„Stein im Fundament des vereinten Europas“

Hermann Bokelmann blickt auf die Anfänge der Partnerschaft mit Loué zurück

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Seit rund einem halben Jahrhundert besteht die deutsch-französische Partnerschaft zwischen Harpstedt und Loué, oben links mit einer Montage der beiden Wappen symbolisiert. Seit den Anfängen hat unsere Zeitung die vor allem von Vereinen, Gruppen und den Feuerwehren getragene Freundschaft fortlaufend begleitet. Auch neue Kontakte kamen immer mal wieder zustande – etwa zwischen Boulern (unten rechts). Anlässlich des 45. Partnerschaftsgeburtstages „entführten“ die Louéser ihre Gäste unter anderem in einen imposanten Technikpark (links, Mitte). Die 50-Jahr-Feier organisieren die Harpstedter. Sie wird 2019 im Flecken begangen.

Harpstedt/loué - Die Erinnerung an den vor 55 Jahren, am 22. Januar 1963, von Bundeskanzler Konrad Adenauer und Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle geschlossenen Kontrakt über die deutsch-französische Zusammenarbeit lebt dieser Tage auf; der Élysée-Vertrag besiegelte die Partnerschaft zwischen zwei Ländern, die sich im Laufe der Geschichte wiederholt unerbittlich bekämpft hatten. 

Durchaus erstaunlich: Nur fünf Jahre später, 1968, bereitete der Flecken Harpstedt eine Partnerschaft mit der französischen Kleinstadt Loué vor. Die hat 2019 seit 50 Jahren Bestand. Das Jubiläum wird in Harpstedt gefeiert.

Wie es dazu kam? Der frühere Fleckenbürgermeister Hermann Bokelmann erinnert sich: „Zwischen Niedersachsen und der Normandie gab es die ersten Begegnungen bereits 1958. Als 1959 eine Jugendgruppe aus unserem damaligen Landkreis Grafschaft Hoya in der Normandie deutsche Kriegsgräber pflegte, reichte der Franzose Henri Marreau aus Le Mans dem deutschen Kreisjugendpfleger Wolfgang Harjes aus Syke die Hand zur Versöhnung. 

Hermann Bokelmann

Wenige Jahre danach kamen französische Tanz- und Musikgruppen in den Landkreis. 1965 folgte die Gründung des Förderkreises für das Deutsch-Französische Jugendwerk – mit der Wahl des Harpstedters Walter Voigt zum Vorsitzenden. In Le Mans war Henri Marreau im französischen Komitee. Er teilte Voigt Ende 1967 mit, die Kleinstadt Loué bei Le Mans suche Kontakt mit einer deutschen Gemeinde.“

Das Signal aus Frankreich traf in Harpstedt nicht auf taube Ohren, sondern auf offene Herzen. „Wir, die wir die Grauen des Krieges miterlebt hatten, wollten mithelfen bei der Gestaltung eines friedlichen und geeinten Europas“, bekräftigt Bokelmann. Er entdeckte jüngst das Sitzungsprotokoll des Planungs- und des Verwaltungsausschusses vom 14. Dezember 1967. Darin heißt es, einer Partnerschaft mit Loué bei Le Mans (2.800 Einwohner) hätten alle Anwesenden grundsätzlich zugestimmt. 

Vom 15. Januar 1968 datiert ein Protokoll über Beratungen derselben Ausschüsse. Unter dem sechsten Tagesordnungspunkt ging es um den Jugendaustausch und eine etwaige spätere Partnerschaft mit Loué. Es gab ein konkretes Ergebnis: Ein Antrag des Deutsch-Französischen Jugendwerks auf Gewährung von Zuschüssen zu einem Jugendaustausch mit Loué fand Zustimmung. Die Gemeinde trug dazu 800 DM bei. Das entsprach zehn Prozent der Kosten.

„Freundschaftliche Geste für einen vertrauensvollen Beginn“

Am 21. Februar 1968 luden Walter Voigt und Bürgermeister Bokelmann Vertreter von Schule, Feuerwehr, Landjugend und Harpstedter Turnerbund (HTB) zu einem Gespräch ein. Daraus resultierte der Beschluss, in den Osterferien eine Delegation zwecks Kontaktaufnahme nach Loué reisen zu lassen.

„Heute ist das vereinte Europa eine Selbstverständlichkeit. Ohne Grenzkontrollen und Geldwechsel sind die 1.000 Kilometer Autobahn zwischen Harpstedt und Loué in einer Nacht zu schaffen“, weiß Bokelmann. 1968, auf der ersten Fahrt, habe die Delegation für die Hin- und Rückreise jeweils zwei Tage benötigt: „Die A1 begann erst kurz vor Münster und endete in Aachen. In Belgien und Frankreich gab es noch keine Autobahnen. Zollkontrolle und Passpflicht waren selbstverständlich.“ Der Empfang in Loué sei umso herzlicher gewesen: „Als unsere Gruppe 1968 in Loué noch etwas zögernd zum Rathaus ging, kam uns Bürgermeister Dr. Jean Maisonneuve mit ausgestreckter Hand entgegen. Ich werde diese freundschaftliche Geste für einen vertrauensvollen Beginn nie vergessen“, sagt Bokelmann. 

Begegnungen zwischen Vereinen und Bürgern

Bei den ersten Gesprächen sei vereinbart worden: „Wir wollen keinen subventionierten Hoteltourismus zwischen den offiziellen Vertretern unserer Gemeinden, sondern Begegnungen zwischen Vereinen und Bürgern – und zwar in den Familien. Wir wollen die Jugend unserer Gemeinden einander näher bringen, damit sich die Katastrophen der Weltkriege nie wiederholen.“

Bezeichnend für die Sehnsucht nach Frieden seien, so Bokelmann, die Worte des späteren Bürgermeisters Gustave Niesseron gewesen: „Wir wollen, dass frühere Kriegsteilnehmer den letzten Kampf gemeinsam gewinnen – den Kampf um den Frieden.“

Bokelmanns Fazit: „Unsere Völker haben den Frieden gewonnen. 1989 fielen in Europa Mauer und Stacheldraht. Wir leben in einem vereinten und friedlichen Europa. Die Partnerschaft zwischen Harpstedt und Loué ist und bleibt ein kleiner Stein im Fundament des vereinten Europas, das wir uns nicht von ewig Gestrigen zerstören lassen.“

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