Retrospektive im Kreismuseum

Die Kunst als steter Weg zur eigenen Identifikation

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Dass Kunst immer in Bewegung und der Künstler ständig auf dem Weg ist, weiß Hans Eisermann aus eigener Erfahrung. 

Klosterseelte/Syke - Von Jürgen Bohlken. „Der Künstler ist immer auf dem Weg – zu neuen Techniken, Ansprüchen und Betrachtungsweisen“, weiß Hans Eisermann. Auch sein eigenes Schaffen als Grafiker und Maler, das nun schon fast 70 Jahre währt, empfindet der 85-Jährige aus Klosterseelte als Reise „nach außen und innen“.

Unter anderem Portraits, Stillleben, Landschaftsgemälde und gegenstandslose Arbeiten hat sein Schaffen hervorgebracht. Aus der Politik hält er sich in seinem künstlerischen Wirken heute heraus, wenngleich ihm gerade aktuelle Entwicklungen Angst machen und ihn in beunruhigender Weise an das Dritte Reich erinnern. Er vermisst in unserer schnelllebigen Zeit Ziel und Richtung. In den Nachkriegsjahren hätten die Menschen gewusst, was sie wollten, nämlich den Wiederaufbau Deutschlands. Die Gegenwart kommt Eisermann dagegen wirr und widersprüchlich vor. Sein Eindruck: „Im Großen und Ganzen geht's uns allen gut, aber wir wissen es nicht zu schätzen.“

„Verdrehte Welt“ heißt eines seiner Bilder mit spiegelverkehrt geschriebenen Worten, das diesen Eindruck zum Ausdruck bringt. „Ich selbst nenne es ,Wolkengeflüster’, weil ich mir vorstelle, was die Wolken im Vorbeiziehen wohl über die Menschheit sagen würden, wenn sie sprechen könnten“, verrät der Klosterseelter. Wahrscheinlich, so vermutet er, würden sie einander zuflüstern: „Lasst sie bloß absaufen!“

Ausstellung im Kreismuseum Syke

In knapp sieben Jahrzehnten hat der heute 85-Jährige alle erdenklichen künstlerischen Techniken ausprobiert, mit Materialien experimentiert, seinen Stil immer wieder variiert. Die Retrospektive „Der Weg zur eigenen Identifikation“ veranschaulicht dies eindrucksvoll. Die im Kreismuseum in Syke bis einschließlich 3. März zu den üblichen Öffnungszeiten zu sehende Ausstellung kommt als Reise durch verschiedene Schaffensperioden daher, legt ein besonderes Augenmerk aber auch auf neuere gegenstandslose Arbeiten. Museumsdirektor Dr. Ralf Vogeding eröffnet sie am Sonntag, 29. Januar, um 15 Uhr.

Marcus Eisermann, Sohn des Künstlers, hält während der Vernissage die Laudatio und zeigt auch Lithografien seines Vaters, ebenso Holz- und Linolschnitte, mit Federkiel und Filzstift entstandene Werke, kolorierte Reiseillustrationen sowie eine Auswahl von Bucheinbänden und -illustrationen aus Hans Eisermanns aktiver Zeit als Grafiker. Der Ausstellende selbst steht nach eigenem Bekunden gar nicht gern im Rampenlicht. Er sieht sich als introvertierten, eher stillen Menschen. Die Retrospektive im Kreismuseum sei auf Empfehlung von Renate Munder aus Ganderkesee zustande gekommen, erzählt er.

Abstrakte Kunst entsteht nicht zufällig

Dass sich Kunst entwickelt und Künstler immer Kinder ihrer Zeit sind, kann Eisermann aus eigener Erfahrung nur unterstreichen. Im Malen sieht er „eine ursprünglich-kommunikative Art, sich zu verständigen“, ohne dass eine Sprache benötigt werde. Es sei nicht immer wichtig, etwas auf einem Bild zu erkennen – wohl aber, offen dafür zu sein, was es vermitteln wolle. Eisermann sieht es als Aufgabe des Künstlers an, ein Gefühl beim Betrachter zu provozieren, „eine emotionale Reaktion“. Sein düsteres Acrylbild „Bedrohung“ mit einem bedrohlich wirkenden Kreuz als Symbol kann exemplarisch für diese Intention stehen, ebenso etwa die Arbeit „Traumhafte Begegnung“. Sobald sich der Künstler vom Gegenständlichen löse, begebe er sich in die Welt der Emotionen. Ein Gefühl wie Liebe, Hass, Angst, Enge oder Aggressivität darzustellen, sei im Vergleich mit der Abbildung einer Person oder eines Gegenstandes eine schwierige Aufgabe, findet Eisermann.

Es sei ein Trugschluss zu glauben, abstrakte Kunst entstehe zufällig. Sie folge sicherlich weniger Regeln, aber gleichwohl werde jede Farbe, jede Struktur bewusst gesetzt. Der Künstler habe sein Ziel erreicht, wenn er es schaffe, beim Betrachter die gleichen Empfindungen hervorzurufen, die er selbst während des Schaffensprozesses gehabt habe.

Buch zu Ehren von Ursula Eisermann liegt aus

Aus 2001 datiert eine spannende experimentelle Kooperation. Damals komponierte Erhard Kuhn aus Bremen elektronische Tonmodulationen zu gegenstandslosen Bildern Eisermanns, um deren Wirkung noch zu verstärken. Es sei ihm hervorragend gelungen, die bildlich zum Ausdruck gebrachten Emotionen akustisch, etwa mit extrem in die Länge gezogenen und dadurch verfremdeten Naturgeräuschen, akustisch abzubilden, findet der Klosterseelter. Dazu fällt Hans Eisermann ein Bonmot ein, das seines Wissens auf den Dirigenten Kurt Masur zurückgeht: „Mit den Ohren sehen – mit den Augen hören.“

Begleitend zur Ausstellung im Syker Kreismuseum wird dort übrigens auch das Buch „Murx und Schnurx“ ausliegen – zu Ehren der schon vor langer Zeit verstorbenen Frau des Künstlers, Ursula Eisermann, die den Text geschrieben hat. An sie erinnerte im Übrigen seit dem Jahr 2007 auch „Mollys Café“ in Klosterseelte, das ihr Mann aber inzwischen aufgegeben hat.

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