Deemters wandern aus und suchen Käufer

Essgarten 2.0 soll auf Mallorca entstehen

Sie suchen eine neue Herausforderung: Gisela und Frits Deemter (vor der gläsernen Orangerie).
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Sie suchen eine neue Herausforderung: Gisela und Frits Deemter (vor der gläsernen Orangerie).

Barjenbruch – „Mein Onkel zog mit 65 in den Wald, um fortan ein Dasein als Selbstversorger zu fristen“, erzählt Frits Deemter. Er selbst dreht sein Leben mit 60 noch einmal komplett auf links. Mit seiner Frau Gisela (52) wandert er – voraussichtlich im Herbst – aus, um auf Mallorca eine erworbene Finca mit 7 .000 Quadratmetern Grundbesitz zu bewohnen, das trockene Land urbar zu machen und den „Essgarten 2.0“ zu erschaffen. Das Barjenbrucher „Original“ mit mehr als 1 .000 essbaren Pflanzenarten steht indes zum Verkauf.

Die Finca in der Gemeinde Porreres sei dreimal in deutscher Hand gewesen; die bisherigen Eigentümer hätten gut vorgearbeitet, urteilt Frits Deemter: „Auf 2.000 Quadratmetern stehen Granatapfel, Pfirsich, Aprikose, Orange, Zitrone und Mandarine, allerdings sehr in Reih’ und Glied. Dort könnte was ganz anderes wachsen. Zum Beispiel Pekannuss, Trüffel oder Kräuter“, ist sich der 60-Jährige sicher – und wild entschlossen, den Beweis anzutreten: „Wir wollen den schon bestehenden Mini-Essgarten in Richtung Mischkultur entwickeln. Wir streben an, auf den übrigen 5.000 Quadratmetern im Frühjahr 2022 loszulegen, und werden das Projekt dokumentieren.“

Ich würde hier sicher nicht gern nur noch eine große Pferdekoppel mit Tennisplatz vorfinden, sollte ich mal wieder in der alten Heimat weilen.“

Frits Deemter

Einen Käufer für den Barjenbrucher Essgarten zu finden, halten die Deemters für eine lösbare Aufgabe. Der Stadtflucht-Trend in der Pandemie spielt ihnen in die Karten. Ihr Anwesen mit gläserner Orangerie und Waldgarten-Gastronomie auf Grundlage von Produkten aus eigener Ernte hat sich auch als Fortbildungsstätte über die deutschen Grenzen hinaus einen guten Namen gemacht.

Gesucht: „Hippie mit Geld“

Frits Deemter weiß, dass er nach dem Verkauf keinen Einfluss mehr auf diesen wichtigen Teil seines Lebenswerks nehmen kann. Gleichwohl blutete ihm das Herz, wenn das Erschaffene dem Erdboden gleich gemacht würde. „Ich würde hier sicher nicht gern nur noch eine große Pferdekoppel mit Tennisplatz vorfinden, sollte ich mal wieder in der alten Heimat weilen“, überspitzt der 60-Jährige schmunzelnd. Ein naturverbundener Käufer wäre schön, ein „Hippie mit Geld“ und Ambitionen, den Essgarten zu erhalten, ideal.

Aus „Stein“ soll „Schwamm“ werden

Für den Neuanfang mit seiner Frau inmitten der Baleareninsel braucht Deemter ein finanzielles Polster. Nach seiner Überzeugung bringt das Anwesen in Barjenbruch mehr ein, als die Finca kostet. Mit den Deemters werden zahlreiche vorkultivierte Pflanzen aus ihrem Essgarten auf Reisen gehen – auf Paletten in einem Speditionslaster.

Wie sich die Wasserspeicherfähigkeit von Böden steigern lässt, weiß der 60-Jährige. Auf dem Anwesen in Barjenbruch habe sie – Schätzungen zufolge – sogar um das Fünfundzwanzigfache zugelegt.

Die auf Mallorca zu bewältigende Aufgabe klingt anspruchsvoller. Dort will gewissermaßen „Stein“ in „Schwamm“ verwandelt werden. Unter anderem durch Einbringung organischen Materials wie Baum- und Strauchschnitt soll es mithilfe tief wurzelnder Pflanzen bei Verzicht auf den Einsatz schwerer Maschinen in der laufenden Bewirtschaftung gelingen, das knappe Gut Wasser schnell in den Boden einsickern zu lassen und dort zu halten, so gut es eben geht.

