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„Harpstedt hat 60 Jahre lang geschwiegen“

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Von: Jürgen Bohlken

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Über die NS-Zeit in Harpstedt sprachen Maren Hanuscheck und Lilly Holze (r.) mit Hermann Bokelmann.
Über die NS-Zeit in Harpstedt sprachen Maren Hanuscheck und Lilly Holze (r.) mit Hermann Bokelmann. © Bohlken

Harpstedt – Die Konzentrationslager in Auschwitz, Theresienstadt, Minsk oder auch Stutthof bei Leipzig während der NS-Diktatur haben ihren Schrecken als Stätten der Vernichtung von Leben und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Rassenwahn nicht verloren. Dort fanden auch neun Harpstedter Juden den Tod: Ida und Willi Löwenstein, Jenny, Erich, Helene, Marga (sie wurde nur acht Jahre alt) und Johanne de Vries, Henriette und Edgar Roßbach.

Über das Schicksal dieser ermordeten Menschen aus vormals angesehenen jüdischen Familien habe Harpstedt „60 Jahre lang geschwiegen“, sagte Altbürgermeister und Altlandrat Hermann Bokelmann in einem Interview, das er mit Lilly Holze und Maren Hanuscheck, zwei Absolventinnen des Beruflichen Gymnasiums in Wildeshausen, Fachbereich Gesundheit und Pflege, führte.

Für ein Buchprojekt versucht die Klasse der beiden 18-Jährigen in Gruppen zu ergründen, wie Menschen in verschiedenen Wohnorten Nationalsozialismus und Judenverfolgung erlebt haben. „Wir sollen auch beschreiben, was das, was wir herausfinden, in uns selbst auslöst. Meine Mutter liest gern Hermann Bokelmanns Kriegs- und Nachkriegserinnerungen in Zeitungsberichten. Das hat uns auf die Idee gebracht, ihn als Zeitzeugen zu befragen. Maren kommt aus Klein Ippener und der Rest unserer Gruppe, auch ich, aus Harpstedt. Daher recherchieren wir über Harpstedt“, erläuterte Lilly Holze. „Am Ende gibt jede Gruppe ihren Text ab. Daraus wird dann ein Buch gemacht“, ergänzte Maren Hanuscheck.

 Erst nach dem Krieg haben wir gemerkt, wie die Nazis uns junge Menschen verführt und manipuliert hatten.

Hermann Bokelmann

Als Zehnjähriger erfuhr Hermann Bokelmann vom Kriegsausbruch. Der Tonfall der Mutter bei der Verkündung der Hiobsbotschaft hat sich in sein Gedächtnis gebrannt. Die Schülerinnen hinterfragten die Geschichte seines ältesten Bruders Willy (*1915), der die bislang größte Materialschlacht der Weltgeschichte überlebte. „1939 gehörte er zur Panzertruppe in Bamberg. Einer Ansichtskarte aus Schlesien, die er schrieb, konnten wir entnehmen, dass seine Einheit beim Einmarsch in Polen dabei war. Man kann auch sagen: beim Überfall auf Polen“, so Bokelmann. Willy habe später gegen Holland, Belgien und Frankreich ins Feld ziehen müssen, danach gegen Russland. Im Winter 1945 sei seine Einheit durch das Baltikum bis Danzig gekommen. Noch am 8. Mai, dem Tag, der als das Kriegsende Eingang in die Geschichtsbücher fand, hätten die Soldaten mit einem Schiff einen von der Roten Armee besetzten Ostseehafen anlaufen sollen. Der clevere Kapitän habe das aber unter dem Vorwand eines erfundenen Maschinenschadens verhindert und stattdessen Kurs auf Flensburg genommen. Dort sei Willy mit seinen Kameraden an Land gegangen, sodann interniert, aber recht schnell freigelassen worden. „Er war Anfang Juli schon wieder zu Hause. Ohne Schramme“, erinnerte sich Bokelmann.

Ein Weihnachten „ohne Tannenbaum“

Wie nah auch in seiner Familie Glück und Leid beieinander lagen, machte er am Beispiel seines anderen Bruders Fritz deutlich. Der Fallschirmjäger fiel am 1. Dezember 1944. Drei Tage vor Heiligabend kam die Nachricht von seinem Tod. Die Familie ließ die Weihnachtstage in tiefer Trauer verstreichen. „Zum ersten Mal ohne Tannenbaum“, entsann sich Bokelmann.

„Kannten Sie die Juden, die in Harpstedt gelebt haben?“, hinterfragten Lilly Holze und Maren Hanuscheck. Der fast 93-Jährige verneinte das. Von ihren Schicksalen habe er später aus Erzählungen seiner Eltern erfahren.

