Dietmar Kaiser bringt für Flüchtlinge gespendete Fahrräder in Schuss und stellt ihre Verkehrssicherheit wieder her

Manchmal werkelt er bis nach Mitternacht

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Oft kann sich Dietmar Kaiser erst in den Abendstunden den Fahrrädern widmen, die er für Flüchtlinge flott macht.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. „Neun Stück sind gerade erst wieder fertig geworden und auch schon eingelagert“, freut sich Dietmar Kaiser. „Weitere zwölf stehen da vorn“, deutet er auf eine Stelle seines Grundstücks, wo sich Fahrrad an Fahrrad reiht. Der 76-Jährige repariert die „Drahtesel“ unentgeltlich. Er stellt ihre Verkehrssicherheit wieder her. „Der Fahrraddoktor“ steht auf einem Schild geschrieben, und als solcher betätigt sich der Ruheständlerschon seit rund 20 Jahren ehrenamtlich in Harpstedt. Mit dem Flüchtlingsstrom kam auch mehr Arbeit auf ihn zu.

Für ein Mindestmaß an Mobilität benötigen die Asylsuchenden zwingend ein „Stahlross“. Kaiser trägt entscheidend dazu bei, dass sie eins bekommen. Etwa 40 hat er nach eigener Schätzung bereits für Flüchtlinge instandgesetzt.

Viele Bürger spenden Fahrräder – mal gut, mal weniger gut erhalten. Oft will die Tauglichkeit der Vehikel für den Straßenverkehr wiederhergestellt werden. „Beleuchtung und Bremsen sind am häufigsten kaputt“, spricht Kaiser aus Erfahrung. Mit seinem handwerklichen Geschick und seiner großen Routine kriegt er solche Mängel zumeist im Nu behoben. Es gibt aber auch „härtere Nüsse“ in Form anspruchsvollerer Aufgaben, mit denen sich der „Fahrraddoktor“ immer mal wieder konfrontiert sieht. Doch selbst die eine oder andere „Krücke“, die bei ihm ankommt, wandert nicht in den Schrott, sondern liefert zumeist Ersatzteile, die der Harpstedter gut gebrauchen kann. „Es kommt durchaus vor, dass ich aus zwei alten Rädern eins mache“, verrät der auf „Drahtesel“ spezialisierte „Doktor“.

Eine gewisse Empathie schwingt bei seinem Tun sicher mit. Denn Flucht und Vertreibung kennt Dietmar Kaiser aus seiner Kindheit – aus eigenem Erleben. Als Sechsjähriger floh er 1945 mit seiner Mutter, zwei Geschwistern und den Großeltern aus Ostpreußen – teils mit dem Zug, teils zu Fuß. „Im tiefsten Winter. Da lag noch wirklich Schnee. Nicht so wie heute. Einen Pferdewagen hatten wir nicht“, erinnert er sich an die schwere Zeit zurück.

Im schleswig-holsteinischen Heide kam die Familie damals unter. Der Großvater brachte Dietmar Kaiser das Reparieren von Fahrrädern bei. Was der Enkel seinerzeit lernte, hat er fürs Leben gelernt. Es blieb haften.

Doch auch in seinem Berufsleben stand der gelernte Landmaschinentechniker und Kaufmann immer wieder vor technischen Herausforderungen – im Schiffbau bei der Deutschen Werft in Hamburg genauso wie bei AEG in Seligenstadt oder in der Gold- und Silber-Scheideanstalt des Degussa-Konzerns in Frankfurt.

Gemeinsam mit seiner Frau Christa engagiert sich der Ruheständler auch anderweitig im sozialen Bereich. Er kümmert sich privat um drei Seniorinnen, die sich über seine Gesellschaft freuen und für die er unter anderem Einkäufe erledigt. Den Fahrrädern kann er sich oft erst in den Abendstunden widmen. „Es kommt vor, dass ich bis nachts um 2 Uhr daran arbeite“, verrät er schmunzelnd. Da viele weitere Flüchtlinge in die Samtgemeinde kommen werden, steht zu erwarten, dass ihm die Arbeit nicht ausgeht und er noch an etlichen „Drahteseln“ schrauben wird. Bürger, die gebrauchte Damen-, Herren- oder Kinderfahrräder spenden und sie für Flüchtlinge flott machen lassen möchten, können sich telefonisch an ihn wenden (Tel.: 04244/ 2332 – auf dem Anrufbeantworter den Namen und die Rufnummer hinterlassen). Auch für Ersatzteile ist Dietmar Kaiser dankbar. „Mäntel, Schläuche und Sättel kann ich sowieso immer gebrauchen, aber auch viele andere Dinge“, sagt er.

Die Flüchtlingsinitiative aus ehrenamtlichen Helfern, der Kaiser angehört, hat sich übrigens ausdrücklich die Hilfe zur Selbsthilfe auf ihre Fahnen geschrieben. Im Klartext: Die Flüchtlinge dürfen nicht erwarten, alles in den Schoß gelegt zu bekommen, sondern sind gefordert, eigenverantwortlich für sich zu sorgen, soweit das machbar ist. Das beinhaltet auch, Instandsetzungsarbeiten an den ihnen überlassenen Fahrrädern so bald wie möglich selbst auszuführen. Boxen mit nötigen Werkzeugen und Materialien sind den dezentralen Unterkünften zur Verfügung gestellt worden.

Fürs Erste können die Asylsuchenden gleichwohl noch mit kaputten Fahrrädern zu Kaiser kommen. „Dienstags zwischen 9 und 12 Uhr. Das ist sozusagen mein Tag der offenen Tür“, so der (Un-)Ruheständler.

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