„Wir stellen auf großer Fläche die Weichen“

Ein Überangebot an Holz und zu wenig Erlös: Den Landesforsten entgehen Einnahmen, die sie für die Wiederaufforstung gut gebrauchen könnten. Foto: Landesforsten

Wälder gegen den Klimawandel zu wappnen sei nicht einfach, sagt Stefan Grußdorf vom Forstamt Ahlhorn. Denn Bäume brauchen Jahrzehnte, um zu wachsen – neue, widerständigere Arten müssen also erst einmal groß werden. Bis dahin setzt er auf Bauen mit Holz und gutes Wassermanagement.

VON KATIA BACKHAUS

Ahlhorn – Stefan Grußdorf kennt sich mit dem Dürremonitor gut aus. Täglich veröffentlicht das Helmholtz-Institut für Umweltfragen im Internet drei Karten. Darauf sind der aktuelle Dürrezustand des Gesamt- und des Oberbodens zu sehen sowie die Menge an Wasser, das für Pflanzen in der Erde verfügbar ist. Derzeit ist das Gebiet des Forstamts orange und rot eingefärbt – vor allem die ersten 25 Zentimeter unter der Erdoberfläche sind aufgrund der langen Zeit ohne Regen ausgetrocknet. Die Vegetation droht, in Trockenstress zu geraten.

„Uns erwischt der Klimawandel komplett“, sagt Grußdorf. Das hat mindestens zwei Gründe: Erstens dauert es ziemlich lange, einen Wald umzubauen und den Baumbestand zu verändern, weil diese Jahrzehnte brauchen, um die Größe zu erreichen, in der sie verarbeitet werden können. Zweitens seien das häufig monokulturelle Aussehen des heutigen Walds ein Resultat von Entscheidungen, die in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg getroffen wurden. Damals habe man Arten ausgesucht, die schnell wachsen und Holz liefern. Die gesellschaftlichen Anforderungen müssten immer mitgedacht werden, wenn es um den Wald gehe, findet Grußdorf.

Heute sei gewünscht, dass die Forstämter für einen gemischten Baumbestand sorgten und dabei darauf achteten, dass sie möglichst robust gegenüber Hitze und Trockenheit sind. „Wir stellen jetzt auf großer Fläche die Weichen für den Wald in 60, 100, 140 Jahren. Ich hoffe, dass diese Entscheidung richtig ist.“ Der Wald habe durch den Klimawandel eine ganz neue, öffentliche Aufgabe erhalten.

Wie packen Grußdorf und seine Kollegen diese Situation an? 2020 ist das dritte Jahr, in dem ein außergewöhnlich heißer und trockener Sommer droht, die ersten Anzeichen dafür gibt es bereits. Eine wichtige Funktion, die Bäume für den Erhalt des Klimas übernehmen, ist ihre Eigenschaft, CO2 zu speichern. Das bedeutet: Wer Holz als Baumaterial nutzt, hat nicht nur eine solide Grundlage, sondern trägt außerdem dazu bei, dass das aufheizende Treibgas dauerhaft gebunden bleibt. „Diesen Sektor versuchen wir dauerhaft zu unterstützen“, erklärt Grußdorf. Auf Landesebene gebe es einige Projekte zum Bauen mit Holz.

Allerdings gibt es dabei aus Sicht der Produzenten einen Haken, der wiederum mit dem Klimawandel zusammenhängt: „Der Holzmarkt ist nahezu komplett zusammengebrochen“, sagt der 51-Jährige. Es bestehe ein „Überangebot an Nadel- und Kiefernholz“, das die Preise um bis zu zwei Drittel gedrückt habe. Habe er vor drei oder vier Jahren noch 85 Euro für einen Festmeter Fichte verlangen können, liege der Preis heute bei etwa 30 Euro. Zudem seien die Kosten für die Aufarbeitung des Holzes, etwa nach Sturmschäden, gestiegen. „Da bin ich bei null oder sogar im Minus. Das ist enorm.“ So fehle Geld für die Wiederaufforstung.

Bewässern ist im Wald keine Option

Auch über die Bekämpfung der Trockenheit machen Grußdorf und seine Kollegen sich Gedanken. Eine extra Bewässerung, wie Landwirte sie auf ihren Feldern anwenden, komme allein schon wegen der riesigen Flächen nicht in Frage. Anstatt Wasser von oben auf den Boden zu bringen, denkt er über die Situation unter der Oberfläche nach. Er will den Grundwasserstand dauerhaft anheben – und zwar, indem er Gräben verschließt. „Wir haben ein unglaublich ausgebautes Grabensystem“, erläutert er. Dieses sei ursprünglich angelegt worden, um den Boden zu entwässern und nutzbar zu machen. Doch nun habe es einen negativen Effekt: Regenwasser werde über die kleinen Kanäle zu schnell abgeleitet. Ohne sie „hätte das Wasser die Zeit, im Unterboden zu versickern“. Geht die Logik auf, könnten eines Tages auch die Karten des Dürremonitors für die Region wieder etwas besser aussehen. Am meisten würde er sich allerdings wünschen, dass es einfach regnet – am besten sechs Wochen am Stück.

Forstamt Ahlhorn

Stefan Grußdorf, 51, ist seit 2013 Betriebsdezernent beim Forstamt Ahlhorn. Dieses betreut 14 500 Hektar Landeswald sowie 800 Hektar Privatwald.

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