Beginn vor Sonnenaufgang

Colnrader Hökermarkt erweist sich erneut als Publikumsmagnet

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Wann immer ein Objekt der Begierde ins Blickfeld rückt, schaut der passionierte Schnäppchenjäger gern mal etwas genauer hin. 

Colnrade - Von Jürgen Bohlken. „Sie haben da doch gerade 'nen Ostfriesenkrimi gekauft“, spricht Händlerin Maike Neumann einen Passanten an. „Aber nicht bei mir!“, beschwert sie sich im Scherz. Die Frohnatur aus Heiligenrode outet sich als Fan des Colnrader Hökermarktes: „Der ist super. Die Leute sind alle so nett. Und ich freue mich schon auf den Auftritt der Sambagruppe.“

„Was gibt's hier zu kaufen?“, fragt ein Junge seinen Papa. Die prompte und knappe Antwort, „einfach alles“, klingt bestenfalls ein wenig übertrieben. Wer wollte, der könnte allein mit dem Bücherangebot der Hökermarktbeschicker ganze Häuser einschließlich Keller und Dachboden füllen. Von der Angelrute und dem Fernglas bis zur Modelleisenbahn, vom Gesellschafts- und Konsolenspiel bis hin zu Schmuck, Glas und Porzellan, von Klamotten bis zu Lederwaren, von der kunstvollen Schnitzerei bis zur fast neuwertigen CD reicht die Bandbreite. Kurzum: Hier wechselt nicht nur Rares gegen Bares den Besitzer.

Schnäppchenjäger mit Taschenlampen und Grubenleuchten

Mancher Anbieter weiß in der Frühe beim Ausräumen seines Autos und Aufbauen des Standes gar nicht, wie ihm geschieht. Mit Taschenlampen und Grubenleuchten sondieren die ersten Schnäppchenjäger lange vor Sonnenaufgang das Terrain – in der Hoffnung, dass ihnen bloß niemand zuvorkommen möge.

Bis 10 Uhr hat sich die Hökermeile schon gut gefüllt, aber noch gibt es genügend Platz zum entspannten Stöbern.

Markus Knur hat es nicht weit gehabt bis zu seinem Standplatz vorm Ofenhaus. „Ich konnte mit der Schubkarre anrücken“, erzählt der Colnrader. Einige Stühle, die er mitbringt, reißen ihm die Leute förmlich aus den Händen. Bevor sein Stand öffnet, hat er schon um die 70 Euro Umsatz gemacht. Seine in Ganderkesee-Heide wohnende Mutter Walburga postiert sich neben ihm. Ihre putzigen – selbst gestrickten – Puppen, Teddys und Tierfiguren finden reichlich Aufmerksamkeit. „Alles kindgerechte Ware!“, verspricht die 73-Jährige. Wie lange sie an einer Puppe arbeite? „Da kommen bis zu 40 Stunden zusammen“, erwidert sie. Eine Kundin reagiert prompt auf diese Info: „Oh, dann sind die 20 Euro, die ich bei dir bezahlt habe, ja wirklich spottbillig.“ An anderer Stelle fällt ein olivgrüner Laster ins Auge. Ein Aufkleber mit der Aufschrift „Wer hier klaut, stirbt!“ setzt sich farblich ab. „Man muss klare Ansagen machen“, flachst der Standbetreiber, der für ehemalige Bundeswehrbekleidung Abnehmer zu finden hofft.

Das Angebot an DVDs, CDs und Konsolenspielen übertrifft selbst manch kühne Erwartung noch deutlich.

