Experte misst Strahlungsbelastung durch Mobilfunkturm / Werte teils sehr bedenklich, aber im gesetzlichen Rahmen

„Der Mast hat dort nichts zu suchen“

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Der baubiologische Messtechniker Wolfgang Wessel hat in Neerstedt im Umfeld des Mobilfunkmastes Hochfrequenzmessungen vorgenommen – sowohl im Außenbereich der Schule als auch in den Schlafzimmern von ausgewählten Einwohnern.

Neerstedt - Von Tanja SchneiderWie hoch ist die Strahlungsbelastung, die von dem Mobilfunkmast in Neerstedt ausgeht? Diese Frage beschäftigt Karl-Heinz von Döllen schon lange. Nun hat er Antworten. Denn auf seine Initiative hat ein Experte Messungen vorgenommen. Die Ergebnisse liegen zwar unter den deutschlandweiten Grenzwerten, seien aber dennoch – gerade im Bereich der Schule – bedenklich.

Wie von Döllen versichert, möchte er keine Panik machen. „Aber ich wollte Gewissheit haben“, sagt der Ostrittrumer. Nach seiner Aussage gibt es in dem dortigen Wohngebiet eine ungewöhnliche Häufung von Krebserkrankungen, fast in jedem dritten Haushalt sei jemand betroffen. Immer wieder würden Stimmen laut, die einen Zusammenhang mit dem Mobilfunkturm vermuten, der direkt an der kleinen Turnhalle zwischen Schule, Kindergarten und Wohngebiet steht und in den vergangenen Jahren immer weiter durch die Mobilfunkanbieter „aufgemotzt“ wurde.

Bürgermeister Heino Pauka ist die Problematik bekannt. „Das ist ein heißes Eisen“, sagte er, verneinte aber die Nachfrage nach Messergebnissen aus den vergangenen Jahren. Der Gemeinde liege nichts vor. „Diskussionen in Rat und Verwaltung hat es aber immer wieder gegeben“, so Pauka. Intensiver habe sich die Verwaltung zuletzt vor sechs bis sieben Jahren mit dem Thema befasst. Damals habe das Gesundheitsamt des Landkreises Oldenburg geprüft, ob eine signifikante Häufung von Krebserkrankungen vorliegt. „Man hat uns versichert, dass dies nicht der Fall ist und auch die Grenzwerte eingehalten werden“, berichtete er.

Eben jene gesetzlichen Werte seien aber das Problem, meint Wolfgang Kessel, der die Messung durchgeführt und einen Untersuchungsbericht erstellt hat, der der Redaktion vorliegt. Der Baubiologe und baubiologische Messtechniker aus Bargteheide (Schleswig-Holstein) hat schon für diverse Städte, Gemeinden und Bürgerinitiativen Messungen und Studien in diesem Bereich unternommen und sagt: „Die gesetzlichen Grenzwerte in Deutschland sind politisch und wirtschaftlich motiviert und so astronomisch hoch, dass sie ohnehin nie erreicht werden.“ Nicht ohne Grund habe der Europäische Gerichtshof entschieden, dass die Werte keinen Gesundheitsschutz darstellen. „In Deutschland liegt der Grenzwert im Bereich von 920 bis 960 Megaherz, in dem alle Mobilfunkanbieter senden, bei 4,7 Millionen Mikrowatt. Zum Vergleich: In der Schweiz sind es 40 000 Mikrowatt“, berichtet Kessel. Und so habe jedes europäische Land seine ganz eigenen Werte. Die STOA-Kommission des  EU-Parlaments hatte hingegen schon im März 2001 einen Vorsorgewert empfohlen. Demnach sollten an Stellen mit Langzeitbelastung 100 Mikrowatt pro Quadratmeter nicht überschritten werden.

Bei der Hochfrequenzmessung in Neerstedt stellte Kessel bei der Schule in Höhe der Bushaltestelle einen Wert von 4 502 Mikrowatt pro Quadratmeter fest. Als Verursacher stehen die großen Mobilfunkanbieter wie T-Mobile, Vodafone, O2 und E-Plus auf der Liste. Hinzu kommen die UMTS-Sendekanäle. Und Kessel ist sich sicher, dass das noch nicht das Ende der Fahnenstange ist. Durch die LTE-Aufrüstung, die bei allen Anbietern kommen werde, könnten die Werte steigen. „Denn bei LTE wird mit einer viermal höheren Leistung gesendet“, sagt der Fachmann. Für ihn steht fest: „Der Mast in Neerstedt hat in dieser zentralen Lage nichts zu suchen.“ Ihn nun aber für eine Häufung von Krebserkrankungen verantwortlich zu machen, sei Spekulation.

Neben der Schule gab es in Neerstedt noch vier weitere Messpunkte – und zwar in den Schlafzimmern von Einwohnern. Dort fallen die Ergebnisse recht unterschiedlich aus. So war der Wert in einem der Häuser, das 1,5 Kilometer vom Mobilfunkmast entfernt liegt, mit 16 Mikrowatt pro Quadratmeter unauffällig. Anders sah es allerdings in einem 300 Meter entfernt liegenden Haus aus – dort wurden im Schlafzimmer 1 792 Mikrowatt pro Quadratmeter ermittelt. „Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass nicht nur die Strahlungen des Turmes, sondern auch des eigenen WLANs, des Fernsehrundfunks UHF sowie des DECT-Telefons hinzukommen“, betont Kessel. Und auch diese seien nicht unerheblich. „Vielen Menschen ist überhaupt nicht bewusst, dass sie sich mit diversen Geräten auch Elektrosmog ins Haus holen“, meint er. Er wolle aber keine Angst machen, sondern dazu ermuntern, konstruktiv mit dem Thema umzugehen. „Es gibt einige Möglichkeiten, die Werte im Haus zu verringern“, sagt er.

Auch von Döllen möchte aufklären und vor allem auf das Thema aufmerksam machen. „Alle wollen mit dem Handy telefonieren und im Internet surfen, mit den Begleiterscheinungen befasst sich aber kaum jemand“, meint der Ostrittrumer.

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