„Die Dankbarkeit gegenüber den Sattmachern kam abhanden“

Landwirt Rolf Rohlfs mit seinem Enkel Alexander.

Sürstedt – Die Schlagzeile „Landwirtschaft nimmt Lebensraum“ in unserer Zeitung vor einigen Tagen, die auf eine umstrittene Äußerung von Bundesumweltministerin Svenja Schulze vor dem Hintergrund des Verschwindens artenreicher Wiesen und Weiden zurückging, hat Rolf Rohlfs aus Sürstedt erbost. Siebeneinhalb Milliarden Menschen ohne Eingriffe in die Natur hinreichend und vollwertig ernährt zu bekommen, sei genauso unmöglich wie die Quadratur des Kreises, sagt er. Rohlfs hat sich ausgiebig mit der Kulturgeschichte beschäftigt. Dort liegt für ihn der Schlüssel zum Verständnis von Entfremdungsprozessen. Unsere Zeitung hat mit dem Landwirt gesprochen.

Herr Rohlfs, die Landwirtschaft beklagt sich über das ihr anhaftende Prügelknaben-Image. Was hat das mit dem Verlauf der Kulturgeschichte zu tun?

Sehr viel. Spätestens seit dem Quantensprung des Menschen vom Jäger und Sammler zum Ackerbauern und Viehhalter begann er Sümpfe und Moore zu entwässern und Wälder abzuholzen, um sich und sein Vieh zu ernähren. Das ging einher mit einer gigantischen Zerstörung der Lebensräume von Tieren und Pflanzen. Innerhalb von nicht einmal anderthalb Jahrhunderten wurden etwa während des ausgehenden Mittelalters die Urwälder Germaniens zu mehr als 90 Prozent gerodet. Solange aber alle Menschen, zumindest fast alle, an diesem Raubzug gegen die Natur teilnahmen, gab es verständlicherweise keine Schuldzuweisungen.

Wann hat sich das geändert?

Als der Mensch begann, sich arbeitsteilig zu organisieren. Im Verlauf dieses Prozesses ging ihm zunehmend das Gefühl dafür verloren, wie sehr der „Broterwerb“ von den Launen der Natur abhängt. Mehr noch: Er nahm die Verfügbarkeit von Nahrung mit der gleichen Selbstverständlichkeit hin wie das Vorhandensein von Luft, die er atmet. Die schlichte Dankbarkeit fürs Sattwerden beziehungsweise gegenüber den Sattmachern kam ihm abhanden. Umso leichter fällt es ihm, auf letztere einzudreschen, wenn die Natur unter allem leiden muss. Dabei ist es doch sein Hunger, der den Beruf des Bauern überhaupt erst geschaffen hat. Die Rodungen des Mittelalters führten aber nicht nur zur Zerstörung von Natur, sondern auch zur Schaffung einer anderen Art von Natur. Die Bienen etwa, aber auch Rebhühner, Hasen und andere, deren Bestände heute gefährdet sind, profitierten von der offenen Landschaft, den kleinteiligen Äckern, Hecken und Streuobstwiesen. Aber ist es wirklich die Schuld der Landwirtschaft, dass wir diese Zustände heute nicht mehr haben?

Wo sehen Sie die „Schuldigen“?

Politik und Gesellschaft haben die Landwirte in einem ziemlich einstimmigen Chor dazu angehalten, produktiver zu werden und sich am Weltmarkt zu orientieren. Warum sollen sich die Bauern nicht an der Industrie ein Beispiel nehmen und Flächen vergrößern, Stückkosten senken sowie Arbeitsvorgänge rationalisieren? Das ist doch beinahe zwangsläufig! Und dann kam unsere Politik – in einer Einmütigkeit ohnegleichen – nach Fukushima auf die glorreiche Idee, eine radikale „Energiewende“ einzuleiten, wozu auch die Verstromung – sprich: Verbrennung – von Lebensmitteln gehörte. Die bis dahin bestehende Pflicht der Bauern, mindestens etwa acht Prozent der Ackerflächen stillzulegen, wurde aufgehoben zugunsten des Anbaus von Energiepflanzen.

Aus dem Landwirt wurde ein Stück weit der Energiewirt, und das blieb naturgemäß nicht ohne Folgen für die Natur...

Ja. Bienenfreundliche Kulturen wie etwa Phacelia, umgangssprachlich „Bienenweide“ oder „Bienenfreund“ genannt, wurden durch Mais ersetzt, der sterilsten aller Alternativen, nicht nur für Bienen. Es gehört nicht allzu viel Fantasie zu der Erkenntnis, dass es für unsere emsigen Bestäuber ein wahres Armageddon gewesen sein muss. Wer jemals durch ein blühendes Phacelia-Feld gelaufen ist, weiß, was gemeint ist. Wenn man einer Kreatur die Nahrungsgrundlage entzieht, verschwindet sie. Aber dennoch sollen es mal wieder die Bauern mit ihren Pestizideinsätzen gewesen sein. So sehen das jedenfalls Svenja Schulze und der Chor der Energiewende-Befürworter. Wie wäre es, mal ganz provokativ gefragt, mit einer Renaissance der Atomkraft und dem Ersatz aller Maisflächen durch Phacelia-Anbau als Ausgleich? Ein Aufatmen der Natur wäre die Folge!

Zugleich ginge allerdings wohl ein Aufschrei durchs Land. Aber zurück zur Landwirtschaft, die offenkundig zu Effizienz und Produktivität verdammt ist, wenn man Ihrer Argumentation folgt. Weil der Mensch im Verlauf der Evolution einfach zu erfolgreich war?

Das könnte man so sagen. So zynisch es auch klingt: Wir haben zu viele Menschen auf unserem Planeten. Das kann man – weiß Gott– der Landwirtschaft nicht in die Schuhe schieben. Sicher kennen Sie den Witz über die Erde, die einen anderen Planeten trifft und darüber klagt, dass es ihr nicht gut geht: „Was haste denn?“ „Homo sapiens!“ „Das geht vorbei!“

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