Susanne Krebser erläutert Konzept für die Region im Ausschuss für Bau, Umwelt und Planung

1 600 Kilometer Netz zum Radeln in 15 Jahren?

Harpstedt – Ein klassifiziertes Netz für den Alltagsradverkehr mit festgelegten Ausbaustandards, verknüpft mit wichtigen Bushaltestellen und Bahnhöfen, will das vom Kommunalverbund Niedersachsen/Bremen in Auftrag gegebene „Regionale Mobilitätskonzept: Radverkehr“ (RMK:R) erreichen. Dabei handele es sich um ein „Maßnahmenpaket auf Überschriftenebene“, so Geschäftsführerin Susanne Krebser.

Der fertige Gutachterbericht zum RMK:R definiert angestrebte Radverkehrsverbindungen für die Region um Bremen, Oldenburg und Delmenhorst und stuft sie ähnlich wie Straßen nach ihrer Bedeutung ein. Krebser stellte ihn am Montag im Bau-, Umwelt- und Planungsausschuss der Samtgemeinde vor. Ziel sei eine „kommunale Zusammenarbeit zur Stärkung des Radverkehrs“.

Klassifizierung bedeute: Es gebe „Stufen des Netzes“ mit verschieden hoher Bedeutung. Mögliche Radschnellverbindungen sind im Kartenmaterial in Rot dargestellt. „Das sind Strecken mit erwartbar sehr hohem Radverkehr, etwa für Pendler im Umfeld der Oberzentren. Hier kommt es auf eine direkte Streckenführung an. Da sind wir beim Thema E-Bikes und Pedelecs. Wo solche Fahrzeuge mit höheren Geschwindigkeiten unterwegs sind, bedarf es breiterer Wege. Empfohlen wird eine Herstellung in Asphalt. Zu den Qualitätsstandards gehören auch Beleuchtung und regelmäßige Reinigung. Auf diesen schnelleren Verbindungen soll der Radverkehr nicht vor jeder Ampel und an jeder Kreuzung zum Stehen kommen“, sagte Krebser.

In Blau dargestellt seien die Radverkehrsstrecken erster Ordnung – angestrebte „direkte Verbindungen zwischen den Kommunen“. Die sollen genauso sicher ausgestaltet sein wie die Schnellverbindungen und sehen unter anderem die Anbindung großer Unternehmen und Ausbildungsstandorte vor. Die grün markierten Radstrecken bilden laut Krebser das „ergänzende Netz“ von nachrangiger Bedeutung. Daher seien dafür weniger hohe Standards, etwa hinsichtlich der Ausbaubreite, formuliert.

Was Harpstedt angeht, stuft der Gutachter die zentralen Verbindungen in Ost-West- sowie Nord-Süd-Richtung in die Rubrik „erste Ordnung“ ein. Zu den „grünen“ Strecken zählt indes die nach Bassum. Zuhörerin Irene Kolb (Bündnis 90/Die Grünen) störte sich daran. Die Bassumer teilen diese Kritik offenbar. Dort sei, so Krebser, gesagt worden: „Wir wollen unbedingt nach Harpstedt. Dafür brauchen wir eine sichere Verbindung.“ Sicher sollen allerdings auch die Strecken zweiter Ordnung sein.

Krebser empfahl, einen Blick in den online gestellten Gutachterbericht zu werfen. Nicht jede dort definierte Strecke müsse im Übrigen ein Radweg im traditionellen Sinne werden. „Das können auch Fahrradstraßen oder Radfahrspuren auf der Fahrbahn sein. Da gibt es verschiedene Führungsformen.“ Bei den Kreuzungen und Querungen sei mit Blick auf den Flächenverzehr zu beachten, dass dort nicht nur Standardfahrräder unterwegs sind, sondern auch solche mit Kinder-Anhängern oder etwa Lastenfahrräder.

In einem regionalen Netz würden längere Distanzen zurückgelegt – fünf, zehn, vielleicht 15 Kilometer. Regionale Strecken fahrbahr zu machen, setze generell „eine Trennung von Rad- und Fußverkehr“ sowie innerorts auch „richtungstreue Wegeführung“ voraus. Die Konsequenz, so Krebser, werde an Stellen, „wo’s die Verkehrsstärken hergeben“, sein, den Verkehrsraum anders aufzuteilen. Dabei sei zu überlegen: „Was geht denn für die Radler auf der Fahrbahn?“

