Andrea Rydin Berge verzaubert mit betörender Stimme und eigenen Songs

Große Emotionen in musikalischen Kleinoden

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Die der Zither ähnelnde Autoharp hat die Norwegerin Andrea Rydin Berge auf einem Songwriting-Festival in England entdeckt. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt sie.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Ein älterer Mann ist bettlägrig, hat jegliche Mobilität eingebüßt. Wenn er die Pflegerinnen mit einem Wunsch behelligt, dann nicht, weil er Durst oder Hunger verspürt. „Schalt doch für mich das Radio ein!“, lautet seine wiederkehrende Bitte. Andrea Rydin Berge hat dem Herrn, den sie kennenlernte, als sie in einem Seniorenheim arbeitete, ihren Song „Lovely lady, dance with me“ gewidmet. Die Norwegerin hebt sich dieses Kleinod bis zum Ende ihres Konzerts im „Liberty‘s“ in Harpstedt auf – als Zugabe. Die anrührende Ballade, bei der die Sängerin stimmlich fast in die Nähe eines Musical-Stars rückt, krönt einen balladesken Abend der leisen Töne voller großer Emotionen.

„Wir warten noch auf den Rest von Harpstedt“, flachst eingangs Regina Mudrich, die im März an selber Stelle auf der Violine den Blues-Musiker Dave Peabody innerhalb der Reihe „Kultur am Donnerstag“ begleitet hatte. Andrea Rydin Berge, kurz „Rydin“, muss es bei ihrer Harpstedt-Premiere notgedrungen mit König Fußball aufnehmen. Der zeitgleich laufende DFB-Pokal-Krimi zwischen den Bayern und Borussia Dortmund dürfte sie einige potenzielle Zuhörer gekostet haben. Immerhin lauschen ihr etwa 25 Zuhörer, während im Hintergrund ohne Ton das Halbfinale über die Mattscheibe flimmert.

Getragene Piano-Klänge vermischen sich mit laszivem Gesang – der „Opener“ hätte auch in ein verruchtes Etablissement mit spärlicher Beleuchtung nach Mitternacht gepasst, wären da nicht verstörende Akkorde und die Harmonie durchbrechende Tempiwechsel, die der Nummer im Barjazz-Stil einen Hauch von Avantgarde verleihen. „Ich heiße Rydin, komme aus Norwegen, aus Oslo, aber heute wohne ich in Berlin“, stellt sich die Singer-Songwriterin sodann in makellosem Deutsch vor, um danach ins ihr vertrautere Englisch zu wechseln: „Tonight I will play my own songs.“ Und darin, in ihren eigenen Stücken, vermischen sich Jazz und Pop. Das verträumte „Lean on your love“ etwa klingt im Vergleich mit dem Eröffnungsstück total eingängig und hat offenbar sogar „Honig“ aus Folk und Country gesogen. In dem von Blues und Jazz inspirierten „This is not a love song“ grenzt sich Andrea Rydin Berge betont, aber letztlich vergebens von Liebesliedern ab, wie die wiederkehrende Textzeile „I just wanna be with you“ verrät. Träume, für die nicht die Zeit bleibt, sie sich zu erfüllen, macht sie in ihren Texten ebenso zum Thema wie ihre Heimatstadt Oslo. Stimmlich-musikalisch bewegt sich die Norwegerin, die unlängst beim „Jazzahead!“-Festival mitmischte, irgendwo im weiten Feld zwischen Kate Bush und Katie Melua. Eine passende „Schublade“ zu finden, will einfach nicht gelingen.

Im Small-Talk während der Konzertpause nennt die 31-Jährige keine konkreten Künstler, die sie musikalisch inspiriert haben. Ihr Anliegen sei es, Emotionen und Geschichten zu transportieren, in denen sich der Zuhörer wiedererkenne, verrät sie stattdessen. Beim Schreiben eigener Songs lasse sie sich stark von Stimmungen leiten, die teils auch jahreszeitlich bedingten Schwankungen unterlägen. Die Autoharp, ein der Zither ähnelndes Musikinstrument, das sie in ihren Solo-Programmen neben dem E-Piano zur instrumentalen Begleitung ihres Gesangs einsetzt, habe sie in England auf einem Songwriting-Festival entdeckt. Es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen – und zugleich eine gute Chance, sich von anderen Singer-Songwritern abzugrenzen, die ja zumeist Gitarre spielten.

Das Harpstedter Publikum erlebt einen zum Träumen einladenden Abend sowie eine sympathische musikalische Grenzgängerin mit Charme und betörend schöner Stimme. Für Zuhörerin Elke Schlesinger hat das Konzert am Ende sogar einen Mehrwert. Sie gewinnt in einer Verlosung eine CD, die „Rydin“ mit ihrem (Saxofon-Bass)-„Kvintett“ eingespielt hat. Darauf finden sich mehrere Titel aus dem Harpstedter Konzert wieder – allerdings komplett anders arrangiert.

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