Heilpraktikerin Renia Ehlting im Interview

Die Krise als Chance für die Liebe?

Renia Ehlting arbeitet als Heilpraktikerin für Psychotherapie.
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Renia Ehlting arbeitet als Heilpraktikerin für Psychotherapie.

Harpstedt – Homeoffice, Kontaktbeschränkungen, wenige Freizeitaktivitäten – und oft kommt die Kinderbetreuung dazu: Paare verbringen aktuell mehr Zeit miteinander. Da tritt so mancher Konflikt zutage und mündet in Streit – erst recht unter dem Einfluss von Stress und Existenzängsten. Welche Auswirkungen kann das auf Liebe und Partnerschaft haben?

Renia Ehlting arbeitet als Heilpraktikerin für Psychotherapie. Sie bietet auch Paarberatungen in ihren Praxen in Bremen und Harpstedt an. Im Interview verrät sie, vor welchen Herausforderungen Paare stehen. Sie schildert ebenso, welche positiven Effekte die Krise haben kann.

Frage: Frau Ehlting, kommen seit Beginn der Coronapandemie mehr Paare zu Ihnen in die Paarberatung?

Ehlting: Ja. Allerdings kann ich nicht sagen, ob das wirklich der Pandemie geschuldet ist.

Frage: Welche negativen Auswirkungen hat die Coronakrise auf die Partnerschaft?

Ehlting: Die Beziehung kann durch deutlich engeres Zusammenleben durchaus auf die Probe gestellt werden. Mitunter gerät die bisher gefundene Balance von Paaren dadurch aus dem Gleichgewicht. Manche Paare funktionierten bisher vielleicht nur in einem bestimmten Verhältnis von Nähe und Distanz, das durch die Corona-Beschränkungen nicht mehr gegeben ist. Dazu kommt, dass die Kinder viel zu Hause sind und somit das Konfliktpotenzial deutlich zunimmt. Fehlender Ausgleich durch Sport oder andere Freizeitaktivitäten sorgen dafür, dass wir weniger belastbar sind und dementsprechend leichter die Gelassenheit verlieren. Ob aus dieser Krise mehr Trennungen resultieren, werden wir wohl erst später wissen.

Frage: Gibt es auch positive Auswirkungen? Und wenn ja, welche?

Wer weiß? Vielleicht erleben wir sogar einen Babyboom.“

Renia Ehlting

Ehlting: Ja, die gibt es natürlich auch. Viele Paare genießen es regelrecht, mehr Zeit füreinander zu haben; für die kinderlosen unter ihnen ist es ja teilweise wegen der Corona-Beschränkungen viel ruhiger geworden. Wer weiß? Vielleicht erleben wir sogar einen Babyboom. Entschleunigung ist durchaus gesund. Väter und Mütter haben die gleiche Chance, sich mehr Zeit für die Kinder zu nehmen. Weniger Terminstress, weniger Besuche, weniger sogenannte „Pflichtveranstaltungen“ und Einladungen, die man nicht so gern wahrnimmt, weniger Firmenmeetings – was als Folge der Kontaktbeschränkungen entfällt, eröffnet oft neue Möglichkeiten, in Zukunft etwas neu zu gestalten, ohne dass Corona dafür sorgen müsste. Es kann dazu führen, dass ich erkenne, was davon ich wirklich leben möchte und was ich so wie bisher nicht fortführen will.

Frage: Was können Paare tun, damit sie sich, wenn beide im Homeoffice arbeiten, nicht auf den Wecker fallen?

Ehlting: Wenn möglich, räumlich getrennte Arbeitsplätze einrichten! Das muss nicht für jeden passen, könnte aber eine gute Möglichkeit sein. Zudem sollte jeder gut für sich selbst sorgen und auch regelmäßige Pausen einlegen, am besten mit Spaziergängen an der frischen Luft. Wer für sich gut sorgen kann, ist ausgeglichener und belastbarer.

Frage: Und der Zusammenhalt?

Ehlting: Der könnte gestärkt werden, indem man sich etwa gegenseitig abwechselnd bekocht oder gemeinsam Sport treibt.

Frage: Wie läuft eine Paarberatung bei Ihnen ab?

