Allzu Menschliches kleidet sie in Verse

Sandra Otte bereitet ihrem Publikum im „Liberty’s“ einen sehr erheiternden Abend

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Beobachtet genau, textet pointiert: Sandra Otte.

Harpstedt - Der Fremde, der sich im Flieger an deine Seite setzt, textet dich den ganzen Flug über zu mit Dingen, die du nicht wissen willst. Leute aus deinem Dunstkreis stören dein Bedürfnis nach Ruhe auf dem Sofa und reden dir ein, du hättest weit Besseres vor als zu entspannen. Du triffst einen Bekannten, dessen Namen dir partout nicht einfällt, aber irgendwann ist derart viel Zeit verstrichen, dass du dich mit der Frage „Wer bist du eigentlich?“ nur noch bis auf die Knochen blamieren kannst...

Wem in Situationen wie diesen ein „Boah“ über die Lippen kommt, der bringt damit keineswegs Staunen zum Ausdruck, sondern vielmehr das Gefühl: „Mir platzt gleich der Kragen!“ Das erklärt, warum Sandra Otte, Physiotherapeutin aus Hölingen, die solche Szenen in Liedtexte packt, hinter ihrem Album „Boah“ ein dickes Ausrufezeichen im Titel gesetzt hat. Im „Liberty’s“ in Harpstedt stellt sie während eines gut besuchten „Kultur am Donnerstag“-Hutkonzerts Kostproben daraus sowie weitere Songs aus eigener Feder vor, und zwar ausschließlich deutschsprachige.

Die Gitarrenbegleitung, mal beschwingt, mal balladesk im Dreivierteltakt, rückt eher in den Hintergrund. Die Liedermacherin aus Leidenschaft punktet vielmehr mit Charme, warmer Stimme und wahrhaft aus dem Leben gegriffenen Geschichten. Mal besingt sie einen sinnfreien, nur aus Floskeln und Sprüchen bestehenden Dialog von Männern im Baumarkt („Es ist, wie es ist“), mal „das Straßencafé“ als „Loge“ für Leute, die gern Passanten in der Öffentlichkeit beobachten.

Durchaus altersgemischt: das Publikum im „Liberty's“ in Harpstedt.

Dann wieder nimmt sie sich das „Kollegenschwein“ vor, das auf der Arbeit nichts leistet, sich von einer Pause in die nächste rettet, selbst wenn die redensartliche Hütte brennt, und trotz aller Faulheit bei der Chefetage einen Stein im Brett hat. Ihr neuester Song passt ebenfalls in die Rubrik „Typen, die die Welt nicht braucht“. Sandra Otte rechnet darin mit dem ewigen Besserwisser ab - einem wahren „Klugscheißer vor dem Herrn“. Passend dazu reimt sie: „Recht haben haste gern.“

Die Zuhörer hängen der Songschreiberin an den Lippen, während über ihre eigenen Münder immer wieder ein Schmunzeln huscht. Vieles, was Otte singt, hat wohl nahezu jeder so oder so ähnlich schon mal erlebt. Die Hölingerin beteuert derweil: Manches, was sie in der Ich-Form schildere, sei komplett ausgedacht.

„Boah!“, der Titelsong ihres Albums, geht mit einem Lebensabschnittsgefährten ins Gericht, der einfach nichts zu Ende bringt, was er anpackt, und seine Partnerin mit seinem „In der Ruhe liegt die Kraft“-Gesülze auf die Palme bringt. Selbstironie schwingt in diesem Stück gleichwohl mit. Sogar noch mehr davon gibt’s in „Entscheidungskraft“, einer Persiflage des genauen Gegenteils, nämlich der weiblichen Unentschlossenheit: „Ich weiß nicht, was ich will. Will ich denn wissen, was ich will? Vielleicht will ich gar nicht wissen, dass ich weiß, was ich will. Zu wissen, was ich will - ist es das, was ich will? Oder will ich’s gar nicht wissen? Ach, wer weiß schon, was er will?“ Wie lange Sandra Otte für das Einstudieren dieses Refrains gebraucht hat, behält die ansonsten recht mitteilsame Musikerin für sich.

„Für dich“, der Titel, der es 2018 sogar auf die „Liederbestenliste“ geschafft hat, widmet sich indes dem Wechselbad der Gefühle nach gescheiterter Beziehung, einem Mix aus Liebeskummer, Traurigkeit und Wut - sowie Rachegelüsten, die sich erfahrungsgemäß noch verstärken, sobald der Ex „eine Neue“ hat.

Mit einem anderen Song führt die Hölingerin ihr Publikum bewusst aufs Glatteis. Es scheint, als gehe es mal wieder um einen Typen. Tatsächlich kommt das Lied dann aber als Beschimpfung der „scheiß Schule“ daher, die, so das versöhnliche Fazit aus genügend zeitlicher Distanz, eigentlich doch gar nicht so schlecht gewesen sei. Einen nachdenklichen Blick auf lustloses Nebeneinander in der Beziehung wirft „Stillstand“. Dann wieder begibt sich Otte textlich auf die „Think positive“-Schiene.

„Es ist so schön, dass es euch gibt“, singt am Ende das ganze Lokal. Schön und allemal erheiternd, da sind sich zumindest fast alle Zuhörer einig, ist dieser Abend wirklich gewesen.  

boh

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