Interview mit Ulrike Schafmeyer

Wenn Corona einsam macht: Harpstedter Lebensberaterin mit Tipps

Telefonieren kann mir, aber auch anderen helfen, sich weniger allein zu fühlen.
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Telefonieren kann mir, aber auch anderen helfen, sich weniger allein zu fühlen.

Harpstedt – Keine innigen Umarmungen, keine entspannten Abende mit Freunden in einer Bar, nicht mal ein Handschlag zur Begrüßung. Das alles fällt seit Corona weg. Viele Menschen leiden unter der sozialen Isolation. Ulrike Schafmeyer, Lebensberaterin und Seelsorgerin, aus Harpstedt, gibt in einem Interview Tipps gegen die Einsamkeit.

Frage: Frau Schafmeyer, gibt es einen Unterschied zwischen Einsamkeit und sich alleine fühlen?

Schafmeyer: Ja, Einsamkeit ist eine starke Emotion. Das Gefühl, von der Außenwelt isoliert und einer inneren Leere ausgesetzt zu sein. Es ist zugleich ein Gefühl des anhaltenden Verlassenseins. Wenn man sich alleine fühlt, ist der Zugang zu den eigenen Gefühlen vorhanden. Man ist in der Lage, etwas aktiv zu verändern. Zum Beispiel, sich zu entscheiden, zu jemandem hinzugehen und sich zugehörig zu fühlen.

Ulrike Schafmeyer arbeitet als Lebensberaterin und Seelsorgerin in Harpstedt.

Frage: Im Moment fehlt bei vielen Menschen der Kontakt zu anderen. Haben Sie Tipps, was der Einzelne tun kann?

Schafmeyer: Was besonders fehlt, ist die körperliche Nähe, die fehlenden Besuche, das ungezwungene Treffen. Die Umarmung fällt weg, selbst das Händeschütteln, einfach alle Verabredungen, um gemeinsam Zeit zu verbringen. Das ist schlimm und im Grunde unmenschlich. Es ist nur deshalb zu ertragen, weil es eine Perspektive gibt, dass die Situation in den nächsten Monaten besser wird und hoffentlich bald vorbei ist. Bis dahin bleiben die üblichen Methoden, um unsere Kontakte nicht ganz einfrieren zu lassen: das Telefon bei älteren Menschen, soziale Medien wie WhatsApp und so weiter bei Jüngeren. Handys haben den Vorteil, dass man sehr leicht Fotos machen und verschicken kann. Dadurch kann man andere Menschen am eigenen Leben teilhaben lassen und ihnen zu verstehen geben, dass man an sie denkt. Und auch eine ältere Methode sollte man nicht unerwähnt lassen: Briefe oder Postkarten schreiben. Wann haben Sie das letzte Mal einen handschriftlichen Brief geschrieben – oder erhalten?

Frage: Was tun, wenn man sich einsam fühlt? Was empfehlen Sie?

Schafmeyer: Einsamkeit kann zu einer Negativspirale werden. Wer sich in diesem Kreislauf befindet, braucht Kraft, ihn zu überwinden. Ein „Trotzdem“ auszusprechen und sich für eine kleine sinnvolle Aufgabe zu entscheiden. Am Abend Rückblick halten, was heute alles gut war. Manchmal sind es die ganz kleinen Dinge, die leicht übersehen werden, die einen fröhlich machen.

Von „GEHdanken“ zum „GEHbet“

Eine weitere Möglichkeit ist, den Spaziergang mit einem GEHdanken oder GEHbet zu begehen und darüber nachzusinnen. Die Grundfragen nach dem Sinn des Lebens zu bedenken: Wo komme ich her? Und wo gehe ich hin? Was ist der Sinn dieser Tage, die ich hier lebe? Ich bevorzuge da den „Chatroom“ zwischen Himmel und Erde und lasse Gottes Wort in mein Leben sprechen. Zum Beispiel: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft“. Jesaja 40, 31.