Idee findet viele Nachahmer

Seine Sachkenntnis in nachhaltigem Gärtnern hat Frits Deemter in das gemeinsam mit Volker Kranz verfasste „Praxisbuch Waldgarten“ einfließen lassen, das der Schweizer Haupt Verlag im Herbst auf den Markt bringt. In seinem Herkunftsland, den Niederlanden, habe sich das, „was wir hier in Barjenbruch machen“, zu einem regelrechten Modetrend entwickelt. Dort genieße diese Form des Gärtnerns mittlerweile offiziell Agrarstatus. Der Barjenbrucher Essgarten hat viele Nachahmer gefunden. Das wünscht sich Frits Deemter auch für die 2.0-Version auf Mallorca.

Von der Pandemie ausgebremst

Eine zupackende Art haben er und seine Frau Gisela gemein. Umso härter trafen die Folgen der Pandemie die beiden „Macher“. Nach Renovierungsarbeiten und vollen Auftragsbüchern für 2020 kam Corona. „In sechs Wochen ist alles vorbei“, strotzten die „Waldgärtner“ anfangs vor Zuversicht. Doch Beschränkungen und Lockdown bremsten sie mehrfach regelrecht aus. Es hagelte Stornierungen: Busse mit Besuchergruppen und Hochzeitsgesellschaften durften nicht mehr kommen. Übrig blieben Sieben-Gänge-Menüs für geschlossene Gesellschaften unter Coronabedingungen, die jedes Mal mit Standing Ovations der Gäste endeten.

„Plan B“ nimmt schnell Konturen an

Vormals erzielte Umsätze schrumpften auf ein Zehntel. Studenten der Universität im russischen Kazan durften nicht mehr anreisen und konnten daher nicht mehr im Essgarten als Praktikanten arbeiten. Die „dritte Welle“ drückte die Stimmung der Deemters auf einen weiteren Tiefpunkt. Die Erkenntnis, auch mit Fortbildungen rund um Waldgärten in diesen Zeiten kein Geld mehr verdienen zu können, war eine bittere. Zusätzlich beschlich das Ehepaar das Gefühl, im Essgarten irgendwie schon alles erledigt zu haben.

Wir wollten etwas wagen, auf das wir beide richtig Bock haben. Uns fiel auf: Wann immer wir im Süden waren, ging es uns gut.“

Frits Deemter

Im Januar reifte „Plan B“ für eine neue – gemeinsame – Zukunft: „Wir wollten etwas wagen, auf das wir beide richtig Bock haben. Uns fiel auf: Wann immer wir im Süden waren, ging es uns gut. In Abwägung der politischen Situation und der Coronalage schieden für uns viele Länder als neuer Lebensmittelpunkt sehr schnell aus. Am Ende blieb der Mittelmeerraum übrig. Und wir fanden es reizvoll, das, was wir Leuten hier in der Theorie vermittelt hatten, selbst noch mal in der Praxis anzupacken, nur diesmal an einem extremen Standort“, sagt Frits Deemter.

Auf eBay Kleinanzeigen fündig geworden

Via eBay Kleinanzeigen stießen seine Frau und er auf eine Finca, die ihr Interesse weckte und einem Steuerberater aus Deutschland gehört. Sie begutachteten Gebäude und Grundstück vor Ort – und hatten gefunden, was sie suchten. Das Paar räumte viele Hürden beiseite. Kommende Woche ist der Kauf in trockenen Tüchern. Dann geht’s zum Notar. Dazu müssen die Deemters nicht auf Malle, sondern nur nach Hannover.

Eine halbe Stunde bis zum Flughafen und das nächste Mittelzentrum mit einer mit Wildeshausen vergleichbaren Einwohnerzahl in Wohnortnähe: In vielen Dingen ähnelt die künftige neue Heimat Porreres überraschend der alten. 5 500 Seelen leben dort. Das kommt der Einwohnerzahl Harpstedts nahe.

In der Bürokratie sind die Mallorquiner schlimmer als die Deutschen.“

Frits Deemter

Und das Haus, in das die Deemters einziehen werden, ist wie ihr jetziger Wohnsitz 1908 erbaut worden. Kulinarische Events zu organisieren und die vorab festgezurrten Termine via Internet zu bewerben, kann sich das Paar auf der Baleareninsel schon vorstellen. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Die Einreise als EU-Ausländer erweist sich nicht als Problem. Die fremde Sprache schon eher. Mithilfe des Internets lernt das Ehepaar Spanisch. „Aus dem Englischen und Französischen kann man vieles herleiten“, fällt Frits Deemter auf. Von einer leidvollen Erfahrung auf den Balearen kann er schon ein Lied singen: „In der Bürokratie sind die Mallorquiner schlimmer als die Deutschen.“

Weitere Infos unter: essgarten.de

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