Die Herkunftsfamilie in der Paardynamik spielt fast immer eine wichtige Rolle; ihr gebe ich gemeinsam mit dem Paar den nötigen Raum.“

Renia Ehlting

Ehlting: Zunächst steht meine Wertschätzung für beide Partner an erster Stelle. Mich interessiert ihre Sicht- und Erlebensweise. Am Anfang ist der Redebedarf beider oder zumindest eines Partners meistens sehr hoch. Ich lasse sie jeweils nacheinander ungestört berichten, weshalb sie zu mir gekommen sind und was sie bewegt. Ich achte auf einen respektvollen und angriffsfreien Kommunikationsstil während der Paarsitzung. Dabei sind sehr viele Details zu klären: Gibt es Trennungsgedanken? Oder steht eine Trennung bisher außer Frage? Geht es darum, einen einzigen Konflikt zu bearbeiten? Oder darum, generell die Beziehung zu reflektieren und weiter zu entwickeln? Wir arbeiten dann gemeinsam ein Ziel heraus und schaffen eine klare Struktur. Ich sorge so für den sicheren Rahmen in der Paarberatung. Das bringt in den allermeisten Fällen schon Erleichterung, weil es einen klaren Weg gibt, auf den wir uns gemeinsam einlassen. Integrative Paartherapie bedeutet: Die Herkunftsfamilie in der Paardynamik spielt fast immer eine wichtige Rolle; ihr gebe ich gemeinsam mit dem Paar den nötigen Raum. Das eröffnet ein Verständnis dafür, warum ein Partner so handelt, wie er handelt, und fühlt, wie er fühlt. Es gibt keinen Schuldigen und kein Opfer in der Paartherapie.

Was habe ich schon früh erlebt? Wie habe ich das für mich eingeordnet? Was hat mir geholfen, in anderen früheren Zeiten mit Krisen umzugehen? Was begegnet mir immer wieder und belastet mich? Solchen Fragen auf den Grund zu gehen, ist erfahrungsgemäß hilfreich. Auch Themen, die mehr oder weniger nur einen Partner betreffen, können bearbeitet werden. Das ist auch für den jeweils anderen eine gute Möglichkeit zu verstehen, warum der Partner so ist, wie er ist. Und zwar unabhängig davon, ob es in der Paartherapie um Konfliktbewältigung, Paarentwicklung oder Trennungsbegleitung geht.

Frage: Wie helfen Sie in den Sitzungen?

Ehlting: Ich bin Klärungshelferin, Coach und zeitweise Therapeutin. Wichtig ist mir der systemische Ansatz, der nicht rät, Tipps oder Anweisungen gibt, sondern stattdessen das Paar befähigt, seinen Weg innerhalb des Prozesses selbst zu gehen, indem es eigene Lösungen findet.

Frage: Ab wann sollte ein Paar therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen?

Ehlting: Es gibt keinen perfekten Zeitpunkt. Wenn aber einer der Partner oder gar beide schon länger unzufrieden in der Beziehung sind und es bisher nicht gelungen ist, dies zu verändern, ist eine professionelle Unterstützung auf jeden Fall sinnvoll.

Gemeinsame Ziele, Toleranz, gegenseitiges Vertrauen, Freiräume und respektvolle Kommunikation tun gewiss jeder Beziehung gut.“

Renia Ehlting

Frage: Was kann jeder dazu beitragen, damit eine Beziehung wieder in Schwung kommt und besser läuft?

Ehlting: Ganz allgemein steht an erster Stelle Kommunikation: Lernen, miteinander zu reden, bereit sein, sich selbst zu reflektieren und sich mit den eigenen Bedürfnissen und Ängsten zu zeigen.

Frage: Was ist das Erfolgsrezept für eine gut funktionierende und glückliche Beziehung?

Die Krise hat mitunter sogar positive Auswirkungen auf eine Beziehung. Die Liebe kann dadurch stärker und inniger werden.

Ehlting: Das kann für jedes Paar etwas anderes sein. Gemeinsame Ziele, Toleranz, gegenseitiges Vertrauen, Freiräume und respektvolle Kommunikation tun aber gewiss jeder Beziehung gut.

Frage: Welche Chancen birgt die Krise für die Liebe?

Ehlting: Sie trägt im günstigen Fall dazu bei, überraschende Seiten des Partners kennenzulernen und wertzuschätzen. Paare, die gemeinsam schwierige Phasen gut durchstehen und meistern, stellen für gewöhnlich fest, dass dies die Beziehung vertieft und festigt.

Frage: Wie kann ich auf rücksichtsvolle Weise zum Ausdruck bringen, dass ich gerade Zeit für mich selbst brauche?

Ehlting: Ich könnte meinen Partner fragen, wie es ihm gerade geht. Braucht er Zeit für sich? Geht es ihm wie mir? Wichtig ist, darüber überhaupt ins Gespräch zu kommen. Und wenn es gerade sehr akut ist, dann darf ich auch einfach offen sagen: „Ich brauche jetzt Zeit für mich.“

Zur Person

Renia Ehlting ist 55 Jahre alt und lebt seit zwei Jahren wieder in Bremen. Sie arbeitet als Heilpraktikerin für Psychotherapie und als Hypnotherapeutin. Sowohl in Harpstedt als auch in Bremen hat sie eine eigene Praxis für Psychotherapie. Neben der Paarberatung bietet sie Gesprächstherapien, Hypnose, Traumatherapie, Brainspotting, „Energetische Psychotherapie“, „Kollegiale Beratung“, Supervision und Coaching an.

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