Ein Jubiläum, das Heimatgeschichte schrieb

Als Harpstedt noch groß feiern durfte

Honoratioren des Fleckens Harpstedt beteiligten sich natürlich am historischen Festumzug. Wer genau hinschaut, wird viele alte Bekannte erkennen, von denen einige inzwischen verstorben sind. Rechts das Offizierskorps der Bürgerschützen.
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Honoratioren des Fleckens Harpstedt beteiligten sich natürlich am historischen Festumzug. Wer genau hinschaut, wird viele alte Bekannte erkennen, von denen einige inzwischen verstorben sind. Rechts das Offizierskorps der Bürgerschützen.

Harpstedt – Mit Wehmut erinnert sich vielleicht mancher Harpstedter an 1996, als der Flecken „600 Jahre Weichbildrecht“ ganz groß feierte. Von einer 625-Jahr-Feier ist heute, ein Vierteljahrhundert später, nicht mal die Rede. Sie käme ja höchstwahrscheinlich pandemiebedingt eh nicht zustande.

Was bleibt? Zumindest die Erinnerung an ein Fest, das selbst Heimatgeschichte geschrieben hat. Eine Woche lang währte das Jubiläum 1996 – vom 1. bis zum 8. September. Das Koems-Gelände mobilisierte mit einem mittelalterlich angehauchten Handwerkermarkt unter Mitwirkung der „Fogelvreien“ an zwei Tagen rekordverdächtig viele Besucher. Ob sich dort 10 000, 15 000 oder noch mehr Leute tummelten, weiß niemand so ganz genau. Auf der Ortsdurchfahrt in Ost-West-Richtung kam der Verkehr wegen des gewaltigen Besucheransturms über Stunden nur im Schneckentempo voran.

Salto auf fahrendem Trampolin

Als weiterer Publikumsmagnet entpuppte sich ein historischer Umzug mit geschmückten Wagen, Fußgruppen und kostümierten Honoratioren, der sich durch die Straßen des Fleckens schlängelte. Unvergessen: die HTB-Männerturngruppe von Detlef Dräger. Die Mitstreiter schlugen in Turnklamotten wie zu Turnvater Jahns Zeiten Salti – sozusagen auf einem fahrenden Trampolin.

Hobbyfilmer Alfred Windhusen hielt Fest-Highlights in bewegten Bildern fest. Heute, im digitalen Zeitalter, ist der Film auf Youtube zu sehen. Mit dem früheren Bremer Bürgermeister Henning Scherf verpflichtete der Flecken einen glänzenden Festredner. Den Druck der Jubiläumsschrift „Harpstedt feiert Geburtstag“, die unter anderem den Originalwortlaut der Weichbildurkunde von 1396 enthielt, ließ sich der Flecken rund 6 000 DM kosten. Das Verteilen an die Haushalte übernahm ein Arbeitskreis.

Dirk Heile, damals Samtgemeindearchivpfleger, veröffentlichte einen Aufsatz zur Bedeutung des 1396 vom Hoyaer Grafen Otto III. und seinem mitregierenden Sohn Gerhard verliehenen Weichbildrechts an Harpstedt. Darin streifte er auch den Alltag der Menschen vor 600 Jahren.

Eingeschränktes Stadtrecht

Die von langer Hand vorbereitete Festwoche schlug einen Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart. Auf dem Koems-Gelände gab es eine historische Ausstellung mit Fotos, Zeitungsausschnitten, alten Haus- und Landwirtschaftsexponaten. Für die Senioren organisierte das Rote Kreuz einen kurzweiligen Nachmittag. Dank Unterstützung der Volksbank bekam die Jugend mit der NDR 2-„Disco on tour“ ebenfalls etwas geboten. Am Umzug beteiligten sich rund 30 Vereine. Die Gestaltung eines ökumenischen Festgottesdienstes lag federführend in den Händen von Pastor Werner Richter. Der offizielle Festakt fand in der Christuskirche einen würdigen Rahmen. Dabei verriet Henning Scherf auch, dass sich hinter dem Weichbildrecht ein eingeschränktes Bremer Stadtrecht verbirgt. Zu den wesentlichen Bestandteilen zählte die zugestandene Freizügigkeit. „Wollte aber ihrer jemand wegziehen und allda nicht bleiben, das mag er tun ohne unserer Erben und unserer Vögte Hadern und Verwehrung, und mag sein Heim, Gebäu und Hof lassen, wem er will“ – so liest sich ein Auszug der Weichbildurkunde bei Robert Grimsehl.

Dirk Heiles verfasstem Aufsatz zufolge waren die Harpstedter auch noch im Spätmittelalter lange unfrei – und gebunden „an die Scholle“, die sie ohne Erlaubnis ihres Grund- oder Leibherrn nicht verlassen durften (dessen Einvernehmen bedurfte es sogar zum Heiraten). Obgleich Harpstedt schon vor 1396 eine bedeutende Ansiedlung gewesen sein müsse, „waren die Einwohner ,eigene Leute’ der Grafen von Hoya.“

Heile weiter: „Von den wenigen ,freien Höfen’ abgesehen, konnte niemand seinen Hof oder Teile davon veräußern; er gehörte ja nicht ihm selbst. Trat ein junger Bauer an die Stelle seines Vaters, so musste er eine Abgabe (...) an den Herrn entrichten. Das alles hatte zur Folge, dass viele Landbewohner ihren fürstlichen und adligen Herren davonliefen und in den aufstrebenden Städten ihr Fortkommen suchten und fanden. Aus dem Raum Harpstedt nahm Bremen viele Zuwanderer auf. Wer dort ein Jahr und einen Tag unbescholten gelebt hatte, wurde als Bürger angenommen und war damit frei. Das heißt: Er konnte in der Stadt Haus- und Grundbesitz erwerben und darüber nach Belieben verfügen; auch durfte er im Rahmen der damaligen Gilde- und Zunftordnungen ein Handwerk oder Geschäft betreiben.“

Was ist überhaupt ein Weichbild?

Und was genau ist nun ein „Weichbild“? Der Begriff steht etwa für das Erscheinungsbild eines urbanen Raumes oder Ortes, aber auch für die Ausdehnung eines bewohnten Gebietes. Für Harpstedt ist die Weichbildrechtsverleihung die Geburtsstunde als Flecken (als „Minderstadt“) gewesen.

Relikte des Jubiläums von 1996 finden sich noch immer in der Gemeinde: Die Bilderscheune auf dem Koems-Gelände, deren „Innenleben“ der Flecken dem früheren Rektor Günter Knappmeier verdankt, gehört dazu.

Hatten die Lacher auf ihrer Seite: die Mitstreiter der HTB-Männerturngruppe.
Die Weichbildurkunde von 1396: Das Bild zeigt aber nicht das wertvolle Original, sondern eine Kopie.

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