Aktion „Marius will leben“: 959 Menschen lassen sich typisieren / In kürzester Zeit Großes auf die Beine gestellt

Welle der Solidarität geht durch Harpstedt

+
Zahlreiche freiwillige Helfer stellten sich in den Dienst der guten Sache, so auch Arzthelferin Conny Deida (r.).

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. „Hast du dich typisieren lassen?“ Wer diese Frage heute Nachmittag auf dem Harpstedter Schulsportplatz zu stellen wagte, bekam zumeist ein mitunter fast schon nach Entrüstung klingendes „Selbstverständlich“ zur Antwort. Am Ende des Tages waren es sage und schreibe 959 Menschen, die sich jeweils fünf Milliliter Blut entnehmen ließen, um in die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) aufgenommen zu werden – in der Hoffnung, vielleicht der genetische Zwilling zu sein, von dem der leukämiekranke Marius Kossmann aus Harpstedt dringend Stammzellen benötigt.

Der 19-Jährige, der momentan eine Chemotherapie bekommt, durfte zu seinem Bedauern nicht dabei sein, um sich selbst ein Bild von der großen Anteilnahme an seiner Krankheit und der Welle überwältigender Hilfsbereitschaft zu machen. „Die Ärzte haben‘s ihm nicht gestattet. Weil seine Abwehrkräfte geschwächt sind, kann er nicht unter so viele Leute gehen. Aber ich werde ihm natürlich davon berichten, was hier los war“, sicherte sein Vater Manfred Kossmann zu.

Wirklich Großes hatten Marc Wulferding und die Fußballabteilung des Harpstedter Turnerbundes (HTB) in knapp zwei Wochen mit Unterstützung zahlreicher ehrenamtlicher Aktivposten – auch aus dem SC Dünsen – auf die Beine gestellt. Die Logistik in der Delmeschule lief wie am Schnürchen. An 20 Tischen saßen 40 freiwillige Schreiber, die den notwendigen „Papierkram“ erledigten. Sie nahmen die Personalien der Leute auf, die sich registrieren lassen wollten, und stellten Fragen zu etwaigen (Vor-)Erkrankungen, um festzustellen, ob die notwendigen Voraussetzungen für die Typisierung gegeben waren. An anderer Stelle erbaten Helfer Spenden für die DKMS, denn jede Aufnahme in die Datei verursacht Kosten von etwa 50 Euro. „Für gewöhnlich geben die Leute im Schnitt zwölf Euro“, sprach Annika Schirrmacher aus Erfahrung. Ihr obliegt im DKMS-Büro Berlin die Projektleitung für die Spenderneugewinnung. Ein riesengroßes Lob zollte sie Marc Wulferding und seinen Mitstreitern für die hervorragende Organisation. Dass alles so gut laufe, sei sehr bemerkenswert, zumal diese Typisierungsaktion für Harpstedt eine Premiere gewesen sei. „Ich war vor zehn Tagen hier zum Vorgespräch. Die Eltern von Marius sowie der frühere Trainer und ehemalige Sportkameraden waren dabei. Bei dieser Zusammenkunft haben wir besprochen, wie wir diese Aktion aufziehen, wie wir die Finanzierung sicherstellen, wie viele Spender wohl zu erwarten sind und dergleichen. Es war dann klar, dass wir neben den 40 Schreibern auch 20 Blutabnehmer brauchen würden. Die Organisatoren in Harpstedt haben sich um alles selbst gekümmert“, so Schirrmacher.

Wie viel Geld für die DKMS eingenommen worden ist, lässt sich derzeit nicht abschätzen. Der große Kassensturz steht noch aus. Viele kleine, aber auch einige richtig große Beträge sind in den Spendentopf gewandert, darunter allein 1200 Euro von einem Jahrgang des Berufsgymnasiums in Wildeshausen. Das Benefiz-Rahmenprogramm zur Registrierungsaktion dürfte ebenfalls viel Geld eingebracht haben. Sämtliche Einnahmen sind ohne Abzüge für die Finanzierung der Typisierungen bestimmt – ob nun aus dem Verkauf von Kuchen, Getränken, Bratwurst und Pommes, aus Kinderschminken, Flohmarkt oder dem Absatz der insgesamt 1000 Tombolalose, die rasend schnell weggingen.

