„Flucht aus der Zivilisation führt tiefer in sie hinein“

„Civil Wilderness“-Orte in Harpstedt installiert

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Das partizipative Kunstprojekt soll Denkprozesse in Gang setzen, kann aber auch Verwirrung stiften: Claudia Reiche, Helene von Oldenburg, Insa Winkler und Herwig Wöbse (v.l.) bei der installierten „Wildnis“ auf dem Amtshofgelände.

Harpstedt - Von Anja Nosthoff. „Wir sind eher die Typen, die Regeln hinterfragen – selbst wenn wir uns daran halten“, erklärten die Künstlerinnen Claudia Reiche und Helene von Oldenburg, als sie am Sonnabend gemeinsam mit Samtgemeindebürgermeister Herwig Wöbse sowie mit der Künstlerin und Projektleiterin des „(Bio-) Diversitätskorridors im Landkreis Oldenburg“, Insa Winkler, ihre „Civil Wilderness“-Installationen vorstellten.

Bei dem Kunstprojekt, das Teil des landkreisweiten künstlerischen „Artecology Network“ ist, handelt es sich um Räume, die als „wild“ definiert werden. Sie sollen die Aufmerksamkeit der Menschen auf die verschiedenen Beziehungen zwischen Wildnis und Zivilisation lenken, etwa auf die Wildnis als Zuflucht aus der Zivilisation. „Doch jede Flucht daraus führt tiefer in sie hinein“, bekundeten Reiche und von Oldenburg.

Drei Arten von Räumen

Die Künstlerinnen schufen drei Arten von Räumen, für die sie Regeln aufstellten: Bereiche, in denen es verboten ist, Gewohntes zu verändern, Areale, auf denen das Betreten und jede Störung verboten sind, sowie Räume, in denen keine Verbote gelten. „Wir hoffen nun auf jede Menge Feedback – zum Beispiel auf Fotos oder Videos davon, was Menschen an den ‚Civil Wilderness‘-Orten erleben oder dokumentieren“, erklärte Reiche.

„Über unsere Webseite civilwilderness.info kann man Kontakt zu uns aufnehmen. Es ist zudem für jeden auch möglich, selbst einen Ort der ‚Civil Wilderness‘ zu definieren und zu dokumentieren“, ergänzte von Oldenburg.

„Dort gibt es bestimmt Ameisen“

„Unser Kunstbegriff rückt die Partizipation in den Vordergrund“, erklärte Winkler. Beim (Bio-)Diversitätskorridor gehe es um – oft imaginäre – Räume, die vielfältige Wahrnehmungs- und Assoziationsmöglichkeiten erschlössen. So widmet sich ein Projekt der kreativen Gegenüberstellung von Neophyten und der „heimischen Pflanzenwelt“: Auf einer „Pilgerreise von Hof zu Hof“ werden Vorschläge von Landwirten zu Klimaschutz und zum Erhalt der Biodiversität gesammelt; ein Küchenmobil macht beim gemeinsamen Kochen mit Produkten aus Eigenanbau die Nahrungsmittelversorgung neu erlebbar, und Winkler selbst rückt mit ihrem Projekt das Verhältnis von Baumeignern zu Baumindividuen in den Vordergrund. Daneben gibt es noch ein Projekt zu „Lieblingsplätzen“, eine „Lebendigkeits-Werkstatt“ sowie einen „Hochsitz für Innovationspotenzial“.

In Harpstedt können nun bis Oktober Orte der „Civil Wilderness“ entdeckt und neu definiert werden. „Das kann auch eine Ecke in der Küche zu Hause sein“, regte von Oldenburg an. Die bisherigen Installationen befinden sich auf dem Amtshof-Gelände, im Rosenfreibad und in der Freistraße.

Denken anregen

Wöbse war von Beginn an begeistert von dem Projekt, das die Künstlerinnen der Kommune bereits zu Beginn des Jahres vorstellten. Der Samtgemeindebürgermeister brachte mit dem Standort im Freibad auch gleich eine eigene Idee ins Projekt ein. „Dort hat man viel Publikumsverkehr“, begründete er seinen Vorschlag. So ist dort nun ein viereckiger Platz mit Absperrband eingefasst. „Das ist besonders gemein, wenn bei gutem Wetter der Platz auf der Liegewiese eng wird“, meinte Reiche grinsend. Denn auf dem zugehörigen Schild ist zu lesen: „Betreten und jede Störung sind hier verboten“.

„Durch die Orte wird bei den Menschen ein geistiger Prozess in Gang gesetzt“, so Reiche. „Wir haben schon mitbekommen, wie einige darüber diskutiert haben, dass es an der Stelle ‚bestimmt Ameisen gibt‘“, erzählte von Oldenburg schmunzelnd.

Gewohntes, Erlaubtes, Verbotenes

Vor dem Amtshof dagegen ist unter anderem ein kleiner Raum rund um einen Stein unter dem Hinweis „Hier gelten keine Verbote“ eingefasst. Künstler und Verwaltungsmitglieder sind gespannt, was dort nun alles geschehen mag. Einige Schritte weiter verwildert gerade ein anderer viereckiger Raum, der ebenfalls nicht betreten und daher auch nicht mehr gemäht werden darf. Eine andere Kennzeichnung in der Nähe richtet die Aufmerksamkeit auf das Gewohnte: Die Regel besteht daran, dass dort alles so weiterlaufen muss wie immer: „Es wird gemäht, auf der Bank gesessen und geangelt“, beschrieb Reiche. Orte der „Civil Wilderness“ haben Reiche und von Oldenburg, die beide sowohl in Rastede als auch in Hamburg leben, außerdem schon im Helsinki-Zoo und in Prinzhöfte angelegt.

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