Ruth Heinrichs Odyssee geht weiter: Sie will zurück nach Breslau, wo sie ihre Angehörigen vermutet

Die alte Heimat gleicht nach dem Krieg einem Trümmerfeld

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Colnrade/Breslau – Im Januar 1945 mit ihren drei Schwestern und der Mutter aus Breslau vor der Roten Armee geflohen, hat sich Ruth Heinrich (später, nach ihrer Heirat, heißt sie Ruth Brown) rund drei Monate später in der Tschechei von ihren Angehörigen getrennt, um die Flucht an der Seite eines verwundeten Soldaten fortzusetzen. „Einbein-Johnny“, wie sie ihn nennt, will zurück in seine ostwestfälische Heimat Lübbecke. Endlich mit Ruth auf amerikanischem Besatzungsgebiet angekommen, legt er fragwürdige Verhaltensweisen an den Tag. So auch, als zwei freundliche amerikanische Offiziere ihn und Ruth in einem Jeep rund 100 Kilometer mitnehmen, beide zusätzlich mit Schokolade, Kaugummi sowie Zigaretten beglücken und mit der Bitte „Schreibt uns, wenn es eines Tages möglich sein sollte“ ihre eigenen Adressen auf einem Zettel hinterlassen; kaum haben sich die Soldaten verabschiedet, zerreißt der Einbeinige das Stück Papier und flucht: „Bastarde!“

Ruth bereut mittlerweile ihre eigene Entscheidung, ihre Angehörigen verlassen zu haben, um Johnny nach Hause zu helfen, doch sie hält dieses ihm gegebene Versprechen. Nach elf Wochen voller Strapazen erreicht das ungleiche Duo – fußwund und „fast verkohlt durch die glühende Sonne“ – Lübbecke. Ruth wird Zeuge riesiger Wiedersehensfreude: Eine Schürze voller Äpfel fällt Johnnys Mutter aus der Hand, als sie ihren Sohn weinend in die Arme schließt.

Der Einbeinige kommt mit Wundbrand ins Militärhospital nach Bad Oeynhausen. Nach zwei Notoperationen darf Ruth ihn besuchen. Im Wissen, dass er wieder gesund wird, verlässt sie ihn und seine Familie. Sie fühlt sich in dem Haus in Lübbecke nun fehl am Platze. Als sie geht, spürt sie die Erleichterung von Johnnys Eltern darüber, „dass ich nicht beabsichtigte zu bleiben“.

Ruth vermutet ihre Mutter inzwischen, da der Krieg vorüber ist, wieder in der schlesischen Heimat. Sie beschließt in ihrer jugendlichen Ahnungslosigkeit, zurück in das – besetzte – Breslau zu gehen. Was sie nicht weiß: Ihre Schwestern Jutta, Hildegard und Inge haben es unter abenteuerlichen Umständen zusammen mit der Mutter und weiteren Flüchtlingen tatsächlich in die Heimatstadt geschafft. Breslaus Zentrum gleicht nun einem Trümmerfeld, aber das Haus der Heinrichs am Amselweg erweist sich trotz Beschädigung als bewohnbar. Ein Zettel mit dem Hinweis „Oma und Opa Zerrressen wohnen jetzt im Drosselweg“ hängt an der Tür. Kurz darauf sieht Ruths Mutter ihre eigenen Eltern wieder, die Bombenhagel und Mörsergranaten überlebt haben. Was aus ihrem Mann sowie dem im Januar 1945 zum Volkssturm eingezogenen Sohn Arnim und Tochter Ruth geworden ist, weiß sie zu diesem Zeitpunkt nicht. Unter polnischer Administration wird sie für Instandsetzungsarbeiten eingeteilt. Ihre älteste Tochter Inge muss derweil in einem Arbeitslager täglich von 5 bis 23 Uhr schuften – eine höchst zermürbende Erfahrung. Die Beköstigung ist spärlich. Als Inge eines Tages Notiz von der Abwesenheit der Wachen nimmt, nutzt sie die günstige Gelegenheit und macht sich aus dem Staub. Zurück im Elternhaus, hält sie sich vorsichtshalber für mehrere Tage versteckt, doch niemand macht sich die Mühe, nach ihr zu suchen.

Das Leben in Breslau wird zunehmend unerträglich. Wie lange können und wollen die Heinrichs dort bleiben? Und schafft es Ruth zurück zu ihrer Familie? Darum geht es im sechsten Teil unserer Fluchtgeschichte.  boh

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