Sommer-Smalltalk (4) mit Rita Kubutat

Befristet angestellt bis zum Nimmerleinstag?

+
Wer mit dem Gedanken spielt, vors Arbeitsgericht zu ziehen, tut nach Ansicht von Rita Kubutat gut daran, sich vorher von einem Fachanwalt eingehend beraten zu lassen.

Harpstedt - Nach der dritten befristeten Verlängerung ihres Arbeitsverhältnisses hatte Rita Kubutat die Nase voll. Sie wollte endlich eine solide Grundlage für ihre Lebensplanung – und klagte. Heraus kam ein Vergleich, mit dem sie nach eigenem Bekunden gut leben kann.

Die Harpstedterin möchte andere Beschäftigte ermutigen, gegebenenfalls auch für ihr Recht zu kämpfen, sich aber zuvor die möglichen Folgen einer arbeitsrechtlichen Klage bewusst zu machen. Unsere Zeitung hat mit der 51-Jährigen gesprochen. Die Fragen stellte Jürgen Bohlken.

Der Arbeitgeber, mit dem Sie den Rechtsstreit ausgefochten haben, ist ein Bildungsträger?

Rita Kubutat: Ja. Das Unternehmen konzipiert Projekte zur Reintegration von Langzeitarbeitslosen in den Arbeitsmarkt. Auch von Menschen mit multiplen Problemlagen. Dahinter können etwa eine schlechte Lebensplanung oder Schicksalsschläge stecken. Ebenso psychische oder körperliche Probleme. Das Hauptaugenmerk legen wir nicht unbedingt auf die sofortige Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt, weil die Betroffenen in dem Zustand, in dem sie sich befinden, oftmals noch gar nicht erwerbstätig sein können. Es geht häufig darum, dass sie auf dem Weg dorthin eine Stufe weiterkommen. Etwa durch Vermittlung in eine physiologische Reha, um nur ein Beispiel zu nennen.

Wann sind Sie eingestellt worden?

Am 1. September 2014. Zunächst bis Ende desselben Jahres. Dann bekam ich eine Verlängerung um ein halbes Jahr und eine weitere um ein Jahr. Und mit einer neuerlichen Befristung bis Ende 2016 war dann die Grenze von zwei Jahren, die der Gesetzgeber setzt, überschritten.

Über die zwei Jahre hinaus hätte Ihr Arbeitgeber Sie nur mit einem fundierten sachlichen Grund weiter befristet beschäftigen dürfen.

Ja, aber den gab es nicht. Wenngleich die Gegenseite versucht hat, einen herbeizureden.

Wann haben Sie Ihre Klage beim Arbeitsgericht Oldenburg eingereicht?

Am 13. Dezember 2016. Eine sogenannte Feststellungsklage. Mein Arbeitgeber hat schnell seine Felle wegschwimmen sehen. Zunächst bot er mir eine Abfindung im Verlauf eines Gütetermins am 7. Februar dieses Jahres an: 2 100 Euro zuzüglich einer Gehaltszahlung für Januar 2017. Und dann, am 9. März, sogar eine Abfindung in dreifacher Höhe. Beides haben mein Anwalt und ich abgelehnt. Am 8. Juni war die Gerichtsverhandlung.

Wie ging’s aus?

Die Klage hatte ja eigentlich zum Ziel, die Ungültigkeit der letzten Befristung festzustellen. Damit wäre dann automatisch ein unbefristetes Arbeitsverhältnis hergestellt gewesen. Mir ging es aber wie vielen anderen Leuten: Ich wollte nicht wirklich weiter in einer Firma arbeiten, die ich verklagen musste, um mein Recht zu bekommen. Mein Arbeitgeber hätte mich ja sonst wohin versetzen können. Und als Folge davon hätte ich dann vielleicht täglich zwei Stunden zu meinem Arbeitsplatz fahren müssen.

Deswegen kam in Ihrem Fall am Ende doch ein Vergleich heraus?

Ja, ich werde bis Ende 2017 weiterbeschäftigt und bekomme auch das Gehalt für das letzte halbe Jahr nachgezahlt, in dem ich nicht gearbeitet habe, weil ja kein Arbeitsvertrag mehr bestand.

Auch Ihr Anwalt hat Ihnen geraten, nicht bei dem Bildungsträger zu bleiben?

Ja. Er wies mich darauf hin, dass Arbeitgeber, gerade solche, die nicht nur regional tätig sind, ihre Möglichkeiten haben, ungeliebte Beschäftigte zu drangsalieren oder zu schikanieren.

Bis Ende des Jahres müssen Sie aber ja noch mit Ihrem Arbeitgeber auskommen. Wie wirkt sich das auf das Arbeitsklima aus?

