Carl Behnke führte ab 1933 Tagebuch für seinen Sohn Horst / Erlebnisse von der Besatzung Harpstedts 1945

Festgehaltene Erinnerungen

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Dieses Familienporträt von Irmgard, Horst und Carl Behnke (v.l.) entstand 1943.

Harpstedt - Von Sophie Filipiak. „Würde es uns den langersehnten Frieden bringen?“, fragte Carl Behnke im Juli 1945 in einem Tagebuch. Mit dem Schreiben begann er 1933, als sein Sohn Horst auf die Welt kam. In Ich-Form schildert der Vater aus Sicht des kleinen Jungen das Geschehen der damaligen Zeit, um es festzuhalten. Horst Behnke war gestern zu Besuch bei der Kreiszeitung und zeigte die Tagebuchseiten, die sein Vater in ordentlicher „deutscher Schrift“ verfasst hat.

Damals arbeitete Carl Behnke noch als Oberpostverwalter in Harpstedt und wohnte mit seiner kleinen Familie im Postamt der Stadt. „Er war ein gradliniger und aufrichtiger Mensch“, erinnert sein Sohn. Carl Behnke war eigentlich gelernter Schuhmacher, als er nach seinem Dienst in der Reichsmarine im Postamt Bassum eingestellt wurde. 1929 erfolgte die Versetzung nach Harpstedt. Ein Jahr zuvor hatte er Irmgard Dolgner geheiratet.

Er wählte damals aus Überzeugung die NSDAP und trat auch in die Partei ein. „Aber mit den Verbrechen, die später ans Licht kamen, wäre er nicht einverstanden gewesen“, stellt Horst Behnke klar. An die Zeit des Kriegsendes und an die Besatzung kann er sich noch gut erinnern, vor allem an die – wie er sie nennt – Kellernächte. „Die Luftangriffe der Feinde nahmen immer schärfere Formen an“, schrieb Carl Behnke damals. „Aber als Kind habe ich das damals alles nicht für so schlimm empfunden“, sagt sein Sohn heute.

„Am Montag, den 9.4.45 ließ Vater den Postverkehr einstellen“, steht im Tagebuch geschrieben. Denn „der Feind steht nur noch wenige Kilometer mit seinen Panzerschützen entfernt“. Ein Bombenangriff feindlicher Jagdflugzeuge erfolgte. Es blieb keine Zeit, einen Fliegeralarm auszulösen. „Zufällig befanden sich Mutter und ich, sowie unsere Nachbarn im Luftschutzkeller, während mein Vater sich außerhalb des Gebäudes befand“, schrieb Carl Behnke. Der Vater konnte sich aber rechtzeitig in Sicherheit bringen. Die Bomben hatten im Postamt große Zerstörungen angerichtet. Die Nacht vom 9. bis zum 10. April verbrachte die Familie im Luftschutzkeller. Am Morgen verließ sie Harpstedt, da die Bewohner der Hauptstraße ihre Wohnungen räumen mussten. Die Familie wollte in Simmerhausen abwarten, bis die Engländer den Flecken eingenommen hatten. Das taten sie auch. Als die Behnkes am nächsten Tag zurückkehrten, bot sich ihnen in Harpstedt ein schrecklicher Anblick. „Auch unsere Wohnung war schwer beschädigt, so dass uns nur zwei Zimmer zur Verfügung standen. (...) Es bot alles ein Bild der Verwüstung.“ Auch das Schlafzimmer des jungen Horst Behnke war zerstört worden. Aber davon ließ sich die Familie nicht entmutigen: „Anderentags ging es sofort ans Aufräumen, und in wenigen Tagen sah unsere Hoffnung schon besser aus.“ Aber: „Nun begann täglich das Artillerieduell“ zwischen den Engländern und den Deutschen. „Die Deutschen schossen mitten in Harpstedt hinein.“ Denn die Wehrmacht hatte sich zwar aus Harpstedt Richtung Delmenhorst zurückgezogen, die Soldaten leisteten aber dennoch Widerstand. „Das ging aber nur ein paar Tage“, erinnert sich Horst Behnke.

Offiziell ergab sich Harpstedt am 10. April den allierten Truppen. Dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg verloren hatte, empfand Carl Behnke als Niederlage und schwere Enttäuschung. Sein Sohn hatte da weniger Probleme. „Ich hatte keine negativen Eindrücke von den Engländern“, erinnert er sich. „Wir Jungs haben sogar die Trucks gewaschen und dafür Schokolade und ähnliches bekommen.“

Warum sein Vater bei der Entnazifizierung so hart bestraft wurde, ist Horst Behnke bis heute unverständlich: „Er war nur ein kleiner Parteigenosse und andere, die schwere Verbrechen begangen haben, kamen schnell wieder frei.“ Die Konten von Carl Behnke wurden gesperrt.

Wegen seiner Mitgliedschaft in der NSDAP wurde er bereits im Oktober 1945 entlassen. Danach musste er als Waldarbeiter beim Forstamt Harpstedt sich und seine Familie über die Runden bringen. „Wir hatten damals wenigstens immer genug Brennholz, obwohl mein Vater die schwere Arbeit anfangs nicht gewohnt war“, erzählt Horst Behnke. Zwei Jahre sollte es dauern bis sein Vater als Leiter der Zeitungsstelle wieder bei einem Postamt arbeiten konnte, diesmal in Bremen-Vegesack, wo er 1895 geboren wurde. 1960 ging er in den Ruhestand und verstarb 1972.

Sein Sohn sollte in seine Fußstapfen treten: Von 1966 bis 1972 war er der Oberpostmeister der Stadt Wildeshausen, bis er nach Esens in Ostfriesland zog. Die Erinnerungen seines Vater begleiten ihn schon sein Leben lang. Seit ihm Carl Behnke das Tagebuch überreichte, liest er jedes Jahr darin.

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