Irgendwie schien einfach jeder seinen Beitrag leisten zu wollen. Arzthelferinnen wie Conny Deya und ihre Kolleginnen legten bereitwillig eine unbezahlte Sonntagsschicht ein und nahmen fast im Akkord Blut ab. Geschäftsleute spendeten ohne Murren Tombolapreise. Susanne Alfken und Christopher Hermanns vom Alfken-Hof priesen Schälchen mit Heidelbeeren, Kirschen und Erdbeeren im Interesse der guten Sache an. Fußballnachwuchs aus der Spielgemeinschaft Dünsen-Harpstedt-Ippener (SG DHI) hatte zu Hause Schränke geplündert, um schöne Sachen für den Benefizflohmarkt zusammenzutragen, darunter Trikots, Trainingsanzüge und viele andere Artikel rund um den Fußball. Das Studio „Photogen“ brachte seine „Selfie-Box“ mit; gegen eine Spende für die DKMS konnte sich jedermann – originell verkleidet – ablichten lassen. Eine weitere Spendendose stand bei einer Ballgeschwindigkeitsmessanlage, die gegen einen Obolus den individuellen „Bumms“ bei Probeschüssen aufs Tor in Stundenkilometern anzeigte.

Kleine Besucher amüsierten sich beim Fußballminigolf oder -billard; größere fanden Gefallen daran, sich auf der Menschenkicker-Anlage just for fun zu messen. Diese Attraktionen waren ebenso kostenfrei wie das Zuschauen bei einem Benefizfußballspiel zwischen einer Auswahl der I./II. Herren des HTB und einem Team aus Marius Kossmanns ehemaligen Mannschaftskollegen (Endergebnis: 6:4), trugen aber dazu bei, die Verweildauer auf dem Sportplatz zu erhöhen; das wiederum dürfte in der Konsequenz mehr Verzehr und damit mehr Einnahmen an den Verzehrständen zur Folge gehabt haben.

In einer Versteigerung kamen ein Schalke- und ein St. Pauli-Trikot sowie ein Werder-Ball, jeweils von Spielern signiert, unter den Hammer (mehr dazu in unserer morgigen Ausgabe). Eine zweite Gewinnchance gab es am Abend für alle Tombolaloskäufer bei der Ziehung der Hauptpreise. Unter den Gewinnen fanden sich etwa ein Berg-Kettcar sowie ein Werder-Trikot und ein -Schal mit Unterschriften.

Gerührt von der Welle der Anteilnahme zeigte sich Marc Wulferding, was er in zwei Worten auf den Punkt brachte: „Hut ab!“ Auch für Fußballer aus anderen Vereinen, etwa Döhlen und Kleinenkneten, war es Ehrensache gewesen, zur Typisierung zu kommen. „Die 2. Herren des VfL Wildeshausen ist wohl fast komplett hier gewesen“, fiel Wulferding auf.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Israel beschränkt erneut Zutritt zum Tempelberg für Muslime

Israel beschränkt erneut Zutritt zum Tempelberg für Muslime

Weltrekord-Versuch im Dauertennis: die ersten 25 Stunden

Weltrekord-Versuch im Dauertennis: die ersten 25 Stunden

S-Bahn-Unfall in Barcelona

S-Bahn-Unfall in Barcelona

So überleben die Balkonpflanzen Ihren Urlaub

So überleben die Balkonpflanzen Ihren Urlaub

Meistgelesene Artikel

Landwirtschaftliche Zugmaschinen stoßen in Bühren zusammen

Landwirtschaftliche Zugmaschinen stoßen in Bühren zusammen

ALS-Patient auf Abschiedstour: Wenn eine Diagnose alles verändert

ALS-Patient auf Abschiedstour: Wenn eine Diagnose alles verändert

Dem Gewächshaus wieder Leben eingehaucht

Dem Gewächshaus wieder Leben eingehaucht

„Genuss am Fluss“ steht „auf drei guten Säulen“

„Genuss am Fluss“ steht „auf drei guten Säulen“

Kommentare