SOMMER-SMALLTALK Hans-Georg Lück will bis Santiago de Compostela pilgern

„Die Last im Kopf geht in den Rucksack über“

Nach einer Verschnaufpause auf dem Harpstedter Amtshofgelände geht’s für Hans-Georg Lück weiter auf dem Jakobsweg. Nächstes Etappenziel: Wildeshausen.
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Nach einer Verschnaufpause auf dem Harpstedter Amtshofgelände geht’s für Hans-Georg Lück weiter auf dem Jakobsweg. Nächstes Etappenziel: Wildeshausen.

Harpstedt/Goldenstedt – Hans-Georg Lück nimmt auf einer Ruhebank vorm Harpstedter Amtshof Platz und gönnt sich eine Pause. Mehr als die Hälfte des Tages ist schon um. Mehr als zwölf Kilometer Strecke liegen aber bis zum Abend noch vor ihm – ein beachtliches Pensum. Da tut etwas Erholung richtig gut. Doch ehe der 59-Jährige die Augen schließt, um ein kurzes Nickerchen zu machen, willigt er in einen spontanen „Sommer-Smalltalk“ mit unserer Zeitung ein.

Herr Lück, Sie pilgern auf dem Jakobsweg. Was haben Sie sich vorgenommen?

Bis zur Rente will ich in Santiago de Compostela ankommen. Ich pilgere etappenweise, immer zwei oder drei Wochen lang. Nach einem Probelauf auf der Via Baltica habe ich es vor zwei Jahren von Swinemünde bis Grimmen nahe Greifswald geschafft – und 2019 dann weiter bis Bremen. In diesem Jahr wollte ich eigentlich von Bremen aus bis nach Köln, aber wegen der Corona-Geschichte waren alle Herbergen und Unterkünfte dicht. Zufällig habe ich jetzt noch zehn Tage Urlaub.

Und die nutzen Sie wofür?

Um von Bremen bis Münster zu pilgern. Die nächste Station nach Harpstedt ist Wildeshausen. Dort kann ich bei meiner Schwester Gaby Thiel übernachten.

Was schleppen Sie alles in Ihrem Rucksack mit?

Das Wichtigste ist das Wasser. Drei Liter habe ich dabei. Leere Flaschen fülle ich in den Herbergen mit normalem Leitungswasser wieder auf. Auch einen kleinen Campingkocher habe ich mitgenommen. Der wiegt zwar ein bisschen, darf aber nicht fehlen. Schon gar nicht in Zeiten der Pandemie. Ich kann mir ja überhaupt nicht sicher sein, dass die Speisestätten alle geöffnet haben. Die Pilger-Herbergen geben Empfehlungen, wo es Essen gibt. Teils halten sie sogar selbst etwas Verpflegung vor.

Pilger entsagen dem Luxus. Sie gehen für gewöhnlich nicht in Lokale, um sich ein Gericht, das auf der Karte steht, bequem zu bestellen – wie ein stinknormaler Gast.

Stimmt. Es gibt Herbergen für Pilger, die auch Kochmöglichkeiten vorhalten. Dort besteht die Möglichkeit, selbst Essen zuzubereiten.

Wo übernachten Sie?

Zumeist in ausgewiesenen Pilger-Herbergen. Ich komme gerade aus Syke-Barrien. Dort habe ich im Gemeindehaus genächtigt – in einem Zimmer extra für Pilger.

Kirchengemeinden sind auf der Suche nach einem Quartier für die Nacht vermutlich generell eine gute Adresse. Oder?

Ja. Wegen Corona habe ich vor Antritt dieser Etappe herumtelefoniert, um Übernachtungsmöglichkeiten zu finden. Die Kirchen haben es übrigens ganz gern, wenn man sich einen Tag vorher ankündigt. Erreicht der Pilger die Herberge dann doch nicht zur vereinbarten Zeit, weil er die Strecke nicht so gut schafft wie erwartet, gibt es im Normalfall keinerlei Probleme.

Woher bekommen Sie die Stempel für den Pilgerausweis?

In den Herbergen, in Pfarrhäusern oder Kirchen. Dort liegen die Stempel aus. Stempeln muss man für gewöhnlich selbst.

Was machen Sie beruflich? Wo arbeiten Sie?

Ich bin Krankenpfleger auf der Intensivstation im Vechtaer Krankenhaus.

Können Sie schon absehen, wann Sie als Pilger ausländischen Boden betreten werden?

Vielleicht klappt es 2021 bis zur deutsch-französischen Grenze. Gut möglich aber auch, dass ich weiter in Richtung Süden vordringe und dann durch die Schweiz gehe. Der Jakobsweg ist ein ganzes Bündel aus Wegen, das viele Möglichkeiten eröffnet.

Was bringt Ihnen das Pilgern?

Die Last im Kopf geht in den Rucksack über, und den Rucksack kann ich abends in die Ecke stellen.

Schön formuliert. Gibt es religiöse Motive, die Sie um- und antreiben?

Ja, auch. Ich bin Katholik und schon gläubig. Zugleich gebe ich offen zu: Zur Messe gehe ich inzwischen lange nicht mehr so regelmäßig, wie es in meiner Kindheit üblich war, als ich das musste.

Machen Sie beim Pilgern Erfahrungen, die im Gedächtnis haften bleiben?

Ja. Besonders im Zusammenhang mit netten Menschen, denen ich begegne und die ich übrigens auch angetroffen habe, als ich in Ostdeutschland unterwegs war. Dass die Menschheit von Grund auf schlecht sei, kann ich aus meinen Pilger-Erlebnissen heraus jedenfalls nicht bestätigen, im Gegenteil. Da gab es zum Beispiel eine Mutter, die alles stehen und liegen ließ, als ich sie am Gartenzaun ansprach und sie um Wasser bat, weil ich kaum noch etwas hatte.

Ist der Jakobsweg gut ausgeschildert?

Ja. Für gewöhnlich mit gelben Pfeilen auf blauem Hintergrund und/oder dem Jakobsmuschel-Motiv. Wenn ich Wildeshausen hinter mir gelassen habe, geht’s weiter über Visbek, Goldenstedt und Lohne. In der Gegend habe ich Freunde, bei denen ich übernachten kann.

Sie könnten ja theoretisch auf Ihrem weiteren Weg einen kleinen Abstecher nach Hause machen.

Stimmt. Aber das will ich ganz bewusst nicht. Denn sonst würde mich der Alltag womöglich gleich wieder einholen. Da reicht ja manchmal ein Blick in den Briefkasten.

Ist Erholung ein angenehmer Nebeneffekt des Pilgerns?

Mag sein, aber deswegen mache ich das natürlich nicht, sondern um den Kopf frei zu kriegen. Hinterher fühle ich mich entspannter, zufriedener. Und ich stelle fest, dass ich Dinge zum Teil anders sehe als zuvor. Das Pilgern macht mir bewusst, worauf es im Leben wirklich ankommt. Allerdings strengt es körperlich schon sehr an. Das ist wirklich nicht ohne. Wenn ich unterwegs bin, verliere ich immer ein paar Kilogramm Gewicht.

Von Jürgen Bohlken

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