Ruth Heinrich und ihre Angehörigen verlassen Dresden noch rechtzeitig

Dem Bombenhagel entronnen

Damals eine aparte junge Frau, heute 93 Jahre alt: Ruth Brown, geb. Heinrich, lebt seit 1947 in England.

Colnrade/Breslau – Zwei Wochen nach dem Beginn ihrer Flucht vor der Roten Armee aus Breslau entrinnen Ruth Heinrich, ihre Schwestern Inge, Jutta und Hildegard sowie die Mutter 1945 der Bombardierung Dresdens. Sie wissen um die Gefahr eines Luftangriffs, als sie sich in der Stadt aufhalten. Ihr Ziel: der Bahnhof. Inmitten von Menschenmassen versucht die Familie, einen Zug zu ergattern, der sie in Sicherheit bringt – raus aus der „Todesfalle“. Doch das erfordert Ellenbogeneinsatz. Die Züge sind völlig überfüllt. Flüchtende nehmen jede Lücke in Beschlag, sitzen teils auf Dächern oder zwischen den Puffern, schreibt Ruth Heinrich Jahrzehnte später nieder; da ist sie längst verheiratet, lebt in England und trägt den Nachnamen ihres Ehemanns Laurie Brown, eines vormaligen Besatzungssoldaten.

Zurück zu ihrer Flucht, die sich rund zweieinhalb Jahre hinzieht, ehe es zu einer Familienzusammenführung in Colnrade kommt: In Dresden reißen die Umstände die Heinrichs einmal mehr auseinander. Ruths Mutter wird mit ihren Töchtern Hildegard und Jutta auf dem Bahnsteig in einen Zug gedrückt, der nur kurz das Tempo drosselt, ehe er wieder Fahrt aufnimmt. Ruth selbst und ihre ältere Schwester Inge bleiben zurück. Sie schaffen es in einen anderen Zug, ohne zu wissen, wohin der fährt. Sie kommen fast um vor Hunger, Durst und Müdigkeit. Bei einem Halt im tschechischen Leitmeritz schallt es aus dem Bahnsteiglautsprecher: „Fräulein Heinrich wird gebeten, sich sofort im Büro des Bahnhofsvorstehers zu melden.“ Beide Schwestern fühlen sich angesprochen und hasten nach draußen. Im Eifer des Gefechts vergisst Ruth ihre Aktentasche mitzunehmen. Darin liegen ihr eigener Ausweis und der ihrer Schwester. Zurück in den Zug eilen? Für die jungen Frauen ist das keine Option.

Als sie das Büro des Bahnhofsvorstehers betreten, erledigt sich das Problem von selbst: Ein Mitgereister, ein ehrlicher Finder, hat die Aktentasche abgegeben. Auf die Frage der beiden Schwestern nach einem Quartier für die Nacht erwidert der Bahnhofsvorsteher: „Versucht es im Warteraum!“ Dort wartet die Mutter mit Jutta und Hildegard! Ruth und Inge können ihr unglaubliches Glück kaum fassen: Schon zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen sind sie mit ihren Lieben wieder vereint.

Die Heinrichs wollen bei „Tante Hilde“ und ihrem Gatten, einem Forstmeister, in Böhmen unterkommen. Weil der Bahnhofsvorsteher einwilligt, einen Anruf zu tätigen, gelingt es, einen Heuwagen mit zwei Pferden zu organisieren, der sie abholt. Ein Arbeiter kutschiert sie nach Kutteslawitz. So heißt das Dorf (heute: Chudoslavice), in dem Ruth mit den Schwestern und der Mutter übergangsweise ein Dach über dem Kopf findet. „Tante Hilde“, keine Verwandte, sondern eine gute Freundin, bewohnt dort mit ihrem Mann ein geräumiges Haus.

Nach all den Strapazen ein Hauch von Paradies

Die Geflüchteten bekommen Kost und Logis, erholen sich von ihren Strapazen, kurieren Wunden und Frostbeulen aus, waschen und flicken ihre zerlumpte Kleidung. „Wie im Himmel“ kämen sie sich vor, notiert Ruth. Die Gäste revanchieren sich für die Großzügigkeit der Gastgeber mit tatkräftiger Hausarbeit.

Später werden die Heinrichs gewahr: Sie haben Dresden gerade noch rechtzeitig verlassen. In der Nacht darauf, vom 13. auf den 14. Februar 1945, und am Tag danach legen Bomber der britischen und US-Streitkräfte die Stadt in Schutt und Asche. Rund 25 000 Menschen verlieren ihr Leben.

Der Aufenthalt im Haus des Forstmeisters, eines gebürtigen Tschechen, und seiner deutschen Frau, währt länger als erwartet. Geradezu unbeschwerte Tage und Wochen verleben die Heinrichs.

Das Haus beherbergt alsbald 22 Geflüchtete, darunter zwei Soldaten; einer von ihnen hat ein Bein verloren, heißt Johnny und wird später noch eine Rolle spielen. Die Rote Armee rückt immer näher. Ruth weiß um das Risiko, das ihre Gastgeber eingehen: Wenn sie in einem Haus voller Flüchtlinge aus dem Osten vorgefunden würden, denen sie Schutz und Nahrung bieten, „wären die Konsequenzen nicht auszudenken“. Als die Russen da sind, verwüsten sie das Dorf schwer. Nicht aber das Forstmeister-Haus. Ein Kommandant erkundigt sich zwar nach der Anzahl der dort wohnenden Personen, vergewissert sich aber nicht, ob die – gelogenen – Angaben stimmen. Es kommt zu einer sehr brenzligen Situation, ehe die Familie Heinrich ihre Flucht fortsetzt und abermals getrennt wird.

Davon mehr im vierten Teil unserer Serie „Von Breslau nach Colnrade“..  boh

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