Birgit Blocksdorff: Keine Erfahrung, die er macht, ist gänzlich negativ

„Lebensläufer“ Fröhlke sieht sich als Lebensmittelretter

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Als Jens Fröhlke (l.) Xavier Naidoo rezitierte, fanden diese coolen Jungs das ziemlich cool. Sie waren schwer beeindruckt.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Der Winternaht – und mit ihm die Kälte, die den fortwährenden Aufenthalt im Freien schon zu einer Bürde werden lassen kann. Zumindest für „Otto Normalverbraucher“. Aber dazu zählt Jens Fröhlke nicht. Längst nicht mehr. Zunehmend stellt der Harpstedter die konventionellen Formen des Wirtschaftens und Konsumierens in Frage. Er bleibt ein Suchender, der sich Antworten erhofft.

Nach den Worten seiner Lebensgefährtin Birgit Blocksdorff denkt Fröhlke momentan keineswegs daran, seinen auf ein Jahr angelegten „Lebenslauf“ vorzeitig abzubrechen. Er sei nach wie vor „total motiviert“, weiß sie. Schon seit dem 5. Juni durchstreift der 53-jährige Buchhändler Deutschland zu Fuß, und zwar ohne Geld und mit nur ein paar lebensnotwendigen Utensilien „am Mann“. Er knüpft Netzwerke mit Menschen, die – wie er selbst – danach trachten, die Welt ein Stück lebenswerter zu machen, die dafür bereit sind, auch im eigenen Dasein neue, andere Wege zu gehen. Unterwegs rezitiert er in Lesungen Texte – mal aufwühlend, mal erheiternd.

Überwiegend verbringe er die Nächte unter freiem Himmel, erzählt Blocksdorff. Ob die Tour komplett organisiert sei? „Durchgeplant ist bei ihm rein gar nichts“, erwidert die 48-Jährige schmunzelnd auf diese Frage. Der Schlafsack komme so langsam „an seine Grenzen“ und müsse demnächst ausgetauscht werden. Ein paar Dinge, die der „Lebensläufer“ braucht, darunter Handschuhe, will seine Partnerin zu Freunden nach Karlsruhe schicken. Fröhlke holt sie sich, so der Plan, dann dort ab. Momentan bewegt er sich in Richtung Bodensee, wo er, so Blocksdorff, die Möglichkeit habe, für zehn Tage unterzukommen, und wo er im Gegenzug auf „Haus und Hund“ aufpasse.

Sich ohne Geld durchzuschlagen – das meistert Jens Fröhlke anscheinend völlig mühelos. „Sorgen? Nein, die plagen ihn nicht. Auch kein Stress wegen der Kälte. Irgendwie fügt sich alles bei ihm. Er kriegt zu essen und erlebt, dass viele Menschen gern zu teilen bereit sind. Er ist natürlich aber auch schon mal abgewiesen worden“, verschweigt Birgit Blocksdorff nicht. Mitunter sei seine Absicht, in einem Café oder Biergarten zu lesen, bei den Betreibern auf Ablehnung gestoßen. Doch in solchen Situationen sei Fröhlke dann mit Gästen ins Gespräch gekommen. „Keine Erfahrung, die er macht, ist gänzlich negativ“, so die 48-Jährige. Zweimal konnte sie Jens Fröhlke bislang besuchen und sich von ihm Erlebtes aus erster Hand schildern lassen.

Ein großes Thema sei für ihn seit der Teilnahme am Utopival-Kongress auf dem FindHof nahe Köln das „Containern“, weiß Blocksdorff. „Er hat Menschen kennengelernt, die genau das praktizieren und in ihren Alltag bringen. Sie geben überhaupt kein Geld mehr für Nahrungsmittel aus.“ Containern – dieser Begriff steht für das (illegale) Durchstöbern von Abfallbehältern bei Supermärkten oder Fabriken nach Produkten mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum, die ohne gesundheitliche Risiken und nennenswerte Geschmackseinbußen noch genießbar sind.

Auf dem „Utopival“ wollte rund 120 Menschen tagelang beköstigt werden. Dies sei mit Nahrungsmittel-Spenden aus Läden und Supermärkten kein Problem gewesen, weiß Blocksdorff. Wenn ihr Partner selbst in Märkte gehe und dort um Essbares bitte, dann verstehe er sich dort als „Lebensmittelretter“. Dies deckt sich mit den eigenen Schilderungen des Harpstedters. „Ich ernähre mich teilweise gut von Essen, dass niemand mehr kaufen möchte. Seit mir bewusst geworden ist, dass in unserem Land alleine 50 Prozent aller Lebensmittel vernichtet werden, fällt es mir nicht schwer, nach solchen zu fragen“, schreibt der 53-Jährige in seinem Blog (http://mein-lebenslauf.eu) und fügt hinzu, er habe nicht das Gefühl, „auf Kosten anderer“ zu leben oder zu „schmarotzen“.

Fröhlke führt im Zusammenhang mit der „Lebensmittelrettung“ oftmals „gute Gespräche“ zu diesem Thema, die manchmal auch „in Richtung Frieden und Flucht“ gingen. Er erfahre viel anerkennende Zustimmung. „Ich kann hier und da vielleicht Impulse geben“, hofft der Harpstedter. Dass er seinen „Lebenslauf“ zugleich als „Friedenstour“ versteht, offenbart sein Reisetagebuch an verschiedenen Stellen. Die Fragen, die er sich unterwegs stellt, sind nicht selten philosophischer Natur: „Wie kann es einen Bewusstseinsschub geben, der alle Menschen auf einen friedlichen Weg bringt? Was ist der mögliche Funke, der all das, was an wandelnden, transformatorischen und heilenden Energien vorhanden ist bei vielen Menschen, in verschiedenen Bereichen zur Explosion bringt? Wie kann der Weltfriede mit einem Mal ausbrechen und sich ausbreiten? Was ist die Initialzündung? (...) Muss sich die Menschheit erst in eine Situation bringen, die so katastrophal ist, dass sie nur wenige überleben und von vorne beginnen können? Ist das ein Naturgesetz, ein Gottesgesetz?“

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