Die Standortleiterin, also sozusagen die Gegenseite im Arbeitsgerichtsverfahren, sehe ich kaum. Und mit den Kollegen habe ich überhaupt keine Probleme. Die Fluktuation ist allerdings recht hoch. Als ich wieder anfing zu arbeiten, waren zwei meiner früheren Kollegen weg. Das ist, so vermute ich, wohl auch der Bezahlung geschuldet. Die fällt eher mager aus. Vor allem, wenn man bedenkt, dass wir Pädagogischen Mitarbeiter alle diplomiert sein müssen. Ich kann es mir jedenfalls nicht mehr vorstellen, mein ganzes weiteres Arbeitsleben lang befristet tätig zu sein.“

Sie möchten anderen Arbeitnehmern Mut machen, sich gegebenenfalls auch gegen immer neue befristete Verträge zu wehren?

Ja. Man hat Chancen! Es ist nämlich trotz der eher arbeitgeberfreundlichen Rechtslage durchaus schwierig für Unternehmen, nach Ablauf der zwei Jahre wasserdichte befristete Verträge aufzusetzen, die jeder Prüfung standhalten. Gleichwohl dulden es Betroffene oft, ausgenutzt zu werden. Viele wehren sich nicht. Vor allem aus Angst, am Ende doch nicht in der Firma bleiben zu können, weil eben wegen der Klage das Verhältnis zum Arbeitgeber empfindlich und nachhaltig gestört ist.

Trotzdem würden Sie zu einem Rechtsstreit raten?

Welche Alternative gibt es sonst? Wie wollen Sie denn ein Leben führen, wenn Sie über Jahre hinweg nur befristet beschäftigt bleiben und überhaupt keine Planungssicherheit erwirken? Das halte ich für eine große Zumutung. Leider sind ja mit der Agenda 2010 sämtliche Zügel gelockert worden, damit die Arbeitgeber heuern und feuern können. Das politische Ziel, für Vollbeschäftigung zu sorgen, klingt inzwischen für mich wie eine Drohung. Was heißt das denn? Jeder darf minijobben? Gern auch mehrere Minijobs haben, um über die Runden zu kommen?

Eine Klage kann aber nach hinten losgehen, wenn Sie sich um eine neue Stelle bemühen und der potenzielle künftige Arbeitgeber von dem ausgefochtenen Rechtsstreit weiß.

Ja, das kann passieren. Wenn sich Arbeitgeber aber derart verbrüdert fühlen, dass man gar nichts mehr sagen darf und sich so behandeln lassen muss, wie es ihnen gerade in den Kopf kommt, dann weiß ich nicht, ob ich für einen solchen Arbeitgeber beschäftigt sein möchte. Ein fairer Umgang miteinander sollte eigentlich im Interesse beider Seiten sein. Was kann der Beschäftigte denn für eine Motivation haben, wenn er ständig befristet eingestellt oder anderweitig drangsaliert wird? Wer als Arbeitgeber solche Verhältnisse schafft, verschleudert Potenzial.

Wie geht es bei Ihnen beruflich weiter?

Ich habe mir eine Zusatzqualifikation ausgesucht. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das BAMF, befürwortet es, dass ich sie mache. Und danach werde ich mich auf einem damit verwandten Sektor bewerben, etwa als Leiterin von Kursen „Deutsch als Fremdsprache“ oder „Deutsch als Zweitsprache“.

Abschließend ein kurzes Resümee: Was raten Sie Arbeitnehmern, denen es ähnlich ergeht wie Ihnen?

Der Betreffende sollte sich zunächst auf jeden Fall einen auf Arbeitsrecht spezialisierten Anwalt suchen, sich beraten lassen und vor allem ausloten, ob ein Arbeitsvertrag zu Recht befristet ist oder nicht. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass am Ende das Richtige dabei herauskommt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Nach Terrorattacke gehen Ermittler von Islamisten-Zelle aus

Nach Terrorattacke gehen Ermittler von Islamisten-Zelle aus

Diese Stellen vergessen Sie beim Putzen immer

Diese Stellen vergessen Sie beim Putzen immer

Werders Bundesliga-Starts seit der Saison 2007/08

Werders Bundesliga-Starts seit der Saison 2007/08

Podiumsdiskussion vom RWF und der Kreiszeitung zur Bundestagswahl

Podiumsdiskussion vom RWF und der Kreiszeitung zur Bundestagswahl

Meistgelesene Artikel

Polizei fahndet nach Sexualstraftäter

Polizei fahndet nach Sexualstraftäter

Schwer verletzter Unfallfahrer stundenlang im Auto eingeklemmt

Schwer verletzter Unfallfahrer stundenlang im Auto eingeklemmt

Schwelbrand unter den Dachziegeln

Schwelbrand unter den Dachziegeln

Polizei fasst Oldenburger Sexualstraftäter in Brandenburg

Polizei fasst Oldenburger Sexualstraftäter in Brandenburg

Kommentare