Atelier „Kunst  + Handwerk“ an der Mullstraße galt jahrzehntelang als gute Adresse für Kunden mit Sinn für das Schöne

Harpstedt hat ein „echtes Juwel“ verloren

Der Rotschopf links ist die erste Puppe, die Hannelore Müller 1980 erschuf. „Dicker“ nennt sie ihren ersten Teddy – wegen seines kugelrunden Bauches.

Harpstedt - HARPSTEDT (boh) · „Ich habe mein halbes Leben in diesem Laden gestanden“, seufzt Hannelore Müller. Etwas Wehmut schwingt schon mit, denn seit Silvester ist ihr Atelier an der Mullstraße Geschichte.

Jahrzehntelang galt das Fachgeschäft für Kunsthandwerk und Geschenkartikel als gute Adresse. „Ihr Lebenswerk war ein echtes Harpstedter Juwel“, schrieb eine treue Kundin aus Ganderkesee Hannelore Müller zu Weihnachten. „Sie, Ihr Mann und Ihr zauberhafter Laden waren für mich immer ein schöner Grund, mich auf den Weg nach Harpstedt zu machen.“

Die Entscheidung, das Geschäft aufzugeben, hatte Kurt Müller noch gemeinsam mit seiner Frau getroffen. Den Räumungsverkauf aber musste Gattin Hannelore allein bewerkstelligen. Ihr Mann verstarb im Juli völlig überraschend. Hervorgegangen war das Geschenkartikelgeschäft aus einem – dem dortigen Tischlerei-Traditionsbetrieb angegliederten – Möbelladen, der um 1930 angebaut worden war. „Ich habe 1955 eingeheiratet“, erzählt Hannelore Müller.

Die Umorientierung zu einem kunsthandwerklichen Sortiment begann bescheiden – mit Strohsternen und von Kurt Müller gefertigten Frühstücksbrettern. Damit folgte das Geschäft in den 60-ern einem Trend. „Zu der Zeit fingen Möbelläden an, auch Kunsthandwerk anzubieten“, weiß Hannelore Müller. Die 77-Jährige erinnert sich noch gut daran, wie sie mit ihrem Gatten erstmals zur Hannover-Messe fuhr, um Waren zu ordern. „Italienische Keramik der blau-grünen Welle war damals gefragt. Wir haben eine ganze Menge davon angeschafft, von Vasen und Schalen bis hin zu Aschenbechern“, erzählt sie. Später standen auch Besuche der Frankfurter Frühjahrs- und der Herbstmesse immer wieder auf dem Terminplan. Hannelore Müller hat dem Atelier „Kunst+Handwerk“ zusammen mit ihrem Mann ihren ganz persönlichen Stempel aufgedrückt. „Der Anteil selbst hergestellter Produkte nahm immer mehr zu“, sagt die 77-Jährige. Das Klientel kam mitunter nicht nur, um zu kaufen. Es holte sich auch Anregungen für eigene Basteleien, weshalb die Kundengespräche gern mal etwas länger dauerten. Allerdings alterte die Stammkundschaft mit dem Geschäft. Und viele derjenigen, die dem Laden lange Jahre die Treue hielten, leben inzwischen nicht mehr. Auch dies war ein Grund für Hannelore Müller, die Pforten endgültig zu schließen.

Über Jahrzehnte hatte sie sich mit ihrem Mann handwerkliche Kenntnisse angeeignet und an Hörer in Volkshochschulkursen oder auch an Landfrauen in Arbeitsgemeinschaften weitergegeben. Ob Nähen, Schneidern, Seidenmalerei, Stoffdruck oder Makramee – Hannelore Müller fühlte sich in den unterschiedlichsten Techniken zu Hause und ließ andere von ihrem Geschick profitieren. Ihr Mann Kurt, Tischlermeister aus Passion, führte Interessierte unter anderem an die Kunst des Töpfern heran. Einst kamen sogar Landfrauen mit alten Schränken und Truhen zu ihm, um ihre antiken Möbel gemeinsam mit ihm zu restaurieren.

„Ich war der Erste“, steht zusammen mit der Jahreszahl 1980 auf einer Puppe geschrieben, die Hannelore Müller wie ihren Augapfel hütet. Sie ist einem rothaarigen Jungen nachempfunden. „Dicker“ nennt die Harpstedterin ihren ersten selbst gefertigten Teddy – wegen seines kugelrunden Bauches.

Ihre Kenntnisse im Weben besserte sie 1970 während eines international besetzten Seminars in Finnland auf. Für Modenschauen schneiderte sie „manchmal bis zu 80 Modelle“. Eine Präsentation im Hotel „Waldfrieden“ (Rogge-Dünsen) ist ihr in besonders guter Erinnerung geblieben: „Es gab einen langen Laufsteg in Y-Form. Mein Mann übernahm Musik, Beleuchtung und Moderation. Es war unsere wohl schönste Modenschau“, sagt die Harpstedterin, die mit Genugtuung auf ihr erfülltes Leben zurückblickt.

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