„Zweiter Blickwinkel“ als wertvolle Erfahrung

Acht Monate Freiwilligendienst in Indien liegen hinter Melissa Lindloge

Melissa Lindloge (rechts) lässt sich ein Henna-Tattoo verpassen.

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Große, teils giftige Spinnen flößten ihr gehörigen Respekt ein. Erst recht eine Königskobra, die ihr ausgesprochen nahe kam. Aber dann gab es da eben auch die atemberaubende Landschaft, die freundlichen Menschen, die spannende Arbeit als Freiwilligendienstleistende und das Reisen inklusive Sightseeing.

Im Rückblick auf acht Monate in Südindien weiß Melissa Lindloge gar nicht, wovon sie zuerst erzählen soll.

„Zweiter Blickwinkel auf die Welt“

Die wohl wertvollste Erfahrung sei der hinzugewonnene „zweite Blickwinkel auf die Welt“, resümiert die 18-Jährige. Die Menschen, die sie im Ausland kennengelernt habe, führten ein einfaches, aber keineswegs schlechtes Leben; sie seien arm, gleichwohl zufrieden, oft sogar glücklicher als viele Deutsche und obendrein sehr viel entspannter. „Da hetzt nicht jeder unentwegt von A nach B. Wenn Leute an einem indischen Teestand miteinander ins Gespräch kommen, ist ihnen die Zeit völlig egal“, erzählt die Harpstedterin. „Natürlich gibt es auch Hunger in dem Schwellenland. Ich will nichts verherrlichen. Aber ich finde trotzdem, dass wir Deutsche uns einiges abgucken könnten. Mir ist jedenfalls klar geworden, wie viele unnütze Dinge wir eigentlich besitzen.“

Der Sari steht ihnen gut: Melissa und ihre Teampartnerin Carla (r.) auf dem Weg zu einer Mitarbeiter-Hochzeit.

Was sie in Indien vermisst habe? „Die warme Dusche. Eine Waschmaschine wäre auch schön gewesen“, erwidert Melissa auf diese Frage. Da sie sich in Kattappana im Bundesstaat Kerala ein Zimmer mit ihrer Teampartnerin Carla Kühleis aus Berlin teilen musste, weiß sie jetzt, zwei Wochen nach ihrer Rückkehr in die Heimat, ihr eigenes Reich im Harpstedter Elternhaus besonders zu schätzen.

Schwerpunkt: Öffentlichkeitsarbeit für Vosard

Einmal die Woche unterrichtete sie während ihres Indien-Aufenthaltes mit der gleichaltrigen Carla eine Klasse aus rund 30 Sechst- und Siebtklässlern in der Schule „St. Thomas“ in First Mile nahe Kumily. Unterrichtsschwerpunkt sei angewandtes Englisch („spoken English“) gewesen, aber auch politisch-gesellschaftliche Inhalte seien nicht zu kurz gekommen: „Wir haben, um ein Beispiel zu nennen, mal eine Stunde lang nur über Europa geredet“, erinnert sich Melissa.

Der Schwerpunkt ihres Freiwilligendienstes habe aber darin bestanden, Dokumentations- und Öffentlichkeitsarbeit für Vosard zu leisten; sie und ihre Teampartnerin schauten sich Projekte dieser Non-Profit- und Nichtregierungsorganisation an, befassten sich mit Organisationsstrukturen von Selbsthilfegruppen und fingen an unterschiedlichen Schauplätzen Eindrücke in bewegten Bildern ein.

„Die jungen Leute zieht’s in die Städte“

„Wir haben vier Filme fertig bekommen, die zwischen fünf und zwölf Minuten lang sind; der kürzeste stellt die Organisation Vosard insgesamt vor; die drei anderen widmen sich zwei konkreten Projekten, wobei wir in einem Fall eine englisch- und eine deutschsprachige Version erstellt haben“, erzählt die 18-Jährige. Wertvolle Dienste leisteten ihr dabei die eigene Kamera und ihr PC mit Videobearbeitungsprogramm.

Vosard benötigt die Filme für Marketingzwecke und die Öffentlichkeitsarbeit. Gegenüber Geldgebern wie unter anderem dem Kindermissionswerk soll nicht zuletzt dokumentiert werden, wofür erhaltene Spenden Verwendung finden. Vosard verfolgt das Ziel, „marginalisierte Bevölkerungsgruppen“ in mehrjährigen Projekten zu stärken. Dazu zählen Menschen mit Behinderungen ebenso wie unterdrückte Frauen. Auch Senioren. „In Indien gibt es kaum Altenheime. Für gewöhnlich übernehmen die Kinder die Pflege. Inzwischen wollen aber viele junge Menschen Karriere machen und ziehen in die Städte. Daher vereinsamen auf dem Land viele Alte, und auch die Verarmung ist ein Problem“, weiß Melissa Lindloge. Vosard setze auf Nachhaltigkeit und etabliere Selbsthilfegruppen mit Vorständen und Präsidenten, die klar strukturiert seien, um möglichst reibungslose Informationsflüsse zu gewährleisten. Melissas Büro-Platz befand sich in einem Gebäude in Kattappana, wo sie auch wohnte. „Um 9.30 Uhr war offizieller ,Office’-Beginn. Die meisten Mitarbeiter kamen allerdings erst anderthalb Stunden später. Auch dank der Mittags- und Teepausen empfand ich die Büroarbeit als recht entspannt.“

