keineswegs versperrten. „Schon vor langen Jahren hat in meiner Heimat in Baden-Württemberg der Swing Einzug in die Posaunenchorszene gehalten. Ich selbst bekam damals den Auftrag, einen richtig swingenden Satz zu einem schönen, modernen Lied zu schreiben. Ich habe mir damit sehr viel Mühe gegeben, allerdings nichts zustande gebracht, womit ich so richtig zufrieden gewesen wäre. Aber fast im Handstreich kam mir gleichzeitig sozusagen ein Satz zu einem alten Choral zugeflogen, den ich auch geschrieben hatte. Da fiel mir auf, dass diese Choräle nicht verstaubt oder langweilig sind, sondern eine urtümliche Kraft in sich bergen.“ Letztere gehe auch mit einem jazzigen „Drumherum“ nicht verloren. Den Beweis blieb Wimmer nicht schuldig: Seine außerordentlich beschwingte Fassung von „Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut“ mutete an, als sei sie in den 1950er-Jahren entstanden – und die Melodie nicht schon 1543 von Guillaume Franc komponiert worden. „Lobe den Herren, o meine Seele“ kam nicht minder modern rüber und avancierte in Wimmers Version zu einem Jazz-Walzer voller Melancholie.

Musik weltlichen Ursprungs sparte der Organist nicht aus, aber auch hier wählte er mit Bedacht Stücke, die in einem Gotteshaus nicht deplatziert wirkten, etwa Duke Ellingtons „Come Sunday“. Der Titel beschreibe, so Wimmer, die Sehnsucht der ausgebeuteten Sklaven nach dem Sonntag. „Zynischerweise“, so der Musiker, „waren die Sklavenhalter so ,fromme‘ Leute, dass sie selbst den unterdrückten Schwarzen ihre Zeit zum Gottesdienst zugestanden und die Teilnahme daran durchaus auch von ihnen erwarteten.“ Alles in allem bereitete Wimmer seinem Publikum einen kurzweiligen Konzertabend, der nicht nur einige seiner eigenen Facetten, sondern auch viele der ungezählten Seiten des Jazz offenbarte.

boh

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