SERIE Fluchtodyssee endet in Sürstedt / Teil sieben: 1974 reist Siegfried Ewert noch einmal in die alte Heimat

Dem Elend im Getto folgt die Deportation in den Westen

Nach dem Krieg: Deutsche werden mit dem Güterzug gen Westen deportiert. Hier sind es Sudetendeutsche.
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Nach dem Krieg: Deutsche werden mit dem Güterzug gen Westen deportiert. Hier sind es Sudetendeutsche.

Sürstedt/Bartenstein – Zurück in ihrer ostpreußischen Heimat Bartenstein, finden sich Lina Ewert und fünf ihrer Kinder 1946 unter dem Einfluss der neuen polnischen Machthaber interniert im umzäunten „Scheunenviertel“ wieder. Die Zustände, die geflüchtete Rückkehrer wie sie dort vorfinden, kann Sohn Siegfried Ewert, damals zwölf Jahre alt, kaum in Worte fassen.

Seuchen und Hunger plagen die Internierten. Sie müssen auf dem Fußboden schlafen. Hilfe seitens der polnischen Verwaltung gibt es nicht. Gelegentlich, so schreibt Siegfried Ewert, kämen polnische Bürger an den Zaun, um Lebensmittel im Tausch gegen Kleidung anzubieten. Die Menschen im Getto haben aber nichts mehr, was sie tauschen könnten. Doch auch viele polnische Zeitgenossen jenseits des Zauns leben im Elend; das lässt bereits ihre aufgetragene Kleidung erahnen.

Mitunter bekommen die Internierten Ratschläge, wie sie das Getto in der Dunkelheit verlassen können, ohne Sanktionen durch die Miliz fürchten zu müssen. Auch die Ewerts sehen sich zu nächtlichen „Raubzügen“ genötigt. Der Überlebenswille treibt sie an. In umliegenden Dörfern finden sie Roggen in Scheunen. Ihre Kraft reicht kaum noch aus, um das Getreide in einer Kaffeemühle zu mahlen. Sogar Spatzen, mit Korn angelockt und einem „Gisselgatter“ gefangen, stehen auf ihrem Speiseplan, weil kaum Nahrung aufzutreiben ist. Alsbald treibt sie der Hunger auch tagsüber aus dem Lager. Mal versuchen sie ihr Glück beim Angeln. Mal dringen ältere Jungen, darunter Siegfrieds Bruder Benno, in eine wiedereröffnete Bäckerei in der Stadt ein, um Brot zu „organisieren“. Eine dabei zurückgelassene Schirmmütze findet die Miliz und sucht im Lager unter Androhung von Erschießungen nach deren Eigentümer. Eine Frau verrät den betreffenden Jungen. Er und andere, darunter Benno, werden mitgenommen und nach „einer Tracht Prügel“ zurück zu den Internierten gebracht. Selbst im Elend verlernen die Kinder das Spielen nicht. Stricke am Firstbalken einer Schaukel dienen ihnen zur Herstellung einer Schaukel.

Der Winter 1947 bleibt Siegfried Ewert als „furchtbar kalt“ im Gedächtnis. Eine seiner Schwestern und sein jüngster Bruder erkranken an Typhus. Ihn selbst plagen große Geschwüre auf der Kopfhaut und anschließend eine Bindehautentzündung an beiden Augen. Die Mutter und die ältesten Geschwister schaffen es, die Familie über den Winter zu bringen.

Im Frühjahr kursieren Gerüchte im Lager, wonach bald ein Transport für die Ausreise der Deutschen zusammengestellt werde. Daraus wird kurz darauf amtliche Gewissheit. Ohne Habe marschieren auch die Ewerts, jeweils mit weißer Binde am Oberarm, zum Bahnhof. Allerdings vergehen noch Tage, ehe sie ein Güterzug in Richtung Westen bringt. „Unser Zuhause sehen wir niemals wieder“, ahnt Lina Ewert.

Ihren Sohn Siegfried zieht es Jahrzehnte später, im September 1974, zurück nach Bartenstein, nun gelegen in der Volksrepublik Polen. Ein kurzer Erfahrungsbericht zu dieser Reise  unterbricht seine niedergeschriebenen Erinnerungen an Flucht und Vertreibung der Nachkriegszeit. Er ist positiv überrascht, wie sich Bartenstein gemausert hat. Ein Besuch des vormaligen Hofs seiner Großmutter endet hingegen ausgesprochen ernüchternd. Siegfried Ewert findet nur noch einen „mit Gras überwucherten Steinhaufen“ vor. Der Hof sei 1956 in Brand gesteckt worden, erfährt er.

Siegfried Ewert beschreibt eine Szene der Gastfreundschaft, Herzlichkeit und ausgelassenen Freude. Der Abschied fällt schwer. Auch auf polnischer Seite seien „ganz ungeniert“ Tränen geflossen.

Zurück in das Jahr 1947: Einige Stunden vor der Abreise bekommen die Heimatvertriebenen auf dem Bahnhof in Bartenstein in jeden Güterwagen Kübel mit nahrhaftem Eintopf gestellt. Nach tagelanger Fahrt erreicht der Zug die Bahnstation Forst. Dort dürfen die Ausgewiesenen die Güterwagen kurzzeitig verlassen. Schilder mit deutscher Beschriftung fallen ihnen ins Auge.

Frauen in, so Siegfried Ewert, „unglaublich sauberen Schwesterntrachten“ eilen herbei und versorgen die Deportierten mit Tee und Brot. Die Zuginsassen werden entlaust und medizinisch versorgt. Sie realisieren, dass sie sich auf deutschem Boden befinden – allerdings in einem völlig veränderten Deutschland, nunmehr aufgeteilt in Sektoren. Wie es weitergeht, erfahren unsere Leserinnen und Leser im achten Teil dieser Serie. Dann wird die Lokalredaktion der Geschichte auch „ein Gesicht geben“: Gisela Langhorst aus Harpstedt, Siegfried Ewerts noch lebende Schwester, hat unserer Zeitung Familienfotos zur Verfügung gestellt.  boh

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