Biogasanlagen einfachster Bauart

Innerhalb der ersten Monate in Südindien begutachteten die beiden Teampartnerinnen aus Harpstedt und Berlin zwei Tage lang ein Projekt zur nachhaltigen Nutzung landwirtschaftlicher Flächen und zur Gewinnung von Biogas aus Dung. Dabei filmten sie ausgiebig. „Zum Schutz vor Erosion dienen in die Felder eingebaute ,Terrassen’. In Rinnen sammelt sich das Wasser. Kleine Dämme fangen die erodierte Erde auf, die dann wiederum als fruchtbare Erde auf die Flächen aufgebracht werden kann“, erläutert die Harpstedterin.

Im Bundesstaat Kerala sei so ziemlich jeder ein Farmer und besitze neben einem Stück Land „mindestens eine Kuh oder eine Ziege“. Mit dem Dung der Tiere würden Mini-Biogasanlagen einfachster Bauart betrieben. Das Gas diene zum Kochen; die Gärreste kämen als Dünger auf die Felder. Die Anlagen seien vom Prinzip her Dunggruben; durch einen Schlauch werde das Gas direkt ins Haus geleitet. Vosard vergebe auch Kredite an Landwirte, erläutert Melissa. Die Farmer müssten selbst eine Summe vorstrecken. Dann könne die Organisation Geld dazugeben, und die Kreditnehmer bräuchten nur einen Teil zurückzuzahlen.

Ein Dickhäuter als „Tempeldame“

Ein weiterer Film als Ergebnis des geleisteten Freiwilligendienstes widmet sich dem CBR-Projekt zur Unterstützung von Menschen mit Handicap, das auf aktive Inklusion ausgerichtet ist. Das Kürzel steht für „community-based“ (gemeinschaftsbasierte) Rehabilitation.

In inklusiven Selbsthilfegruppen hätten, so berichtet Melissa, alle Mitglieder jeweils einen monatlichen oder wöchentlichen Beitrag zu entrichten. Sie erschüfen sich aus diesem Kapital selbst ein gemeinschaftliches Geldinstitut und könnten Kredite in Anspruch nehmen, die sie „von einer großen Bank niemals bekämen“. Wolle jemand etwa „einen kleinen Laden aufmachen“, könne er sich Geld aus diesem Topf als Starthilfe nehmen und die Summe dann über einen längeren Zeitraum zurückzahlen. Ein weiterer Schwerpunkt des CBR-Projektes sei die Aufklärung. Hintergrund: In Indien würden viele Schwangere nicht darüber informiert, „was gut fürs Kind ist und was nicht“. Oft als Folge von Unwissenheit kämen Babys mit Fehlbildungen zur Welt.

Dichter Verkehr ist nicht ungefährlich

Das Wort Behinderte mag Melissa übrigens gar nicht. Den englischen Begriff „differently abled“, anders Befähigte, findet sie weit passender. In diesem Punkt stimmt ihre Mutter Maike voll zu. Sie und ihr Mann Andreas Rabe waren froh, dass sie ihre Tochter Ende März wohlbehalten wieder in ihre Arme schließen konnten, zumal die Zeit in Indien durchaus einige Tücken in sich barg.

Angst vor sexuellen Übergriffen hat Melissa aber nach eigenem Bekunden nicht gehabt: „Das war gar kein Problem. Da habe ich mich in Bremen in den späten Abendstunden schon mal unwohler gefühlt“, sagt sie. Sie habe in einem südindischen Landstrich mit eher konservativer Bevölkerung gewohnt und gearbeitet. „Männliche Mitarbeiter im Büro haben wir noch nicht einmal auf die Schulter klopfen mögen, weil sie viel zu viel Respekt davor hatten, eine Frau, die nicht ihre eigene ist, auch nur zu berühren.“ Nicht die Männer, sondern der dichte Verkehr in den Städten und die Tierwelt brachten die 18-Jährige mitunter in nicht ganz ungefährliche Situationen. Unvergesslich bleibt jedenfalls die Elefantenkuh, eine „Tempeldame“, die Melissa in einem Tempel um ein Haar überrannt hätte...

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