Geldstrafe wegen Beleidigung und Nötigung

Angeklagte (49) sieht sich in der Opferrolle

Dünsen/Wildeshausen - Von Jürgen Bohlken. Das sei gewiss kein „schöner Job“ für die beteiligten Polizeibeamten gewesen, sagte die Wildeshauser Amtsrichterin in Anspielung auf einen Streit unter alkoholisierten Eheleuten in einer Obergeschosswohnung in Dünsen vom 6. Oktober 2015. Ein Ordnungshüter und seine Kollegin hatten wegen ruhestörenden Lärms zweimal in Folge einschreiten müssen und waren von der Bewohnerin beleidigt und genötigt worden. Der Fall fand am Montagmorgen ein juristisches Nachspiel.

Am Ende folgte die Richterin dem Antrag des Staatsanwaltes. Sie verurteilte die Angeklagte, die sie als vermindert schuldfähig einstufte, wegen Beleidigung in zwei Fällen und Nötigung zu 50 Tagessätzen zu je 15 Euro. Zwar reduzierte der Umstand, dass die Frau zur Tatzeit volltrunken war (1,79 Promille wurden festgestellt), das Strafmaß, aber ebenso auch ihre Glaubwürdigkeit. Staatsanwalt und Richterin hielten die Darstellungen der beiden unter anderem von der Angeklagten als „Pisser“ und „Wichser“ verunglimpften Polizisten für wahrheitsgemäß, zumal sich deren Schilderungen selbst in kleinen Details deckten.

„Sie hat ein sehr intensives Organ“

Unstrittig war, dass die Nachbarin die Dienststelle in Wildeshausen wegen des ruhestörenden Lärms in der Obergeschosswohnung alarmiert hatte. Die beiden Einsatzkräfte rückten an, um die Ruhe wiederherzustellen; der männliche von ihnen sagte aus, es sei aber wegen der starken Alkoholisierung der Ehefrau nicht möglich gewesen, ein vernünftiges Gespräch mit ihr zu führen. Sie wollte, dass die Beamten wieder abrücken. Ehe sie sich ins Wohnzimmer zu ihren Hunden zurückzog, habe sie, so der männliche Polizist, die ersten Verunglimpfungen ausgesprochen – und im weiteren Verlauf damit gedroht, die beiden Tiere, darunter ein Rhodesian Ridgeback, „auf uns zu hetzen, wenn wir weitere Maßnahmen veranlassen“. Kaum hatten die Beamten die Wohnung wieder verlassen, kam der nächste Anruf der Nachbarin, und sie mussten zurück in die Obergeschosswohnung. 

Dort war der eheliche Streit aufs Neue entbrannt und inzwischen in Handgreiflichkeiten ausgeartet. Die Polizisten nahmen von einigen Gegenständen Notiz, die in der Küche zu Bruch gegangen waren. Der Ehemann der Angeklagten soll bei ihrem erneuten Eintreffen ruhig und zurückhaltend gewesen sein, seine Frau hingegen das genaue Gegenteil. „Von daher stand für uns außer Zweifel, wen wir nun mitzunehmen hatten“, sagte der männliche Beamte aus. Dass es eine Ingewahrsamnahme bei Notwendigkeit eines erneuten polizeilichen Eingreifens geben würde, hatten eine Kollegin und er schon bei ihrem ersten „Besuch“ angedroht. 

Nach ihren übereinstimmenden Aussagen soll die Angeklagte ihren Kopf während der Fahrt zur Dienststelle mehrfach gegen eine Scheibe des Einsatzwagens gestoßen haben. „Zudem wollte sie uns eine Verletzung am Finger anlasten, die sie vorher erlitten hatte“, so der männliche Polizist. In der Ausnüchterungszelle soll die Angeklagte ihre verbalen Verunglimpfungen fortgesetzt haben, wobei „blöde Kuh“ noch zu den harmlosen zählte. „Sie hat ein sehr intensives Organ, was die Stimme angeht“, erinnerte sich der männliche Polizist.

Die 49-Jährige selbst will erst in der Zelle mit den Beschimpfungen begonnen haben, und zwar keineswegs grundlos. Sie habe trotz Blasenentzündung ihre Leggins ausziehen und abgeben müssen. Die Möglichkeit, auf die Toilette zu gehen, sei ihr verwehrt worden. Sie habe deshalb in die Ecke der Zelle urinieren müssen. „Wissen Sie eigentlich, wie erniedrigend das ist?“, hielt die Angeklagte der Richterin vor. Außerdem hätten die Polizisten ihr das Asthma-Spray nicht gegeben, auf das sie dringend angewiesen sei. 

Die Vorwürfe wiesen die beiden angeschuldigten Zeugen entschieden zurück. Das Spray habe die 49-Jährige sehr wohl bekommen. Ebenso die Möglichkeit zum Toilettengang, ohne diese allerdings zu nutzen. „Sie hat zwei bis drei Stunden lang im Fünf-Minuten-Takt geklingelt“, entsann sich die Polizistin. Das Einbehalten der Leggins bestätigte sie – aus nachvollziehbarem Grund: „Das ist ein Gegenstand, mit dem sich jemand, der das will, strangulieren kann.“

„Dann wandern Sie in den Knast“

Unklar blieb aus Sicht von Staatsanwalt und Richterin, ob die Drohung, die beiden Hunde auf die Polizisten zu hetzen, beim Versuch, die Personalien der Angeklagten aufzunehmen, gefallen war, oder in einem anderen Zusammenhang. Das Gericht wertete die Tat daher nicht im Sinne des ursprünglich erhobenen Vorwurfs als Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, sondern als Nötigung.

Der Mann der Angeklagten wurde ebenfalls gehört. Seine recht lückenhafte Aussage entlastete seine Frau aber nicht großartig. Das Paar wohnt inzwischen nicht mehr in Dünsen. Auf die Frage der Richterin, ob die 49-Jährige häufiger Alkohol trinke, erwiderte die Frau: „Ich habe ein Alkoholproblem.“

In ihrem Schlusswort beschuldigte die ehemalige Dünsenerin die beiden Polizisten durch die Blume, die Unwahrheit gesagt zu haben: „Eine Krähe hackt der anderen eben kein Auge aus.“ Die Richterin redete ihr ins Gewissen: „Vielleicht denken Sie mal darüber nach, wie Sie sich selbst verhalten haben.“

Nach der Verkündung des Urteils fragte die 49-Jährige als Reaktion auf die Geldstrafe: „Und was, wenn ich kein Geld habe?“ Darauf der Staatsanwalt kurz, aber unmissverständlich: „Dann wandern Sie in den Knast!“

Rubriklistenbild: © dpa

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