90-Jähriger erinnert sich an das Kriegsende

Helmut Niehaus hatte Glück im Unglück: Die Schutzstaffel (SS) blieb ihm wegen Untauglichkeit erspart. Der heute 90-Jährige schildert, wie er die letzte Kriegsphase erlebt hat – erst als Lehrling auf dem Hof Meier in Horstedt und dann im Volkssturm.

Kirchseelte/Horstedt – Helmut Niehaus, 90 Jahre alt und 1929 geboren, hat einen Brief an unsere Redaktion geschickt, der gut in unsere Serie „Harpstedt in der Stunde Null“ passt. „Ich bin in Horstedt aufgewachsen und habe die Kriegsjahre nicht vergessen“ – so beginnt der Kirchseelter seine Erzählung. Darin schildert Niehaus, was er seit seiner Entlassung aus der Schule bis zum Kriegsende vor 75 Jahren erlebte.

„1944 wurde ich aus der Schule entlassen. 1942 war mein Vater verstorben. Der Ortsgruppenleiter wollte mich ohne mein Wissen in ein Landarbeitslager einweisen. Zu meiner Mutter hat er gesagt, dass eine Frau keinen Sohn erziehen könne.“ Daraufhin sei sie aktiv geworden und habe ihm einen Lehrplatz gesucht, schreibt Niehaus. So sei er zu Bauer Meier nach Horstedt gekommen. Doch lange sollte diese Lehrzeit nicht dauern.

„Alle haben den Antrag unterzeichnet“

„Als ich 15 wurde (Anmerkung der Redaktion: im Juli 1944), hat die Hitlerjugend an vielen Wochenenden über uns verfügt. Zwei Begebenheiten haben mich besonders berührt. Im August wurden wir zu einer Wochenendtagung in die Jugendherberge Syke bestellt. Vor uns auf dem Tisch lagen Freiwilligenformulare für die SS. Wir waren 20 Mann und mehr und wurden auf die Wichtigkeit hingewiesen. Alle haben den Antrag unterzeichnet, aber nicht aus Überzeugung.“ Kurze Zeit später sei er, Niehaus, zur Musterung geladen worden. Dabei habe sich herausgestellt, dass er nicht für die SS tauglich sei. Einem anderen sei es nicht so ergangen; dieser Junge habe Weihnachten nicht mehr erlebt. „Dann war da noch eine Veranstaltung in Syke beim Bahnhof. Etwa 80 HJ"ler waren anwesend. Als erstes wurden wir alle auf der Straße gegen Scharlach und Diphtherie geimpft. Dann mussten wir alle einzeln an SA- und SS-Leuten vorbeimarschieren und wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe musste zu Wessels Hotel, wir hingegen zu Wolters Hotel. Dort warteten schon drei SS-Offiziere und überreichten die Anträge persönlich.“

Mit dem Hinweis, er, Niehaus, sei als untauglich für die Schutzstaffel befunden worden, habe er sich für die Kavallerie beworben, erzählt der Kirchseelter. Seine Ausbildung habe er im Februar 1945 in Bruchhöfen (Bruchhausen-Vilsen) absolviert. Dort habe er keine Waffen zu Gesicht bekommen; Bomben hingegen seien bereits alltäglich gewesen. „Anfang 1945 war fast täglich Fliegeralarm – sowohl am Tag als auch in der Nacht. Fenster mussten verdunkelt werden. Dann flogen Bombengeschwader in großer Höhe über uns hinweg in Richtung Bremen. Wenn der Alarm vorüber war, konnten wir in der Ferne Glut über Bremen sehen.“

Kanonendonner auch in Harpstedt

In dieser Zeit kam Niehaus im Volkssturm zum Einsatz. „Treffen war beim SA-Mann Helmers in Prinzhöfte. Unsere einzige Aufgabe war die Kontrolle, ob die Panzersperre in Stiftenhöfte besetzt war. Anfang April begann abends für zwei Tage der Rückzug der deutschen Wehrmacht – sowohl von motorisierten Einheiten wie auch Pferdegespannen. Man konnte da schon Kanonen donnern hören.“ Am 6. April schließlich sei der Volkssturm aufgelöst worden. Als letzte Aktion hätten eine Panzerfaust, Munition und Gewehre in die Gastwirtschaft Meier nach Horstedt gebracht werden müssen, schreibt Niehaus. „Wir sind daraufhin nach Hause gegangen und dort geblieben.“ In diesen Tagen trafen die Bomben auch seine Verwandten in Harpstedt.

„Am 9. April war ich vorm Haus auf dem Feld. Da sah ich über Harpstedt sechs oder sieben Flugzeuge, die mehrere Bomben ausklinkten. Die lauten Einschläge waren zu hören. Am späten Nachmittag dieses Tages kam Tante Huntemann, die Schwester meiner Mutter, mit Koffern und den drei Kindern bei uns an.“ Ihr Haus gegenüber der alten Post sei so schwer beschädigt gewesen, dass sie dort nicht hätten bleiben können, schildert Niehaus. Die ganze Rückseite des Gebäudes sei offen gewesen. Mit einem Pferdegespann seien er, seine Tante und ein Cousin noch einmal zurückgefahren, um einige Sachen zu holen. „Während der Durchfahrt des Harpstedter Forsts war uns schon mulmig. Noch am selben Tag sind die Engländer in Harpstedt einmarschiert.“

In Horstedt dauerte es etwas länger. Niehaus erinnert sich: „Am 12. April war ich auf dem Hof. Da sah ich in Stiftenhöfte eine Kolonne Panzer in Richtung Klein Henstedt fahren. Als sie bei den Höfen vorbei war, gab es einen lauten Knall. Die Kolonne hielt an und fuhr ohne einen Schuss zurück.“ Abends sei Horstedt, wo noch deutsche Soldaten waren, stark beschossen worden.

Der etwa 800 Meter vor dem Dorf liegende Hof sei nicht getroffen worden, aber der nahe Angriff durchaus zu spüren gewesen: „Die Geschosse gingen hinter dem Haus vorbei.“ Drei Tage später seien die Engländer eingezogen. „In Horstedt hatten sie die Gastwirtschaft, den Saal von Meier und den Hof von Klöcker belegt. Nun habe er auch wieder mit der Arbeit in seinem Lehrbetrieb beginnen müssen, schildert Niehaus. Seinen 16. Geburtstag erlebte er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Von Katia Backhaus

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