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Bundesverdienstmedaille für „Mimi“: Kleiderkammer als „fünftes Kind“

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Von: Jürgen Bohlken

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Die stellvertretende Landrätin Christel Zießler (Mitte) überreichte Emmahilde Binienda (links) die Bundesverdienstmedaille nebst Urkunde und Blumenstrauß. Zu den Gratulanten zählten auch die Bürgermeister Stephan Korte (2.v.l.) und Yves Nagel (rechts).
Die stellvertretende Landrätin Christel Zießler (Mitte) überreichte Emmahilde Binienda (links) die Bundesverdienstmedaille nebst Urkunde und Blumenstrauß. Zu den Gratulanten zählten auch die Bürgermeister Stephan Korte (2.v.l.) und Yves Nagel (rechts). © Bohlken

Kirchseelte/Heiligenrode – Die ehrenamtliche Aufgabe in der DRK-Kleiderkammer in Heiligenrode entpuppt sich oft genug als Knochenjob. Emmahilde Binienda (84) aus Kirchseelte, „Mimi“ genannt, verrichtet diese Arbeit als Mitbegründerin der Einrichtung und Leiterin der ersten Stunde schon seit 47 Jahren. Ihr aufopferungsvolles Wirken brachte ihr am Donnerstagnachmittag die von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verliehene Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ein.

Die stellvertretende Landrätin des Landkreises Oldenburg, Christel Zießler, überreichte die hohe Auszeichnung während einer Feierstunde im „Dreimädelhaus“. Den Vorschlag, die 84-Jährige mit der Verdienstmedaille zu ehren, hatte Dr. Benedikt Beer, Kardiologe in Hamburg und Enkel der Seniorin, eingereicht. „Meine Mutter gibt bedürftigen Menschen nicht nur Klamotten, sondern auch Würde und Respekt. Ihren Dienst verstehe ich als praktizierte Nächstenliebe. Fast täglich hat sie in der Kleiderkammer, die so etwas wie ihr fünftes Kind ist, was zu erledigen“, plauderte Dorina Binienda-Beer, die älteste Tochter der Geehrten, ein wenig aus dem Nähkästchen.

„Wir sind stolz auf dich. Wenn jemand diese Auszeichnung verdient hat, dann du, Mimi“, unterstrich Elke Krebs, die Vorsitzende des DRK-Ortsvereins Heiligenrode/Groß Mackenstedt, dessen Vorstand Emmahilde Binienda seit 1983 angehört. „Wir fragen uns, wie du das schaffst“, spielte sie auf die große Routine beim Durchstöbern der Bekleidungsspenden und Sortieren an. „Ich stelle fest, dass mir die Kleidersäcke von Jahr zu Jahr ein bisschen schwerer vorkommen“, erwiderte die Geehrte.

Meine Mutter gibt bedürftigen Menschen nicht nur Klamotten, sondern auch Würde und Respekt. Ihren Dienst verstehe ich als praktizierte Nächstenliebe.

Dorina Binienda-Beer

Oft genug nimmt sie gespendete Sachen sogar mit nach Hause, um sie zu waschen. Schmutzig landet nichts in der Kleiderkammer. Zu Nadel und Faden zu greifen, wenn Bekleidung genäht oder gestopft werden muss, und dafür zu sorgen, dass in Behälter eingeworfene Klamotten keinen Schaden als Folge eindringender Nässe nehmen, empfindet die 84-Jährige als Selbstverständlichkeiten.

Tochter assistiert, Enkelin hilft aus

Durchsetzungsvermögen eignete sie sich mit der Zeit an. Längst wacht die Kirchseelterin achtsam darüber, dass sich Kleiderkammer-Kunden nicht großzügiger als erlaubt „eindecken“. Zum Raffen neigende „Schwarze Schafe“ wittern ein gutes Geschäft und preisen Sachen, die sie Spendern verdanken, auf Flohmarkttischen zum Verkauf an. Der Leiterin der Kleiderkammer liegt daran, diese Unsitte und missbräuchliche Nutzung zu unterbinden, so gut es geht.

