1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Oldenburg
  4. Harpstedt

Die Harpstedterin Andrea Ehr arbeitet als selbstständige Buchbindermeisterin

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Leif Rullhusen

Kommentare

Mittlerweile selten: Andrea Ehr streicht Papierseiten mit Leim ein, um sie zu einem Buch zu verkleben.
Mittlerweile selten: Andrea Ehr streicht Papierseiten mit Leim ein, um sie zu einem Buch zu verkleben. © Rullhusen, Leif

Die Harpstedterin Andrea Ehr ist Buchbindermeisterin. Eine der Letzten im Flecken Harpstedt und wahrscheinlich die letzte Selbstständige in der weiteren Umgebung.

Harpstedt – Ihre Mappen reisen gefüllt mit Informationsmaterial in den Passagierkabinen der MS Bremen um die Welt. Und in den Präsentationskartons von Andrea Ehr wurden unzähligen Vorständen großer Konzerne auf dem ganzen Globus unter anderem Produkte zur Markteinführung vorgestellt. Die Harpstedterin Andrea Ehr ist Buchbindermeisterin. Eine der Letzten im Flecken und wahrscheinlich die letzte Selbstständige in der weiteren Umgebung. „Das Herstellen dieser Kartonagen ist ein Teilbereich meines Berufes. Mittlerweile besteht meine Arbeit zu 90 Prozent daraus“, erklärt die 51-Jährige. Sie fertigt besonders hochwertige und edle Kartons sowie Mappen, unter anderem zur Präsentation neuer Produkte, zur Übergabe der Schlüssel und Papiere für das neue Luxusappartement oder der Dokumente für das neue Kreuzfahrtschiff der Meyer-Werft.

Eine Marktlücke mit Hilfe von alter DDR-Technik

Ehr hat sich eine Marktlücke, eine Nische erarbeitet. Und das mithilfe von teils historischen Maschinen. Besonders stolz ist sie auf einen alten Apparat aus der ehemaligen DDR. „Der kann etwas ganz Besonderes. Er kann 90 Grad um die Ecke klammern“, erklärt die Buchbindermeisterin. „Somit kann ich Kartonagen in größeren Mengen fertigen.“ Damit besitzt sie genau die Lücke zwischen industrieller Fertigung und reiner Handarbeit. „Manchmal benötigen Kunden gleich Hunderte Exemplare, wie eine Wohnungsbaugesellschaft aus dem Rheinland für die Übergabe ihrer Wohnungen“, erzählt Ehr. Diese Menge könne sie ohne die Maschine nicht wirtschaftlich herstellen.

Die Buchbinderin an ihrer Stanzmaschine aus den 1930er Jahren. 
Die Buchbinderin an ihrer Stanzmaschine aus den 1930er Jahren.  © Rullhusen, Leif

Präzision ist besonders wichtig

Bei Ebay-Kleinanzeigen hatte die Buchbinderin diesen Schatz „für kleines Geld“ entdeckt. „Es war sogar noch der DDR-Stecker dran“, berichtet sie. Normalerweise würde ein Karton aus fünf Teilen verklebt. Mithilfe ihrer Technik besteht er aus einem Stück, das entsprechend gefaltet und geheftet wird. Danach folgt allerdings filigrane Handarbeit. Die Buchbinderin muss diese Rohlinge mit einem Covermaterial – zumeist Papier – bekleben und gestalten. Hier ist Präzision besonders wichtig. „Das Schwierige sind die Anstöße, die müssen exakt passen“, sagt Ehr. Sie zeigt das am Beispiel einer Spieleverpackung. Auf der „fährt ein Lastwagen“ über die Kante des Kartons quasi „um die Ecke“. Ein Absatz wäre hier fatal.

Bei der Ausgestaltung der Kartonagen kommt mit der Stanzmaschine zum Prägen von Schriften häufig das nächste Museumsstück in ihrer kleinen Buchbinderei zum Einsatz. Ehr: „Die stammt aus den 1930er Jahren, leistet aber immer noch gute Arbeit.“

„Viele Buchbindereien haben aufgegeben“

Nur noch selten betätigt sich die Harpstedterin als klassische Buchbinderin. „Die Arbeit hat sich seit meiner Ausbildung stark verändert“, sagt sie. Bis in die 1990er Jahre hätten vor allem Steuerberater, Rechtsanwälte und Behörden die Dienste von Buchbindern in Anspruch genommen. In monatlichen Fachzeitschriften erschienene Gesetzesänderungen oder Urteile wurden früher gesammelt und zu Büchern gebunden. „Heute verwenden die Praxen und Behörden die Texte fast ausschließlich in digitaler Form. Viele Buchbindereien haben deshalb damals aufgegeben.“

„Schon immer gerne gelesen“

Dass sie sich beruflich mit Büchern beschäftigt, stand für die gebürtige Bremerin eigentlich sehr früh fest. „Ich habe schon immer gerne gelesen. Ursprünglich wollte ich allerdings Buchrestauratorin werden“, sagt sie. Die Ausbildung zur Buchbinderin, die sie nach dem Abi begann, gefiel er dann allerdings so gut, dass sie dabei blieb. Inzwischen ist sie froh, keine Restauratorin geworden zu sein. „In meiner jetzigen Tätigkeit habe ich viel größeren Gestaltungsspielraum“, sagt Ehr.

Über Umwegen zur eigenen Buchbinderei

Sie zog nach ihrer Ausbildung ins Rheinland um, und machte dort ihre Meisterprüfung, arbeitete aber schließlich als Sekretärin in einer Druckerei, weil insbesondere Buchbindermeister kaum noch gebraucht wurden. Ausgerechnet dieser berufsfremde Job eröffnete ihr den Weg zur eigenen Buchbinderei. In einer Fachzeitschrift, die die Druckerei abonniert hatte, entdeckte Ehr eine Anzeige, in der eine Buchbinderei in einer „Kleinstadt in Norddeutschland“ zu verkaufen war. Die gebürtige Bremerin überlegte nicht lange und wagte in der „Kleinstadt“ Harpstedt vor 15 Jahren den Sprung in die Selbstständigkeit – und das in einer aussterbenden Branche. Mittlerweile hat die 51-Jährige sich dort in ihrer Nische fest etabliert.

Auch interessant

Kommentare