Das angestrebte Netz sei über 1 600 Kilometer lang. Der Gutachter kalkuliere mit einem Realisierungszeitraum von ungefähr 15 Jahren. Das klingt sportlich. Es gelte, Prioritäten zu setzen, so Krebser. Vorrang müssten Maßnahmen zur Behebung von Problemen in der Funktionsfähigkeit oder Verkehrssicherheit haben. Danach wären Bereiche zu berücksichtigen, „wo die Mindestanforderungen zwar erfüllt, Verbesserungen aber nötig sind“. Zudem gebe es diverse kurzfristig umsetzbare Maßnahmen, etwa Markierungen oder Beschilderungen, sowie solche im Interesse perspektivischer Netzerweiterung. Vor zwei Jahren habe der Gutachter das Netz überprüft („er ist tatsächlich überall mit dem Fahrrad unterwegs gewesen“), weshalb die Zustandsbeschreibung den Stand von 2018 erfasse. Einige Machbarkeitsuntersuchungen, etwa für Radschnellwege (Bremen–Achim und Bremen–Delmenhorst–Ganderkesee) seien schon beauftragt.

Viele definierte Strecken lägen im Zuständigkeitsbereich des Landes. „Wir sind dabei, mit der niedersächsischen Landesstraßenbauverwaltung und der Politik auf Landesebene ins Gespräch zu kommen. Wir werden deutlich machen: Wir haben hier als Region ein gemeinsames Konzept zur Verbesserung des Radverkehrs. Da müssen wir mit euch zusammen ran, damit das was werden kann“, sagte Krebser. Im Übrigen sei die Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr an der Erstellung genauso beteiligt wie der Aufgabenträger für den öffentlichen Nahverkehr und die Kommunalverbundsgemeinden. „Wir müssen möglichst alle Akteure ins Boot holen. Deshalb wäre ein starkes Votum in der Mitgliederversammlung im Dezember wichtig.“

Auf ein Ja aus der Samtgemeinde Harpstedt darf der Kommunalverbund zählen. Einstimmig befürwortete der Fachausschuss eine Beschlussempfehlung, die da lautet: „Der Stimmführer der Samtgemeinde Harpstedt wird gebeten, dem Beschluss zum RMK:R in der Mitgliederversammlung (...) zuzustimmen.“ Heinz-Jürgen Greszik (SPD), der „Stimmführer“, sicherte zu: „Dieser Bitte werde ich nachkommen.“

In der Debatte über das „Regionale Mobilitätskonzept: Radverkehr“ urteilte Hartmut Post (CDU), die Samtgemeinde Harpstedt sei beim Radwegebau „ziemlich vernachlässigt“ worden und komme erst jetzt allmählich zu Radwegen an allen Kreis- und Landesstraßen. In Anspielung auf die Strecke Harpstedt–Ganderkesee über Havekost und Birkenheide fragte er: „Kann der Radweg so bleiben? Oder soll er breiter werden?“ Was der Gutachter für diese Strecke empfiehlt, konnte Kommunalverbundsgeschäftsführerin Susanne Krebser nicht aus dem Ärmel schütteln. Eine weitere Frage Posts, ob Zuschüsse von Bund/Land in Aussicht stünden, bejahte sie hingegen. Sie erwähnte Zuwendungen für den „Bau von Radwegen, Radverkehrsanlagen und Knotenpunkten“.

Klaus Stark (SPD) erkundigte sich zu einer „blauen Strecke“ im Gutachterbericht – von Harpstedt über Kirchseelte nach Stuhr. Wo diese das Samtgemeindegebiet verlasse, „gibt’s sie gar nicht“, sagte er. Gespräche mit der Nachbargemeinde hätten in der Vergangenheit ergeben: Stuhr habe dort „nichts vor“. Zumindest, so erwiderte Krebser, gebe es nunmehr „eine Grundlage für die Zielaussage, dass auf der beschriebenen Strecke ein Radweg erster Ordnung entstehen soll“. Auf die Frage Starks, ob das Land an Landesstraßen eine Vorbildfunktion zu übernehmen gedenke, antwortete Krebser: „Wir wollen gern im Kommunalverbund etwas dafür tun, dass es eines Tages so weit ist.“ Einer Vernachlässigung der Radwege redete Klaus Budzin (SPD) nicht das Wort: „Wir haben die Möglichkeit, relativ entspannt nach Wildeshausen und Ganderkesee zu kommen, demnächst auch nach Twistringen.“ Recht schlecht sei der Weg nach Dünsen. Sogar Bremen sei radelnd erreichbar. Ebenso Bassum, wenngleich auf etwas schwierige Weise. Radwege an allen Landes- und Kreisstraßen zu fordern, wo viel motorisierter Verkehr fließe, sei nicht unbedingt im Sinne der Radfahrenden. Budzins Appell: Schauen, wo gute Voraussetzungen seien und mit relativ wenig Aufwand ganz viel erreicht werden könne.

Von Jürgen Bohlken

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