SERIENSTART Flucht aus Breslau und glückliche Familienzusammenführung in Colnrade

Anrührende Odyssee mit Happy End

Dieser Liebesbeweis der jungen Ruth Brown kam zu Weihnachten 1947. Er galt Gottfried Ostersehlt aus Colnrade. Der bewahrte das Bild zeitlebens auf.

Colnrade/Breslau - Von Jürgen Bohlken. Diese Geschichte ist es einfach wert, erzählt zu werden. Sie handelt von schlimmen Entbehrungen und Grausamkeiten, aber auch von Mitmenschlichkeit und glücklichen Fügungen. Eine Geschichte, wie sie nur das Leben schreiben kann: Ruth Brown, geb. Heinrich, heute 93, an Demenz erkrankt und in England beheimatet, brachte schon vor langer Zeit die Fluchterlebnisse ihrer Familie aus Breslau, die 1947 mit einer höchst bemerkenswerten Familienzusammenführung in Colnrade ein Happy End gefunden hatten, zu Papier. Die ergreifend geschilderte Odyssee könnte sicherlich als Grundlage für einen packenden Film dienen, schlummerte aber lange im Privaten – und damit im Verborgenen.

Sogar genug Stoff für ein zweites Manuskript böte die weitere Biografie der Geflüchteten: In der Nachkriegszeit heiratete die junge Ruth Heinrich den britischen Besatzungssoldaten Laurie Brown. Das erklärt ihren heutigen Wohnsitz in der Grafschaft West Yorkshire. Die schon im Herbst 1947 geschlossene Ehe war wohl keine sehr glückliche. Tatsächlich fühlte sich Ruth Brown weiterhin zu Gottfried Ostersehlt aus Colnrade hingezogen, den sie im Anschluss an die Zusammenführung ihrer Familie in dem beschaulichen Dorf an der Hunte kennengelernt hatte. Wenngleich aus den beiden nach einem Techtelmechtel unter Heranwachsenden kein Paar wurde, schickte sie ihm noch lange herzzerreißende Briefe. Gottfried Ostersehlt bewahrte diese Liebesbekundungen zeitlebens auf – über 60 Jahre lang. Nach dem Tod seiner eigenen Frau zeigte er die Briefe seiner Tochter Claudia Ostersehlt-Janssen, die heute in Dötlingen-Vossberg lebt. „Ich habe versucht, sie noch einmal zu lesen, konnte es aber nicht. Es hat mich zu sehr berührt“, soll er damals zu ihr gesagt haben. Seinem Wunsch, Ruth Browns Wohnsitz zu recherchieren, entsprach seine Tochter. „Mein Vater und ich wussten ja, dass sie nach England gegangen war. Ein dort lebendes, mit uns befreundetes Ehepaar konnte sie ausfindig machen. Ruth wohnt noch immer in jener Ecke, in die es sie mit ihrem späteren Ehemann verschlagen hatte. Sie hat ihr Zuhause in Halifax und wird dort wegen ihrer Demenz inzwischen gepflegt. Mein Vater verstarb vor zwei Jahren, am 12. April 2018. Zuletzt, nach dem Tod meiner Mutter, pflegte er mit Ruth einen regen Austausch via E-Mail. Sie im Alter noch einmal persönlich wiederzusehen, hat er sich nicht getraut. Mein Mann und ich haben Ruth hingegen besucht. Sogar dreimal“, erzählt Claudia Ostersehlt-Janssen. Diese persönliche Beziehung und ihr eigener beruflicher Werdegang als Fremdsprachenkorrespondentin liefern die Erklärung dafür, warum sie es war, die Ruth Browns autobiografisches Nachkriegsvermächtnis vor zehn Jahren ins Deutsche übersetzte.

Die Verfasserin hatte die Erlebnisse schon 1981 aufgeschrieben. Der Anlass: Nigel, der Sohn ihrer Schwester Jutta, beschäftigte sich seinerzeit im Geschichtsunterricht mit Flucht und Vertreibung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der NS-Diktatur. Gewidmet hat Ruth Brown das Manuskript indes ihrem Bruder Arnim.

Schon der Prolog reißt den Leser mitten hinein ins Geschehen: „Als wir Arnim in Breslau zurücklassen mussten, war er ein verängstigter kleiner Junge, gerade einmal 15 Jahre alt. ,Der ,Führer’ erwartete von ihm, dass er sein Heimatland verteidigte gegen die übermächtige russische Armee, die bereit und in der Lage war, Deutschland zu überschwemmen. Bei unserem herzzerreißenden Abschied im Januar 1945 wussten wir nicht, ob wir uns jemals lebend wiedersehen würden. Nur Mutti hatte den festen Glauben. Sie hätte die kommenden schrecklichen Jahre der Ungewissheit sonst nicht überlebt“, schreibt Ruth Brown.

In einer denkwürdigen Nacht im Januar 1945 trommelte ein deutscher Uniformierter ihre Familie in Breslau aus dem Schlaf und berichtete vom schnellen Heranrücken der Roten Armee. Ruth (damals 19), ihre Mutter, ihre Schwestern Inge (20), Jutta (12) und Hildegard (fast 7) sowie der Bruder Arnim wurden angewiesen, die nötigsten Sachen zu packen und sofort aufzubrechen: „Wir haben den Auftrag, bis 8 Uhr früh die Oderbrücke zu sprengen, um den Einmarsch der feindlichen Truppen zu verzögern. Schließen Sie nicht ab! Unsere Armee wird Ihr Haus umgehend besetzen“, bekam die Familie gesagt. Treffpunkt für die Flüchtenden sollte „Adameks Lebensmitteladen“ am Amselweg sein.

Auf der Straße stoppte kurz darauf ein NS-Beamter Arnim mit den Worten: „Wie alt bist du?“ Der antwortete wahrheitsgemäß, er sei 15. „Du musst dich dem Volkssturm anschließen. Sag deiner Mutter und deinen Schwestern ,Auf Wiedersehen’!“, erwiderte der Uniformträger. Und an die Angehörigen gewandt, befahl er: „Melden Sie sich bei mir morgen, 6 Uhr früh, beim Laden an der Ecke! Nahrungsmittel, Decke und so viel Kleidung, wie Sie am Körper tragen können. Verstanden?“

Zu den Stärken der autobiografischen Aufzeichnungen gehört, dass sie persönliche Empfindungen nicht verschweigen: „Nein – wir verstanden nicht. Nicht jetzt, nicht später. Niemals!“, heißt es im Text. Und weiter: „Wir waren fassungslos, zu schockiert, um zu weinen, als wir (...) Lebewohl sagten. Was kam jetzt? Was kam als nächstes? Wusste das jemand? Nachbarn versammelten sich, einige in Autos, vollgepackt bis unters Dach. ,Keine Autos! Nur zu Fuß!’, wurde ihnen gesagt.“ Manche Leute hätten dennoch wegzufahren versucht. Die deutsche Armee habe aber alle motorisierten Fahrzeuge konfisziert. „Wer einen kleinen Handkarren besaß, gehörte zu den Glücklichen. Wir besaßen keinen. Die scheinbar endlose Schlange von Frauen, Kindern und alten Menschen setzte sich in Bewegung“, schreibt Ruth Brown. Wie es weitergeht, erzählt der nächste Teil unserer Serie.

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