Auf dem Judenfriedhof und dem Amtshofgelände sind die Namen der ermordeten Harpstedter Juden verewigt.
Auf dem Judenfriedhof und dem Amtshofgelände sind die Namen der ermordeten Harpstedter Juden verewigt. © -

Dass sich Mitbürger auch in seiner Heimat an der Judenhatz beteiligten, wurde totgeschwiegen. Jahrzehntelang. Bokelmann nannte Beispiele: Als Reaktion auf die bloße Ankündigung, sich eine Hose „beim Juden“ kaufen zu wollen, habe ein Jungbauer in Stiftenhöfte Prügel seitens des SA-Sturms bezogen. „Er hat mir davon später selbst erzählt“, so der Altlandrat. „Juden schneide ich keine Haare mehr“, habe der Harpstedter Friseur Koch gesagt, „als der Nachbar und ehrliche Schlachter Erich de Vries, der nur drei Häuser weiter wohnte, zu ihm in den Salon an der Ecke Frei-/Große Eßmerstraße kam“. Hermann Bokelmann wuchs in Dünsen auf. Dort habe Hotelier und Gastronom Heinrich Rogge von Erich de Vries Fleisch gekauft, woraufhin das Schild mit dem Hinweis auf sein Hotel „Waldfrieden“ an der Landesstraße „mit Teer beschmiert“ worden sei.

„Dass die Juden in Konzentrationslagern umgebracht wurden, hat hier damals keiner erfahren“, beteuerte der Zeitzeuge. Ob das Standesamt seinerzeit über den Tod der jüdischen Mitbürger in Kenntnis gesetzt wurde, wäre nach seiner Ansicht eine Recherche wert.

Vier DIN A4-Seiten voller Erinnerungen

Die Existenz der KZ, im Volksmund laut Bokelmann „Konzert-Lager“ genannt, sei zwar bekannt gewesen, aber die Leute hätten hinter ihrem Zweck erzieherische Maßnahmen des Regimes vermutet. Von bei den Nazis in Ungnade gefallenen „Volksgenossen“, die zur Strafe ins KZ gekommen und wieder freigelassen worden seien, habe es für gewöhnlich nach ihrer Rückkehr geheißen: „Die halten jetzt ihre Schnauze und meckern nicht wieder!“

Millionen Menschen aber kamen eben nicht zurück, sondern fielen – wie auch neun Harpstedter Juden – einer Mordmaschinerie industriellen Ausmaßes zum Opfer, überwiegend aus rassenideologischen Gründen.

Wissensdurst offenbarten Lilly Holze und Maren Hanuscheck auch mit Blick auf Jungvolk und Hitlerjugend. Hermann Bokelmann gehörte zu den „Pimpfen“. 1939, als Zehnjähriger, sei er durchaus begeistert gewesen, in Uniform am 20. April am Fackelzug in Harpstedt anlässlich des „Führergeburtstages“ teilnehmen zu dürfen, gab er zu. „Neben Sport wurde marschiert und gesungen. Wir haben zudem Geländespiele gemacht: ,Rot gegen Blau’“, erinnerte sich der fast 93-Jährige. Dass militärisches Gehabe und strenge Hierarchien in den NS-Nachwuchsorganisationen letztlich dem Zweck dienten, die „Soldaten von morgen“, unterwürfig, aber hart wie Kruppstahl, heranzuzüchten, war ihm damals nicht bewusst. Er erlebte das „Pimpf“-Dasein als Mischung aus Kameradschaft und Abenteuer. Die bittere Erkenntnis, manipuliert und verführt, belogen und betrogen worden zu sein, kam erst nach den Krieg.

Zeuge von Repressionen der Staatsmacht wurde Bokelmann 1944 als Absolvent der Handelsschule in Delmenhorst: Angehörige der Gestapo, „Männer in schwarzen Mänteln“, kamen in die Klasse und verhafteten einen offenbar nicht linientreuen Studienrat. Die Vollstreckung des kurz darauf gefällten Todesurteils blieb ihm zu seinem großen Glück erspart. Bokelmann: „Der Krieg war schneller zu Ende.“

„Erinnerungskultur pflegen“

Vier eng beschriebene A4-Seiten mit vielen Erinnerungen und Anmerkungen gab der betagte Harpstedter seinen Interviewpartnerinnen zum Nachlesen mit auf den Heimweg. Er bekräftigte das Erfordernis, die Erinnerung an die Gräuel der Nazi-Zeit und den Holocaust wachzuhalten und verwies in diesem Zusammenhang auf eigene Vorschläge zur Pflege der Erinnerungskultur. Dazu gehört unter anderem die Anregung, den Inhalt von Büchern und Archivalien über die NS-Zeit in Harpstedt zu einer Broschüre zusammenzufassen, die dann auch als Unterrichtsmaterial an der örtlichen Oberschule Verwendung finden könnte.

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