Melissa Lindloge geht in ein Land, das fasziniert, aber auch abschreckt

Acht Monate als „Brückenbauerin“ in Indien

Sie sitzt, wie auf dem Bild angedeutet, fast schon auf dem gepackten Koffer: Melissa Lindloge freut sich auf acht Monate Freiwilligendienst im südwestlichen Indien. - Foto: Bohlken

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. „Das ist eine Herausforderung, der ich mich stellen will“, sagt Melissa Lindloge. In Kürze avanciert die 18-Jährige, geimpft gegen Typhus, Hepatitis A und B, Tollwut sowie diverse weitere Krankheiten, im übertragenen Sinne zur „Brückenbauerin“: Acht Monate Freiwilligendienst liegen vor ihr, und dafür hat sich die junge Harpstedterin ein Schwellenland ausgesucht, das viele Menschen zugleich fasziniert und abschreckt: Indien.

Am 3. August geht ihr Flieger ab Frankfurt. Der Ankunft in Coimbatore schließt sich ein einwöchiges Vorbereitungsseminar an. Danach lernt Melissa Lindloge Inhalte eines Entwicklungshilfeprojektes kennen, die sie in Fallstudien mit durchaus kritischer Distanz dokumentieren soll. Öffentlichkeitsarbeit zählt zu ihren weiteren Aufgaben.

Ihre Projektpartnerin Carla Kühleis, eine gleichaltrige Berlinerin, hat sie in Seminaren schon kennengelernt. Mit ihr wird sie sich in Kattappana im südwestindischen Bundesstaat Kerala ein Zimmer teilen – in einem Bürogebäude der Nichtregierungsorganisation (NGO) Vosard, das aber erst fertiggestellt werden muss. „Daher sind wir zunächst in Kumily untergebracht und in das dortige Vosard-Projekt einbezogen“, erzählt die Harpstedterin. Über den eigentlichen NGO-Freiwilligendienst hinaus bekommt sie die Möglichkeit, zusammen mit Carla Kühleis einmal wöchentlich Kinder zu betreuen. „Wir lernen beispielsweise Englisch mit ihnen oder spielen Spiele“, erläutert die Harpstedterin. „Wir dürfen keinen Arbeitsplatz ersetzen. Deshalb machen wir gewissermaßen Praktikantenarbeiten.“

Höchstens 15 Kilogramm darf der Koffer wiegen, mit dem die „Freiwillige“ ihre Fernreise antritt – und maximal sieben Kilo das Handgepäck. Ziemlich wenig „Kapazität“ für acht Monate. Landestypisch eingekleidet werden die „Brückenbauer“ aber ohnehin vor Ort. Die Bridge-Kamera, die Melissa Lindloge geschenkt bekommen hat, muss auf jeden Fall mit. „Carla und ich wollen eine 30-minütige Dokumentation über die Projekte drehen, die wir begleiten. Der Film soll auch öffentlich gezeigt werden.“

Der Freiwilligendienst läuft im Rahmen des „weltwärts“-Programms des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Die Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie entsendet Melissa Lindloge zu ihrer Partnerorganisation, der Vosard. Das Kürzel steht für Voluntary Organisation für Social Action and Rural Development. Vosard hilft benachteiligten Bevölkerungsgruppen, leistet Hilfe zur Selbsthilfe. Die Arbeit beruht auf dem Prinzip der Nachhaltigkeit. Beispielsweise entstehen im Rahmen eines landwirtschaftlichen Projektzweigs einfache Biogasanlagen im Mini-Format. „Ein Bauer, der eine Kuh hat, kann damit aus dem Dung Gas gewinnen und es zum Kochen nutzen“, erläutert die Harpstedterin. Ein weiteres Projektziel sei es, der Bodenerosion entgegenzuwirken. Zudem würden Staudämme gebaut, um die Felder besser bewässern zu können. Andere Bestrebungen gingen dahin, das in der Monsunzeit anfallende Regenwasser zu speichern und keimfrei zu halten, um es in trockenen Phasen nutzen zu können.

In der Landwirtschaft liege aber nur einer von mehreren Projektschwerpunkten; ein zweiter betreffe den familiären Bereich: Melissa Lindloge weiß von einer Telefon-Hot-line, die Kinder mit Problemen in ihrem Umfeld anrufen können, um Hilfe zu bekommen. Ebenso existierten Selbsthilfegruppen, in denen Frauen über ihre Rechte aufgeklärt würden. „Laut Gesetz gilt in Indien Gleichberechtigung“, sagt die 18-Jährige. Gleichwohl hat sie natürlich Kenntnis von Regionen, in denen Frauenrechte mit Füßen getreten werden. Das sei aber primär im Landesnorden ein Problem.

Die Karl Kübel Stiftung lege großen Wert darauf, dass sich die Freiwilligen „nicht als Lehrende, sondern als Lernende sehen“. Schließlich kämen sie in ein fremdes Land und müssten sich erst einmal selbst mit den Lebensgewohnheiten und der Kultur vertraut machen. Das sei natürlich ein Lernprozess.

Ihre große Schwester Lara hat Melissa Lindloge zumindest ein Stück weit zu ihrem eigenen Auslandsaufenthalt inspiriert. Die heute 21-Jährige sammelte in Neuseeland für ein halbes Jahr „Work & Travel“-Erfahrungen. „Es war schon spannend zu hören, was sie erlebt hat. Die Probleme, mit denen sie klarkommen musste, etwa bei der Jobsuche, haben mich aber ein bisschen abgeschreckt. Daraus habe ich dann meine Schlüsse gezogen und mir gesagt, dass ein Freiwilligendienst mit einem festen Arbeitsplatz eine gute Sache ist“, schildert die 18-Jährige.

Ihre Eltern sehen den Indien-Aufenthalt mit etwas gemischten Gefühlen. Beruhigend sei für sie aber, „das ich rundum versorgt bin“, so Melissa Lindloge. „Ich habe eine Auslandskrankenversicherung, einen festen Wohnsitz und einen festen Arbeitsplatz. Zudem bekomme ich 100 Euro Taschengeld monatlich. Das reicht für die Gegend dort völlig aus“, weiß die angehende „Freiwillige“.

Fortlaufend wird sie als Bloggerin online schildern, was sie in Indien erlebt. Wenn sie zurück in Harpstedt ist, würde sie obendrein gern an ihrer ehemaligen Wirkungsstätte, dem Gymnasium Wildeshausen, über ihre Freiwilligendienst-Erfahrungen berichten.

http://BBP16-Kattappana.blogspot.de

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