Dirk Kramer pilgert 800 Kilometer auf dem Jakobsweg, um innerlich zur Ruhe zu kommen

Das „Ende der Welt“ ist nicht sein Ziel

Trainiert schon für die Pilgerwanderung: Dirk Kramer aus Colnrade.
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Trainiert schon für die Pilgerwanderung: Dirk Kramer aus Colnrade.

Colnrade – Die erste Etappe dürfte gleich die körperlich herausforderndste werden: Von rund 200 Metern über dem Meeresspiegel geht’s rauf auf 1 470 Meter – durch die Pyrenäen und über die französisch-spanische Grenze. Für die 800 Kilometer, die Dirk Kramer auf dem Jakobsweg bis Santiago de Compostela pilgern will, trainiert der Colnrader bereits fleißig mit neun Kilogramm Marschgepäck. „Schon dabei gehen die Gedanken auf Reisen, und du fängst an, über alles Mögliche nachzudenken“, sagt der 51-Jährige, der 15 Kilometer Strecke binnen etwa drei Stunden absolviert. „Er ist körperlich fit“, sagt seine Partnerin Mariola Wickert.

Mental hingegen will der ehemalige Verleger und Vertriebsleiter, der einst im Kfz-Handwerk seinen Meister machte, wieder zu alter Stärke zurückfinden. Genau das erhofft er sich, wenn er ab dem kommenden Wochenende auf dem legendären Camino, dem Jakobsweg, unterwegs und dabei völlig auf sich allein gestellt ist.

Corona habe vieles verschlimmert und ihn nach unten gezogen, gesteht Kramer. Seine Angst, ein vor acht Jahren erlittener Burnout könne sich womöglich in noch schlimmerer Form wiederholen, wächst, zumal er beruflich am Scheideweg steht. Als „Softeiskönig“ hatte der Colnrader zuletzt nach dem Erwerb zweier Anhänger auf Events wie Festivals und Motorradtreffen eigens hergestelltes Softeis verkauft. Für dieses Jahr war er zunächst sogar ausgebucht. Dann aber kam die Pandemie, und es hagelte Veranstaltungsabsagen. Dirk Kramer machte aus der Not eine Tugend: Auf seinem Grundstück „Am Hasenberg“ in Colnrade avancierte ein Anhänger zu einer kleinen Eisdiele. Am Wochenende verkaufte Kramer zusätzlich Kaffee und Kuchen. Das kam bei den Leuten im Dorf super an. Künftig aber soll das Softeisgeschäft ein Nebenerwerb bleiben.

Wohin die Reise im Arbeitsleben geht, weiß der 51-Jährige noch nicht genau, und auch diese Ungewissheit setzt ihm zu. Einige Bewerbungen hat er schon geschrieben. Die Erkenntnis, dass sich die Jobsuche inmitten der Pandemie schwierig gestaltet, blieb ihm nicht erspart.

Es sei an der Zeit, einmal die Reißleine zu ziehen und zumindest für rund einen Monat raus aus der Tretmühle zu kommen, hat er für sich entschieden.

Seine Partnerin riet ihm: „Mach es jetzt!“

Seine Lebensgefährtin bestärkte ihn in seinem Vorhaben, auf dem Jakobsweg zu pilgern. Auch ihr liegt daran, ihn vor einem Burnout-Rückschlag, womöglich vor dem ganz großen Knall, zu bewahren. „Ich finde es toll, dass Dirk auf diese Weise zur Ruhe kommen will. Als ich von seinen Plänen hörte, war mein erster Gedanke allerdings: Vier Wochen sind ganz schön lang! Aber ich halte es für wichtig, dass in einer Partnerschaft jeder die Freiheiten und die Zeit bekommt, die er für sich benötigt“, sagt Mariola Wickert. Sie selbst erwartet während der Pilgertour ihres Partners die eigene Schwester aus Nordrhein-Westfalen, die sich für längere Zeit in Colnrade einquartiert: „Wir werden uns ein paar schöne Tage machen.“

Zunächst hatte sich Dirk Kramer vorgenommen, das Unternehmen Jakobsweg erst 2021 anzugehen. Er ließ sich aber von seiner Lebensgefährtin überzeugen, die riet: „Mach es jetzt!“ Ein Versprechen rang sie ihm jedoch ab: Er muss sie während seiner Pilgertour täglich via Handy auf dem Laufenden halten. Ansonsten bleibt das Smartphone stets im „Off“, denn jegliche Form von Ablenkung würde das Ziel, „back to the roots“ zu gehen und innere Ruhe zu erwirken, nur konterkarieren.