Frage: Finden Sie, dass Videochats eine gute Alternative zu einem persönlichen Treffen sind?

Schafmeyer: Handys und Computer bieten neue Möglichkeiten. Sie sind auf jeden Fall besser als gar kein Kontakt, aber sie sind nur eine Notlösung. Sie können helfen, diese Zeit zu überbrücken. Solange wir uns nicht umarmen können, ist es gut, sich wenigstens ab und zu anzuschauen. Die Jüngeren müssen hier den Älteren helfen. Die Generationen sind aufeinander angewiesen.

Frage: Woran lässt sich erkennen, dass sich jemand aus dem eigenen Umfeld einsam fühlt? Wie kann demjenigen geholfen werden?

 Sanft nach dem Befinden fragen, unbedingt zuhören! Und nicht mit Floskeln wie „Das wird schon wieder“ antworten, denn das bewirkt noch mehr Einsamkeit.

Ulrike Schafmeyer

Schafmeyer: Erkennen heißt ja, dass ich etwas am anderen wahrnehme: Körperhaltung, Gestik, Mimik. Das vermittelt mir eine Botschaft. Einsame Menschen sind eher zurückhaltend, still, verhalten, trauriger oder im Gesichtsausdruck verhärtet. Hier kann ich behutsam einen Kontakt aufbauen mit einem Lächeln, mich zuwenden und signalisieren: „Ich sehe dich“. Sanft nach dem Befinden fragen, unbedingt zuhören! Und nicht mit Floskeln wie „Das wird schon wieder“ antworten, denn das bewirkt noch mehr Einsamkeit.

Frage: Welche Auswirkungen kann Einsamkeit auf die Psyche haben?

Das kann sehr unterschiedlich sein. Es gibt Menschen, die können mit Krisen relativ gut umgehen, während andere daran zerbrechen. Die Spanne ist groß. Das hängt mit der inneren Widerstandskraft zusammen, der Resilienz. Manche tragen viel Optimismus in sich, sind selbstbewusst oder in ihrem Gefühlsleben stabil. Andere sind pessimistisch, ängstlich und ohne Hoffnung. Hier kann es zu einer schleichenden Instabilität im gesamten Alltag kommen.

Der erste Schritt bei ersten Anzeichen

Frage: Was sind die ersten Anzeichen einer Depression? Ab welchem Punkt sollte man sich professionelle Hilfe holen?

Schafmeyer: Freudlosigkeit, Interessenverlust, Müdigkeit, Stimmungsschwankungen und Antriebslosigkeit über einen längeren Zeitraum können Anzeichen sein, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Kommt es dabei noch zu einem negativen Gedankenkarussell und Schlaflosigkeit, wäre ein Besuch beim Hausarzt anzuraten. Dort kann über weitere Schritte entschieden werden.

Frage: Angenommen, man stellt fest, dass man unter einer leichten Depression leidet. Was sollte dann der erste Schritt sein?

Schafmeyer: Das ist schon einmal eine gute Grundeinstellung, wahrzunehmen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Das heißt: nicht verdrängen, nicht ignorieren. Ganz wichtig ist, sich zu erlauben, schwach zu sein: „Ich darf das!“ Nicht immer funktionieren und die Erwartungen der anderen erfüllen zu müssen, sondern Selbstverantwortung und Selbstfürsorge einfließen zu lassen, das kann bedeuten: kürzertreten, Ruhephasen einlegen, spazieren gehen mitten in der Woche, mal nicht kochen, sondern von außerhalb was organisieren etc. Sich an Menschen des Vertrauens wenden, offen darüber sprechen. Reicht das nicht, kann eine Lebensberatung in Erwägung gezogen werden. Dort gibt es stützende Gespräche und Hilfe, einen Weg aus der Krise heraus zu finden.

Weitere Infos

im Internet unter www.aha-lebensberatung-sulingen.de und telefonisch unter der Rufnummer 04244/59 39 740.

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