Luftangriff vor 77 Jahren auf Harpstedt: Durchhalteparolen in der Presse

Der Anfang des „Totalen Kriegs“

Ein Auszug aus dem „Bericht“ der Syker Zeitung.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. 35 Minuten währte die Todesangst. Nach dem schweren Luftangriff, den Harpstedt heute vor 77 Jahren im Zweiten Weltkrieg erlebte, lagen 26 Wohnhäuser – und viele Nebengebäude – in Schutt und Asche; 38 konnten aufgrund der Schäden größtenteils nicht mehr bewohnt werden. 46 Familien, darunter 51 Kinder, waren urplötzlich obdachlos. Gleichwohl hätte es weit schlimmer kommen können: Die Luftminen, Spreng- und Brandbomben löschten nämlich „nur“ ein Menschenleben aus: Hermann Horst, wohnhaft am Papagoyenbrink, kam zu Tode.

Dass der Luftangriff eigentlich Bremen gelten sollte, ist nach Einschätzung des früheren – mittlerweile verstorbenen – Archivpflegers Dirk Heile „reine Spekulation“. Während er das Geschehen mit zeitlicher Distanz sachlich schilderte, trieften aus zeitgenössischen Berichten der in der NS-Diktatur gleichgeschalteten Presse Blut- und Boden-Ideologie der Nationalsozialisten und ein offenkundig unerschütterlicher Glaube an den „Endsieg“.

Die Syker Zeitung machte da keine Ausnahme. „In der letzten Nacht, in der dichte Nebelschwaden fast bis zur Erde hingen und die Sicht vollkommen unmöglich machten (...), haben britische Bombenflugzeuge wieder einmal einen Terrorangriff gegen unsere Heimat unternommen und friedliche Wohnstätten der Bevölkerung mit schwersten Sprengbomben und Brandbomben belegt. Der Zivilbevölkerung, gegen die dieser sinnlose Terrorangriff ohne jeden militärischen Wert gerichtet war, sind große Schäden an ihrem Eigentum zugefügt worden.“ Diese Art des britischen Luftkrieges sei, so heißt es weiter, „uns nicht unbekannt“; wo „irgendwo, fern von militärischen Zielen, Häuser vermutet würden, einsame Dörfer, kleine Landstädte, friedliche Bauernhöfe“, werfe „der Feind seine Bomben ab“.

Die Menschen hätten „eine böse Nacht“ erlebt und seien nicht „das erste Mal auf eine Nervenprobe gestellt“ worden, räumt der Autor ein, um dann die ersten Durchhalteparolen folgen zu lassen: „Aber inmitten der Gefahr zeigten diese Menschen (...) eine mustergültige Haltung, bewiesen ihren Willen zur Abwehr und zum Durchhalten und brachten jene seelische Widerstandskraft auf, an der bisher der britische Terror scheiterte und auch in Zukunft scheitern wird.“ Die Bevölkerung „unseres ganzen Kreises“ nehme Anteil an dem „Unglück, das unsere Brüdern und Schwestern traf“. Auch die Behauptung, die Einwohner betrachteten es „als Trost“, nur ein Menschenleben beklagen zu müssen, wird weder belegt noch mit Zitaten gestützt.

Ganz im Sinne der Reichspropaganda

Im weiteren Verlauf des „Berichts“ ist davon die Rede, dass „die unmittelbare Bedrohung von Gut und Blut, wie wir sie in unserer luftgefährdeten Heimat kennen“, Millionen Deutschen „weiter im Hinterland unbekannt“ sei. Geradezu entlarvend: die indirekte Bezugnahme auf die nur wenige Tage zuvor, am 18. Februar 1943, im Berliner Sportpalast gestellte rhetorische Frage „Wollt ihr den Totalen Krieg?“, mit der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels nichts anderes als Kampfesbereitschaft bis zum (bitteren) Ende einforderte. „Gerade jetzt, wo der Krieg ins entscheidende Stadium tritt, alle Kräfte der Nation sich zu einer ungeheuren Macht zusammenballen, mit der wir die Entscheidung und den Sieg erzwingen werden (...), kommt es darauf an, dass unsere Moral ungebrochen ist und bleibt, dass wir in volksgemeinschaftlicher Verbundenheit, zäh und verbissen, allen Gewalten des Feindes zum Trutz durchhalten“, stand in Fettbuchstaben – ganz in Goebbels’ Sinne und ohne einen Hauch von kritischer Distanz – in der Syker Zeitung zu lesen. Sogar die heute wie Hohn klingende Floskel „Was uns nicht umwirft, macht uns nur noch härter!“ kommt darin vor.

Mit der Wahrheit hatte das alles nichts zu tun. Die offenbarte sich in der letzten Kriegsphase, spätestens in der „Stunde Null“. Ein solches Erlebnis wie der Luftangriff auf Harpstedt „prägt fürs ganze Leben“ und zeige, dass „Krieg immer auf dem Rücken des kleinen Mannes ausgetragen“ werde, weiß Zeitzeuge Hermann Bokelmann.

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