Als Bartträger kehrt er zurück nach Colnrade

An Gepäck kommt nur absolut Unentbehrliches in den Rucksack: „Zwei Unterhosen, zwei Paar Socken, eine Ersatzhose, zwei Shirts, eine Regenjacke mit Fleece, Hygieneartikel, Toilettenpapier und Flip Flops“, zählt Dirk Kramer Dinge auf, die ihm spontan einfallen. Seine Klamotten wird er regelmäßig mit einfacher Kernseife auswaschen. Der Rasierer bleibt zu Hause. Wenn Kramer nach Colnrade zurückkehrt, dann nicht nur mit Bart, sondern wohl auch mit deutlich weniger Gewicht. „Sieben bis acht Kilogramm werde ich bestimmt abnehmen“, prognostiziert er. Das könnte hinkommen, denn die Unterwegsverpflegung dürfte nach seinen aktuellen Vorstellungen eher spartanisch ausfallen: Hier ein proteinhaltiger Riegel, dort ein Baguette, und sollte ihn die Lust auf Ravioli überfallen, dann muss er die Nudeln kalt aus der Dose löffeln, zumal ein Kocher für unterwegs keinen Platz im Rucksack finden wird.

Physisch an Grenzen – psychisch in Balance

Klassische Pilgerherbergen will der 51-Jährige eher meiden. Sich mit vielen Leuten ein Zimmer für die Nacht zu teilen, kann er sich wegen der Sars-CoV-2-Infektionsgefahr momentan überhaupt nicht vorstellen. Wahrscheinlich werde er eher in Hostels nächtigen – wenn möglich in Zwei-Bett-Zimmern. Ansonsten wähnt sich Kramer in Spanien, obgleich Corona-Risikogebiet, in relativer Sicherheit, zumal er Menschenmassen meidet und die spanischen Hygieneverordnungen als streng gelten. Nach der Rückkehr muss er in Quarantäne. Und die Hinreise tritt er nur mit negativem Corona-Testergebnis an. Dass es kein Zuckerschlecken wird, täglich etwa 25 Kilometer auf zumeist naturbelassenen Abschnitten des Camino zu pilgern, ahnt der 51-Jährige: „Sicher kommt irgendwann der Punkt, an dem ich mich frage, was ich da eigentlich mache.“

Vor einigen Wochen hat Dirk Kramer im Fernsehen die Dokumentation „Gott sei Dank“ gesehen. Darin ging es um einen Mann, der auf den Rollstuhl angewiesen ist und sich von seinem besten Freund auf dem Camino bis Santiago de Compostela schieben ließ. Damit erfüllte sich für den Gehbehinderten ein Herzenswunsch. Sein Freund geriet indes an seine körperlichen Grenzen – und darüber hinaus. Sein unbändiger Wille und die große Bereitschaft völlig Fremder, beim Schieben des Rollstuhls zu helfen, haben Dirk Kramer schwer beeindruckt.

Nicht zuletzt diese Reportage brachte ihn darauf, beim Pilgern die eigenen körperlichen Grenzen auszureizen, um – damit einhergehend – seelisch wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Der Plan nahm innerhalb kürzester Zeit Gestalt an.

Die „Trainingsphase“ endet schon sehr bald: Am Sonnabend geht Kramers Flug ab Bremen über London nach Biarritz in Frankreich. Eine Zugreise bis Saint Jean-Pied-de-Port schließt sich an. Und dann liegt sie vor dem 51-Jährigen: die schwerste von insgesamt drei „Bergetappen“ auf 800 Kilometern Jakobsweg. Eine Jakobsmuschel für den Rucksack hat sich der Colnrader bereits besorgt, ebenso einen Pilger-Pass für die Stempel. Wie viel Zeit er am Zielort Santiago de Compostela verbringen kann, hängt von seinem Tagespensum ab. Stress macht sich Kramer aber auf keinen Fall, zumal er das genaue Gegenteil, nämlich Stressabbau, bewirken will. Allerdings: Bis zum 15. Oktober muss er die Hauptstadt der nordwestspanischen Region Galicien erreicht haben; für diesen Tag ist der Rückflug gebucht.

Obwohl Kramer nicht besonders gläubig ist und keinerlei religiöse Motive ihn zum Pilgern ermuntert haben, hofft er, trotz Pandemie in Santiago de Compostela einen Pilgergottesdienst besuchen zu können: „Ich kriege schon eine Gänsehaut, wenn ich nur daran denke“, sagt er. Einen Besuch der im Jahr 1211 eingeweihten Kathedrale, in der angeblich sterbliche Überreste des Apostels Jakobus aufbewahrt sein sollen, sieht er als Pflichttermin an. Weiter pilgern bis zum Kap Finisterre, im Verständnis der Menschen im Mittelalter „das Ende der Welt“, will er hingegen nicht.

Von Jürgen Bohlken

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