„Wir sind mit dem Fahrrad hier“, erzählt Colnrades frühere Bürgermeisterin Hiltraud Lindemann im Beisein ihres Mannes. Ihr erster Eindruck: „Alles wie immer.“ Schon bei der Anreise der Besucher habe sich das gewohnte Bild präsentiert: „Auto reiht sich an Auto.“ Trotz des zeitweise recht kräftigen Windes ist von den teils schon am Vortag aufgebauten Pavillons offenbar nichts weggeweht. So zumindest lautet der Kenntnisstand von Colnrades Ortsbrandmeister Carsten Lüllmann um kurz nach 9 Uhr am Tag der Deutschen Einheit. „Gleichwohl hat uns die Witterung der vergangenen Tage ein paar Probleme bereitet“, räumt er ein. „Die konnten wir aber lösen.“ Abgeerntete Felder stünden als Stellflächen zur Verfügung. Die Parkplätze seien befahrbar. „Trotzdem hatten sich einige Autos an etwas matschigeren Stellen im Boden festgefahren. Sie wurden mithilfe von Treckern rausgezogen“, vermeldet Lüllmann. Die Organisation des Marktes liege in den Händen des Feuerwehr-Fördervereins und des SC Colnrade. Das Zuweisen der Standplätze sei sehr strukturiert abgelaufen. Dabei sei den Helfern die mittlerweile zwei Jahrzehnte zurückreichende Erfahrung zugutegekommen. „Beim Einweisen haben auch Mitglieder des Rates und des Fischereivereins Colnrade geholfen“, vergisst Lüllmann nicht zu erwähnen. Ob es Neuerungen gebe? „Never change a winning team“, entgegnet der Ortsbrandmeister lächelnd. Die Zahl der Anbieter liege auf dem Niveau der Vorjahre. „Einige 100“ seien dabei.

„Man sieht sich in Colnrade“

Die Besucherzahl bewegt sich im fünfstelligen Bereich. Genauer lässt sich der „Publikumsverkehr“ nur schwerlich quantifizieren. Was auffällt: Die Hökermeile im Colnrader Ortskern füllt sich bei anfangs idealem und später etwas unbeständigerem „Hökerwetter“ nicht rasend schnell. Klassische Nadelöhre, an denen es erfahrungsgemäß sehr schnell sehr eng wird, lassen sich bis zum späten Vormittag recht problemlos durchschlendern.

Wie klappt man den Liegestuhl wieder zusammen? Markus Knur (r.) steht dem Käufer gern mit Rat und Tat zur Seite.

Die Händler rekrutieren sich nicht nur aus Colnrade und Umgebung. So mancher hat weitere Fahrwege in Kauf genommen, ist etwa aus Oldenburg oder aus der Wesermarsch angereist. Allesamt hoffen sie darauf, dass Passanten bei ihnen verweilen und etwas genauer auf ihren Trödel schauen. Denn das zieht nicht selten eine ganze „Traube“ aus weiteren Interessenten nach sich.

Das abgeerntete Feld avanciert zum Großparkplatz.

In puncto Feilschen macht der Hökermarkt seinem Namen alle Ehre. „Hier erwartet aber niemand, dass ich meine Waren verschenke, sondern ich kriege für gewöhnlich einen fairen Preis dafür. Das ist nicht auf jedem Flohmarkt so“, verrät ein Anbieter. Für Frederik Janowsky beginnt der Tag mit recht vielversprechenden Umsätzen. Etwa 300 Euro hofft der 15-Jährige bis zum Abend einzunehmen – wie in früheren Jahren. Nein, einen konkreten Wunsch wolle er sich nicht erfüllen. „Die Summe spare ich“, sagt der Harpstedter.

Weihnachten scheint nicht mehr allzu fern zu sein...

Die elfjährige Lara Blome aus Twistringen hofft indes inständig, genug Geld für ein Hoverboard zu „erwirtschaften“. Ihre Großeltern leisten ihr auf dem Hökermarkt Gesellschaft, obwohl die beiden sonst eher auf anderen Märkten mit deutlich spezielleren Sortimenten anzutreffen sind. „Wir verkaufen selbst gefertigte Pferdehalfter und Seile“, erzählt Marita Blome, Laras Oma.

Viele Anbieter wollen nach eigenem Bekunden 2018 wiederkommen – getreu dem Hökermarkt-Motto „Man sieht sich in Colnrade“.

Viel Arbeit steckt Walburga Knur in die putzigen Tiere, Teddys und Puppen, die sie selbst strickt.

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