Mit Blaumann

Manfred Bramkamp war ehrenamtlicher Krankenwagenfahrer

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Schallplatten, die Manfred Bramkamp alle Jahre wieder zu Weihnachten als Anerkennung vom DRK-Kreisverband Grafschaft Hoya geschenkt bekam, erinnern ihn noch heute an seine Tätigkeit als Krankenwagenfahrer.

Harpstedt/Dünsen - Von Jürgen Bohlken. Dass es vor 50 Jahren, vor der Kreisreform, ehrenamtliche Krankenwagenfahrer gab, ist in Vergessenheit geraten. Manfred Bramkamp gehörte dazu.

„Mein Chef bei der Delmenhorst-Harpstedter Eisenbahn, Walter Voigt, hatte das mit seinen guten Verbindungen zum Roten Kreuz angeleiert“, erinnert sich der 75-Jährige Harpstedter mit Elternhaus in Dünsen, der seinerzeit in der DHE-Werkstatt arbeitete. Im März 1969 fragte Voigt den Schlosser, ob er für den DRK-Kreisverband Grafschaft Hoya Krankentransporte übernehmen und den Krankenwagen betreuen würde. Bramkamp willigte nach langem Überlegen ein, konnte aber nicht sofort loslegen. Es bedurfte einer amtsärztlichen Untersuchung, und ein Personenbeförderungsschein wollte ausgestellt werden.

Dann schickte das Rote Kreuz Bramkamp für vier Wochen auf Lehrgang. Mit dem Zug ging’s nach Goslar. In der Klinik im Stadtteil Jürgenohl standen neben Erster Hilfe, Krankenpflege und Einblicken in das Rettungswesen alle möglichen medizinischen Themen auf dem Unterrichtsprogramm - einschließlich Anatomie. Das Gesamtausbildungspaket endete mit einer Abschlussprüfung. Es beinhaltete zusätzlich einen Funklehrgang.

Zu dem Anästhesie-Chef Dr. Wilhelm Kempe, der einwilligte, den Grundlagenkurs in der Klinik stattfinden zu lassen, und selbst mit ausbildete, fällt Bramkamp eine Anekdote ein: „Als jemand von uns Lehrgangsteilnehmern fragte, was ein Schock sei, schlug er unvermittelt mit der Hand auf einen Tisch. Das knallte gewaltig. Alle erschraken.“ Darauf Kempe: „Das war schon ein kleiner Schock!“

Die gut 20 Kursabsolventen aus Niedersachsen „brachten alle Krankenwagen-Erfahrung mit - nur ich nicht“, entsinnt sich Bramkamp. Er berichtet von Fritz Voges aus Goslar. Mit diesem Lehrgangsteilnehmer entwickelte sich eine Freundschaft unter Feuerwehrmännern, die Jahrzehnte hielt. „Er lebt leider nicht mehr“, bedauert Bramkamp.

Noch 1969 saß der damalige Dünsener am Steuer eines Krankentransportwagens - eines gebrauchten Mercedes 180 DC. In weiten Teilen der heutigen Samtgemeinde Harpstedt fuhr er annähernd fünf Jahre lang - tagsüber und nachts - „fast alleine“ den Krankenwagen. Ehrenamtlich. Ohne Aufwandsentschädigung. An Wochenenden seien auch Walter Voigt und dessen Frau mal als Fahrer zum Einsatz gekommen.

„Wenn in Bassum jemand ausgefallen war, bin ich eingesprungen. Auch für Twistringen habe ich Vertretungen übernommen“, erzählt Bramkamp. „Und das, obwohl ich ohnehin sehr viel um die Ohren hatte. An dem Elternhaus an der Klosterseelter Straße in Dünsen, das in Eigenregie gebaut worden war, gab’s noch einiges zu tun. Bei Einsätzen musste ich als aktiver Feuerwehrmann mit raus. Im Spielmannszug habe ich getrommelt. Und meine Arbeit bei der DHE durfte ich ja auch nicht vernachlässigen.“

Die Zahl der Kranken- und Verletztentransporte variierte stark. An manchen Tagen rückte Bramkamp gar nicht aus, an anderen gleich zwei- oder dreimal. Den Krankenwagen parkte er direkt vorm Elternhaus an der Straße. Später stellte der Sicherungshersteller Pudenz in direkter Nachbarschaft dafür eine Garage zur Verfügung.

Mit dem „Dienst-Mercedes“ fuhr Bramkamp auch zu seiner Arbeitsstelle. Oft genug sei er im Blaumann mit dem Krankenwagen ausgerückt und habe sich nur noch schnell einen Kittel übergestreift.

Wie er Kenntnis von den zu fahrenden Einsätzen bekam, klingt aus heutiger Sicht abenteuerlich: „Telefon hatten wir anfangs in Dünsen noch nicht. Der Krankenwagen, den ich fuhr, bekam in Syke eine Selektivrufanlage eingebaut. Die Ärzte, die Patiententransporte veranlassten, riefen Gerd Berger von der DHE an. Der eilte dann zum Harpstedter Bahnhof, um von dort das Fahrzeug per Bahnbetriebsfunk anzufunken. Am Krankenwagen ging daraufhin die Hupe los. Wenn das passierte, bin ich aus dem Haus ans Funkgerät geflitzt. Nachts stürmte ich völlig schlaftrunken aus dem warmen Bett im Schlafanzug ins Auto“, plaudert Bramkamp aus dem Nähkästchen.

Das Fahren sollte sich als der angenehmere Teil seiner Aufgaben erweisen; der unangenehme bestand darin, gehbehinderte oder bettlägerige Patienten sowie Unfallopfer und andere Verletzte in den Krankentragestuhl und den Krankenwagen zu bekommen. Da Bramkamp kein „zweiter Mann“ zur Seite stand, forderte er, wenn nötig, einen Nachbarn oder Passanten auf: „Fass mal mit an!“

Fanden sich keine Helfer, mutierte der Job schnell zur kraftraubenden Plackerei. Den Schweiß, den Bramkamp vergoss, als er allein eine dreieinhalb Zentner schwere Frau in den Transportwagen hieven musste, hat der 75-Jährige bis heute nicht vergessen. „Das dauerte damals bestimmt eine halbe Stunde.“

Bramkamp fuhr alle umliegenden Krankenhäuser an - von Delmenhorst über Wildeshausen bis Bassum. „Ganz selten“ habe er mal nach Bremen gemusst. Nach den ersten Jahren bekam er Verstärkung. Der 75-Jährige erinnert sich, wie Hermann und Arnold Meyerholz, Hans-Harald Krause und Helmut Mohrmann dazustießen; sie seien vorwiegend an Wochenenden gefahren.

Das Kilometergeld sei in einen großen Topf gewandert. Einmal im Jahr hauten die Fahrer diesen überschaubaren Betrag („das war wirklich nicht viel“) gemeinsam in dem Bremer Restaurant „Flett“ an der Böttcherstraße auf den Kopf. Ansonsten lassen Bramkamp heute noch gelegentlich mehrere Schallplatten, die er vom Roten Kreuz als Weihnachtsgeschenke bekam, an die ehrenamtlichen Fahrdienste zurückdenken.

Im Gedächtnis blieben auch die 65 DM, „die mal für einen Patiententransport zum Krankenhaus Wildeshausen mitsamt Beatmung in Rechnung gestellt wurden“.

Nach der Geburt des zweiten Sohnes wollten die Prioritäten 1977 neu gesetzt werden: Für Krankenwagen und Spielmannszug blieb Manfred Bramkamp keine Zeit mehr. Er gab beides auf.

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