Ich stelle fest, dass mir die Kleidersäcke von Jahr zu Jahr ein bisschen schwerer vorkommen.

Emmahilde Binienda

„Mimi“ erfährt viel Dankbarkeit für ihre ehrenamtliche Arbeit, doch ihr Bestreben, alle Bedürftigen glücklich zu machen, stößt an Grenzen. Gelegentlich kommen Kunden, die Anstand und Respekt vermissen lassen. In jüngeren Jahren ist Emmahilde Binienda sogar schon bedrängt worden. In der Heiligenroder Kleiderkammer, die am ersten Mittwoch im Monat von 15 bis 17 Uhr (Annahme) und am letzten Donnerstag von 17 bis 18 Uhr (Ausgabe) geöffnet hat, assistiert ihre 58-jährige Tochter Silke Binienda-Winkelmann; gelegentlich hilft zudem ihre Enkelin Sina-Tabea Reuter (30) aus. Beide wohnen in Dünsen.

Ursprünglich war die Heiligenroder Einrichtung im Keller der Volksbank angesiedelt gewesen und zeitweise in der Grundschule, ehe sie 2011 ein neues Domizil „Am Klosterplatz“ 6a fand.

Noch kommen so gut wie keine Kriegsvertriebenen aus der Ukraine in die Kleiderkammer, dafür aber viele Geflüchtete aus Afghanistan – oft ganze Familien. Zu Zeiten der Wende gehörten Menschen aus der ehemaligen DDR zum Klientel. So gesehen habe sich Emmahilde Binienda „aktiv in den Dienst der deutsch-deutschen Wiedervereinigung gestellt“, unterstrich die stellvertretende Landrätin.

Sie gehören zu den Bürgerinnen und Bürgern, die durch ihr Wirken dazu beitragen, das Leben in unserer Region zu verbessern. Sie machen dadurch unsere Gesellschaft reicher.

Christel Zießler

Ehrenzeichen putzen – das gehört nicht gerade zu den Lieblingsbeschäftigungen der frischgebackenen Trägerin der Bundesverdienstmedaille. Bekommen hat sie gleichwohl schon einige: den „Stuhrer Wolf“ genauso wie 2009 die Niedersächsische Medaille für vorbildliche Dienste um den Nächsten.

„Sie gehören zu den Bürgerinnen und Bürgern, die durch ihr Wirken dazu beitragen, das Leben in unserer Region zu verbessern. Sie machen dadurch unsere Gesellschaft reicher“, bescheinigte Christel Zießler der Kleiderkammerleiterin. Die Bundesrepublik Deutschland danke für ein „über 45-jähriges Engagement im sozialen Bereich“. Den Verdienstorden habe der erste Bundespräsident Theodor Heuss 1951 aus der Taufe gehoben.

Engagement „aus Überzeugung“

„Sie, Frau Binienda, gehören ab heute zum erlesenen Kreis der Ausgezeichneten“, sagte Christel Zießler. „Ich finde es großartig, wie Sie den Menschen helfen“, sagte sie auch mit Blick auf den Beitrag der Geehrten zu Hilfstransporten von Bekleidung und Haushaltswaren nach Rumänien, Moldau oder ins Baltikum.

„Beweise für ein großes Herz“

Erwähnung fanden obendrein Adventsbasare, die Emmahilde Binienda vor Ausbruch der Coronapandemie aktiv mitgestaltete. Dabei habe sie Tischdecken verkauft, verriet Zießler. Die Erlöse hätten dazu beigetragen, die Arbeit der Rotkreuzler zu finanzieren. „Das alles ist ein Beweis dafür, dass Sie ein großes Herz haben. Dieses Engagement steckt einfach in Ihnen und kommt aus Überzeugung. Sie sind immer für Ihre Sache eingetreten – mit hohem persönlichen Einsatz, großem Enthusiasmus und unbedingter Zuverlässigkeit“, fuhr Zießler fort.

Zu den Gratulanten nach vollzogener Verleihung der Verdienstmedaille gehörten die Bürgermeister der Gemeinde Stuhr und der Samtgemeinde Harpstedt, Stephan Korte und Yves Nagel.

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